Phantombilder

14. April 2019 21:25; Akt: 15.04.2019 07:19 Print

So viel verrät die DNA über Verbrecher

von D. Krähenbühl - Justizministerin Karin Keller-Sutter will die Möglichkeiten zur Täterfahndung ausbauen. Die Polizei soll in Zukunft gezielt nach Haut-, Haar- oder Augenfarbe suchen.

Bildstrecke im Grossformat »
Die Polizei von Costa Mesa fand Sunny Adrienne Sudweeks am 23. Februar 1997 erwürgt in ihrer Wohnung vor. Trotz Massen DNA-Tests konnte der Täter nicht gefunden werden. Die Polizei wandte sich 2016 schliesslich an die Firma Parabon NanoLabs. Aufgrund des Phantombilds prüfte die Polizei am Tatort erhobene DNA-Abstriche erneut - und fand einen Match. Links ein Vergleich vom Phantombild mit dem Täter. Im Mai 2016 ging die Polizei einer Vermisstmeldung für die 25-jährige Chantay nach. Zwei Tage später wurde sie tot aufgefunden. Trotz DNA-Abgleich mit einer Datenbank wurde der Täter nicht gefasst. Über ein Jahr später nahm man eine Phänotypisierung vor. Diese zeigte, dass der Täter mit grosser Wahrscheinlichkeit ein weisser Mann europäischer Herkunft mit hellen Haaren und blauen oder grünen Augen ist. Eine Woche später wurde der Täter verhaftet. 2008 wurde die 17-jährige Brittani von einem Mann Zuhause tätlich angegriffen und schwer verletzt. Sie lag mehrere Wochen im Koma und musste 16 Operationen über sich ergehen lassen. Nach jahrelanger erfolgreicher Suche wurde 2016 eine einhaltliche DNA-Analyse vorgenommen. Die inhaltliche DNA-Analyse zeigte, dass der Täter europäischer Herkunft ist, heller Hautfarbe, mit braunen oder blonden Haaren und mit grünen Augen. Die Polizei hatte ihn bereits verhört, mit den neuen Beweisen konfrontiert verwickelte er sich jedoch in Widersprüche und gab die Tat schliesslich zu. Das Angebot der amerikanischen Firma Parabon NanoLabs, die mit solchen DNA-Phänotypisierungen Werbung macht, ist in Fachkreisen jedoch umstritten, sagt die Forscherin Cordula Haas. Das Vorgehen sei wissenschaftlich nicht nachvollziehbar, so Haas. «Es ist nicht bekannt, welche Algorithmen eingesetzt werden und wie die Firma auf das Resultat kommt.» Die Bilder seien deshalb mit grosser Vorsicht zu geniessen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Im Juli 2015 zerrt in Emmen ein Mann eine junge Frau vom Velo, vergewaltigt sie und lässt sie schwer verletzt zurück. Obwohl über 400 Männer zum DNA-Test aufgeboten wurden, fehlt vom Täter noch immer jede Spur. Heute kann die Polizei DNA-Profile nur mit einer Fahndungsdatenbank abgleichen, inhaltlich aber nicht auswerten, um Hinweise auf das Aussehen des Täters zu erhalten. Bundesrätin Karin Keller-Sutter will das jetzt ändern, wie die «Zentralschweiz am Sonntag» berichtet.

Einige Spuren Blut, Speichel oder Sperma reichen, um im Labor die Augen-, Haar- und Hautfarbe und die biogeographische Herkunft zu eruieren. In einigen Jahren könnten eventuell sogar Aussagen über Körpergrösse, Alter, Haarstruktur oder erblich bedingten Haarausfall der betroffenen Person gemacht werden, sagt Cordula Haas, Forscherin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich.

Phantombild eine «Illusion»?

Die Vorhersagegenauigkeit würde sich aber unterscheiden: «Rote oder schwarze Haaren, braune oder blaue Augen sind per DNA relativ leicht zu erkennen», sagt Haas. Bei blonden Haaren oder grünen Augen werde die Vorhersage schon schwieriger, weil beispielsweise blonde Haare im Laufe des Lebens nachdunkeln können.

In den USA gibt es bereits Firmen, die behaupten, aufgrund einer DNA-Analyse ein Phantombild erstellen zu können. Die Behauptungen sind in Fachkreisen jedoch umstritten. «Die Methoden des Unternehmens sind wissenschaftlich nicht nachvollziehbar», so Haas. «Ein Phantombild des Täters zu erstellen, indem man seine DNA analysiert, ist – zumindest jetzt noch – eine Illusion. Die Erwartungen sind viel zu hoch. Von allfälligen DNA-Phantombildern sind wir noch weit entfernt.» In Zukunft werde aber immer mehr möglich sein.

Doch auch dann wäre der Datenschutz gewährleistet, sagt Haas. «Wir würden keine Informationen an die Polizei weitergeben, die nicht auch ein Zeuge machen könnte.» Als Ermittlungshilfe für die Polizei, sei die DNA-Phänotypisierung ein nützliches Mittel, sagt Haas. Sie befürwortet deshalb die Möglichkeit, die Technologie bei schweren Straftaten einzusetzen.

Polizei will neue Technologie

Dass eine inhaltliche DNA-Auswertung der Polizei helfen würde, bestätigt Max Hofmann, Generalsekretär des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB). «Eine Einführung derartiger Technologie würde uns helfen, effizienter und effektiver auf Tätersuche zu gehen.»

Massen-DNA-Tests würden damit unnötig, der Täterkreis wäre eingeschränkt. «Das Risiko, dass ein Sexualstraftäter oder Mörder noch Jahre nach der Tat frei herumlaufen könnte, wäre minimiert.»

Generalverdacht durch DNA-Analyse

Gegen eine inhaltliche DNA-Analyse spricht sich hingegen der eidgenössische Datenschützer, Adrian Lobsiger, aus. Er beschreibt in der «Zentralschweiz am Sonntag» den theoretischen Fall, bei dem es in einem Dorf zu einer Vergewaltigung käme und die DNA-Analyse auf einen dunkelhäutigen Täter hindeuten würde. Alle Männer mit dunkler Hautfarbe kämen unter Generalverdacht, so Lobsiger.

«Gerade bei einer öffentlichen Fahndung drohen Vorverurteilungen, die sich im schlimmsten Fall in spontaner Gewalt entladen könnten.» Bei schweren Verbrechen gegen Leib und Leben habe er aber «ein gewisses Verständnis» wenn die DNA nach Körpermerkmalen ausgewertet werde.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Eine DNA dürfte wohl nicht grundsätzlich verändert werden können und schon gar nicht ohne chemische Eingriffe (bin aber keine Fachperson). Jedoch können Stress/Schock/Enttäuschungen sehr wohl ursächlich für z.B. Haarausfall sein (dies hat aber nichts mit der DNA zu tun). – Sandra

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Besserwisser am 14.04.2019 22:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meinen segen hat sie

    Wenns der aufklärung solcher abscheulichen taten hilft, sollte solchen technologien nichts im wege stehen.

    einklappen einklappen
  • Patrik am 15.04.2019 01:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sehr Vorausschauend

    Bravo! Endlich mal ein Bundesrat, welcher Nägel mit Köpfen macht und sich auch an eine Tabuisierung traut.

    einklappen einklappen
  • Gonzo am 14.04.2019 22:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt Einführen

    Gute Sache, Datenschutz hin oder her, wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, muss auch nichts befürchten.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Heidi Heidnisch am 15.04.2019 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DNA-Sammlung

    Früher sammelten die Menschen Briefmarken oder Münzen, heute ist es DNA. Und die Firma, die die meisten Proben in der Kartei hat, kann sich dann auch am Teuersten verkaufen. Nützlich? Oder nur eine Pseudo-Wissenschaft?

  • James Ballottelli am 15.04.2019 19:27 Report Diesen Beitrag melden

    Kleiner haken

    DNA eignet sich bestens um falsche spuren zu legen.

  • Plebes am 15.04.2019 19:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DNA für alle

    Ich würde sogar zwei Schritte weitergehen, und von jeder Person , gleich bei Geburt, und bei den andern nach und nach, zb bei jeder Pass Erneuerung, und bei jeder Einreise in die Schweiz, gleich die DNA nehmen.

  • "der Stammgäste" diesbezüglich? am 15.04.2019 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weshalb meldete sich keiner

    Etwas störte mich sehr. Die Körpergrösse des Täters. Die junge Frau sass auf dem Velo, als er sie zu Boden riss. Also muss er mindestens 10 bis 15 cm grösser sein, als sie ihn einschätzte. Uns viel auf, dass ein Mann, welcher wenige Wochen zuvor im Sonnenplatz verkehrte und zierliche Frauen anmachte (Rest. Fellini). Er war mit "Stammgästen" zusammen. Kurze Zeit danach verschwand er wie vom Erdboden. Ein einziges Mal sahen wir ihn. Zwei Jahre nach diesem Ereignis. Am Kiosk Sprengi. Er erschrak. Der Mann war mindestens 195 cm gross, trug stets kurze Shorts, ein "Deckelkäppi" und eine Sonnenbrille. Wir sind bestimmt nicht die Einzigen, denen dies aufgefallen ist.

  • Hmm am 15.04.2019 18:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fall für Fall

    Um zu wissen wonach man suchen muss bzw. wonach bestimmt nicht gesucht werden muss, das ist ok. Aber wenn dann diese Daten zusammenfliessen und es zu einem Glaskugelschauen verkommt, gesteutert durch eine "KI", deren "Entscheidungsprozesse" wir längst nicht mehr zu verstehen in der Lage sind, dann artet es langsam aus.