1000 Franken bei 60 Prozent

09. Mai 2018 21:12; Akt: 10.05.2018 10:43 Print

Praktikumslohn der Juso reicht nicht zum Leben

Die Juso peitschten Praktikanten durch die Berner Altstadt – eine Protestaktion gegen Ausbeuterlöhne bei Praktika. Nicht auf Rosen betten sie die eigenen Praktikanten.

Hier protestieren die Juso gegen die Ausbeutung von Berufseinsteigern. (Video: Facebook/Juso)
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Laut den Zahlen des Bundesamts für Statistik erhalten Berufseinsteiger immer öfter nur befristete Arbeitsverträge. Die Juso starteten darum gemeinsam mit der Gewerkschaft Unia eine Kampagne gegen die Ausbeutung von Praktikanten. In einer Protestaktion peitschte ein Chef seine Praktikanten durch die Berner Strassen. Gegenüber Nau.ch forderte Juso-Präsidentin Tamara Funiciello strengere Regeln und besser Löhne: «Wenn man 100 Prozent arbeitet, sollte man vom Lohn leben können. Diese Bedingung stellen wir für alle Arbeiten – auch für Praktika.»

Nicht den gleichen Massstab legt die Jungpartei bei den eigenen Praktikanten an. Wie aus einem Inserat für eine Praktikumsstelle im Jahr 2016 hervorgeht, wurde ein 60-Prozent-Pensum mit 1000 Franken brutto entlöhnt. Hochgerechnet auf ein Vollzeitpensum sind das 1666 Franken brutto – ein Lohn deutlich unter dem Existenzminimum.

Das Stelleninserat der Juso:

Praktikumslohn der Juso reicht nicht zum Leben

«Das ist heuchlerisch»

Andri Silberschmidt, Präsident der Jungfreisinnigen, ist nicht überrascht: «Es ist symptomatisch für die Juso: Sie wollen anderen weltfremde Vorschriften machen, die sie selbst aber nicht vorleben. Das ist heuchlerisch.» Ein Praktikum sei eine Möglichkeit, in einem Beruf zu schnuppern und erste Erfahrungen zu sammeln. Viele Firmen könnten keinen vollen Lohn zahlen.

Gleichzeitig sagt auch Silberschmidt, dass es in einzelnen Branchen Praktikanten gebe, die als günstige Arbeitskräfte herhalten müssten. «Bei Kinderkrippen etwa gibt es einjährige Praktika und tiefe Löhne. Das könnte man über die Gesamtarbeitsverträge verhindern.»

Dafür gibt es sieben Wochen Ferien

Laut Juso-Zentralsekretärin Julia Baumgartner bekommt die Praktikantin oder der Praktikant auf dem Sekretariat (60%) immer noch die 1000 Franken. «Ja, davon kann man nicht leben. Wir stellen aber sehr junge Menschen an, die noch zu Hause wohnen, und das nur für drei bis sechs Monate.» Klar habe man noch Verbesserungspotenzial – man suche auch immer individuelle Lösungen. «Aber lenken wir nicht von der Problematik ab: Wir kritisieren vor allem Praktika, die Bedingung sind, um überhaupt eine Lehrstelle zu bekommen, wie etwa bei den Kitas.»

Bei der Jungpartei würden Praktikanten ausgebildet, so Baumgartner. «Wir haben bewusst nur eine und nicht mehrere Praktikumsstellen, was eine individuelle Betreuung garantiert.» Man gewinne wertvolle Einblicke in die Parteiarbeit. Besuche bei Fraktionssitzungen der SP im Bundeshaus gehörten zum Beispiel fest dazu. «Die Arbeitszeit wird auf die Minute genau erfasst. Und wir haben sieben Wochen Ferien im Jahr. Das gibt es sonst nirgendwo.»

Wurdest du im Praktikum als billige Arbeitskraft missbraucht? Berichte uns über das Formular von deinen Erfahrungen. Wir behandeln all deine Angaben vertraulich.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heinz Maier am 09.05.2018 21:44 Report Diesen Beitrag melden

    unrealisten

    wasser predigen und wein trinken. getreu nach dem motto "wir wollen wollen und wollen nochmals, bezahlen sollen es aber die anderen". überrascht mich jetzt nicht...

  • Sigi am 09.05.2018 21:24 Report Diesen Beitrag melden

    Egal....

    Egal, der Rest bis zum Existenzminimum zahlt ja der Staat :-)

  • Tiagovic am 09.05.2018 21:30 Report Diesen Beitrag melden

    Doublethink

    Es würde den Leuten bei der Juso wirklich einmal gut tun Georg Orwells 1984 zu lesen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bachelor of Science am 10.05.2018 19:05 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht die einzigen!

    Selbst nach einem Studium samt Bachelor-Abschluss verdient man im Praktikum nicht mal 1000.- und das reicht auch nicht zum leben! Das kümmert aber niemanden...

  • Suellen am 10.05.2018 18:17 Report Diesen Beitrag melden

    Faulheit

    Die werden unverschämt ich war ein 16 J Mädchen und müsste Arbeiten damit Mutter überleben konnte,und die wollen den Fünfer und das Wegglitt Arbeit gibt es genug,aber man muss nur wollen,

  • Marie am 10.05.2018 17:33 Report Diesen Beitrag melden

    Zeitliche Begrenzung

    Es braucht eine zeitliche Begrenzung der Praktikas, denn ein Lohn am Existenzminimum ist nur für einen beschränkten Zeitraum zumutbar. Ausserdem ist ein Niedriglohn für Lehrlinge und Gymnasiasten eher zumutbarer als für Hochschulabsolventen, denn diese sind 1. Jünger 2. Wohnen noch eher bei Mama und Papa. Denn ein Hochschulabsolvent von 22+ ist eher mal auf einen richtigen Lohn angewiesen, ausserdem sollte das nach einer mehrjährigen Erstausbildung auch schneller gehen.

  • Ein Leser am 10.05.2018 17:05 Report Diesen Beitrag melden

    Vosicht vor befristeten Verträgen

    Das gleiche mit den Temporärverträgen oder befristeten Verträgen. Meine Freundin wollte einmal einen Stellenwechsel wagen, da der neue Arbeitgeber in der nähe unseres Wohnorts war, der Haken war, die Stelle war befristet. Ihre Verwanten sagten, danach wird man sowieso weiterbeschäftigt. Ich konnte sie zum Glück davon abhalten eine 100% Stelle gegen eine befristete Stelle zu wechseln. Ganz wichtig, nich in die Zukunft schauen sondern im Jetzt bleiben. Was ich noch als Info erhalten habe, die Firma hat keine Mitarbeiter weiterbeschäftigt nach Abschluss des befristeten Vertrag.

  • S.F. am 10.05.2018 16:59 Report Diesen Beitrag melden

    Das Geld reicht nicht

    Unsere AHV samt EL reicht auch nicht.

    • Freier Mensch am 10.05.2018 18:01 Report Diesen Beitrag melden

      Bald gibt es weder das

      eine noch das andere. Eine Herausforderung!

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