Geldwäschereiskandal in Italien

23. Februar 2010 17:41; Akt: 23.02.2010 20:39 Print

Polizei sucht Ex-Chef von Swisscom-Tochter

Silvio Scaglia, dem Gründer und Ex-Chef der Swisscom-Tochter Fastweb, sowie amtierenden Spitzenmanagern wird vorgeworfen, zwei Milliarden Euro Steuern hinterzogen zu haben. Ein Gesuch zur Einstellung der Geschäftsaktivitäten von Fastweb sei eingereicht worden.

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In einer internationalen Grossrazzia sind am Dienstag Fahner mit 56 Haftbefehlen ausgerückt wegen Geldwäscherei im grossen Stil. Neben dem Gründer Scaglia ist auch Fastweb-Chef Stefano Parisi und weitere Spitzenmanager im Visier der Behörden.

Scaglia hatte 2007 Kasse gemacht, indem er sein Aktienpaket am Mailänder Breitbandanbieter an die Swisscom verkaufte, die jetzt über 80 Prozent an Fastweb besitzt. Damit hatte der 52-jährige Manager Platz 13 im Ranking der reichsten italienischen Unternehmer erobert.

Sein Rechtsanwalt teilte nun am Dienstag mit, der Manager befinde sich im Ausland und sei bereit, sich der Polizei zu stellen. Scaglia erklärte sich über seinen Rechtsanwalt für unschuldig.

Fiktive Rechnungen

Scaglia und den anderen 56 Personen, die in den Sog der Ermittlungen geraten sind, wird vorgeworfen, vor dem Fastweb-Verkauf an die Swisscom riesige Summen gewaschen zu haben, die aus Steuerbetrug stammten.

Die Verdächtigen werden beschuldigt, zwischen 2003 und 2006 mit fiktiven Käufen und Verkäufen von internationalen Telekom- Dienstleistungen 2 Mrd. Euro in Rechnung gestellt zu haben. Damit hätten sie den Fiskus um 365 Mio. Euro betrogen.

Bei ihren Geschäften hätten die Betrüger das Netz von Fastweb und anderen italienischen Telekombetreibern benutzt, teilte Fastweb in einer Stellungnahme mit.

Festnahmen

Die Fahnder rückten am Dienstag zeitgleich an verschiedenen Orten an. Verhaftet wurden gesuchte Personen in Italien, den USA, Grossbritannien und Luxemburg. Wie viele Festnahmen es gab, war am Dienstagabend nicht bekannt.

Ausser Scaglia sind auch der derzeitige Fastweb-Geschäftsführer Stefano Parisi sowie zwei weitere Spitzenmanager des Mailänder Unternehmens von den Geldwäsche-Ermittlungen betroffen. Gegen den damaligen Fastweb-Verwaltungsrat Mario Rossetti wurde ebenfalls Haftbefehl erlassen. Neben Fastweb betreffen die Ermittlungen auch hohe Manager der Telecom Italia-Tochter Sparkle.

Gesuch zur Einstellung der Aktivitäten eingereicht

Fastweb gab bekannt, es sei bei der Justiz ein Gesuch für ein Verbot der Geschäftstätigkeit des Unternehmens eingereicht worden. Ein Richter werde darüber am 2. März entscheiden.

Die Swisscom rechnet nicht damit, dass es so weit kommt: «Nach heutigem Wissensstand gehen wir davon aus, dass Fastweb von einem gerichtlich eingesetzten Kommissar begleitet werden könnte», sagte Swisscom-Sprecher Sepp Huber auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA.

Fastweb wies jegliches Fehlverhalten im Zusammenhang mit der Geldwäsche-Untersuchung zurück. Fastweb sei selber Geschädigte in dem Fall, teilte die Firma mit. Man garantiere aber die Weiterführung des Betriebs für die Kunden und die 3500 Angestellten.

Gegenstand des Rechtsstreits sei eine Mehrwertsteuerforderung gegen Fastweb von maximal 38 Mio. Euro. Die Behörden hätten eine Beschlagnahmung dieser Summe angeordnet.

Swisscom: Risiken im Kaufpreis enthalten

Die Angelegenheit ist bereits seit Jahren bekannt. Schon 2007 ermittelte ein Römer Untersuchungsgericht wegen angeblich falscher Rechnungen zur Erschleichung von Steuerkrediten. Fastweb hatte damals die Vorwürfe als völlig haltlos zurückgewiesen.

Die Swisscom habe die Vorwürfe gekannt, sagte Swisscom-Sprecher Sepp Huber auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA: «Das ist nichts Neues.» Vor der Übernahme von Fastweb habe die Swisscom die Angelegenheit auch von externen Spezialisten überprüfen lassen. Die möglichen Risiken, wie man sie damals eingeschätzt habe, seien bereits im Kaufpreis für Fastweb von rund 6 Mrd. Fr. enthalten.

Senator betroffen

Am Rande der «Broker» genannten Operation hatten die Fahnder auch den römischen Senator Nicola Di Girolamo von Ministerpräsident Silvio Berlusconis Regierungspartei PdL (»Volk der Freiheit») im Visier. Dabei geht es um Wahlbetrug unter Auslandsitalienern in Deutschland, vor allem in Stuttgart, berichteten italienische Medien.

Die kalabrische Mafia «Ndrangheta» soll sich dort illegal Blanko- Stimmzettel für Wahlen in Italien besorgt und dann den Namen des Senators eingetragen haben. Als «Sponsor» des Betrugs gilt ein römischer Unternehmer, der ebenfalls zu den mit Haftbefehl Gesuchten gehört.

(sda)