Rassismus in Klassenchats

30. Dezember 2019 04:52; Akt: 30.12.2019 07:02 Print

Primarschüler machen sich über Dunkelhäutige lustig

In Klassenchats kursieren diskriminierende Memes. Man dürfe das Problem nicht verharmlosen, sagen Experten.

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In Klassenchats von Schweizer Schülern geht es längst nicht nur um die Matheprüfung – vielfach werden auch rassistische, sexistische oder gewaltverherrlichende Inhalte verbreitet, wie der Medienbildungsverein Zischtig.ch schreibt. Ein drastisches Beispiel: In einem Chat einer fünften Primarschulklasse wurde das Bild eines dunkelhäutigen Buben in einer WC-Schüssel gezeigt, darunter ein diskriminierendes Wortspiel. Im gleichen Chat wurde aus Kinder-Schokolade eine Inder-Schokolade.

Umfrage
Sollen Eltern die Handys ihrer Kinder kontrollieren?

In einer Strassenumfrage bestätigen Schüler, dass sie solche Beiträge kennen. Ein Zwölfjähriger etwa sagt zu 20 Minuten, dass auch in seinem Klassenchat Stickers versendet würden, die Dunkelhäutige herabsetzten. Verbreitete Witze seien: «Wieso sind die Busse in Afrika überfüllt? – Weil dort alle schwarz fahren.» Es gehe aber nicht nur um die Hautfarbe, sagt der Schüler. So werden beispielsweise auch Personen mit Trisomie 21 Zielscheibe von Spott. Entsprechende Screenshots liegen 20 Minuten vor.

Hilflose Eltern suchen Rat

Laut dem Medienpädagogen Joachim Zahn von Zischtig.ch melden sich bei der Beratungsstelle zunehmend Lehrer und Eltern, weil sie Rat im Umgang mit schockierenden Beiträgen in Klassenchats suchen. «Die Mehrheit der gemeldeten Fälle betrifft die fünfte und sechste Klasse.» Das könne darauf zurückgeführt werden, dass die Eltern von Primarschülern öfter ein Auge auf die Handy-Aktivitäten ihrer Kinder werfen würden als bei den Älteren.

Besonders häufig seien erniedrigende Aussagen gegen dunkelhäutige Menschen. «Das kann man in Memes einfach optisch darstellen, erkennt man sofort als rassistisch und schickt es schnell weiter.» Oft würden rassistische Inhalte von einigen wenigen verschickt. «Häufig ignorieren die Klassenkameraden die Äusserungen. Direkter mündlicher Widerstand kommt selten vor.»

«Lehrer erfahren nicht alles»

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin des Schweizer Lehrer-Dachverbands LCH, kennt das Problem. Sie sagt, dass die Lehrpersonen meistens nicht Mitglied in den Gruppen seien. Dort entwickle sich eine Eigendynamik. «Die Lehrer erfahren nicht alles, was in den Chats passiert, auch weil sie nicht in die Handys der Schüler schauen dürfen.»

Die Begleitung der Jugendlichen durch die Eltern sei darum sehr wichtig. «Wenn Eltern ihre Kinder mit einem Smartphone ausrüsten, dann sollen sie sich auch mit dem Kind über die Nutzung unterhalten und ab und zu einen Blick in die Gruppenchats werfen.» Jugendliche seien Nachahmer. «Wenn sie zu Hause und in der Schule gute Werte und Regeln auf den Weg bekommen, dann äussern sie sich auch weniger rassistisch.» Wenn die Eltern diskriminierende Inhalte entdeckten, dann sollten sie das unbedingt den Lehrern mitteilen.

«Sie wollen provozieren»

Was wird mit rassistischen Aussagen bezweckt? «Meistens stecken keine böswilligen Absichten dahinter», sagt Peterhans. «Es geht oftmals einfach darum, wer der Coolste ist.» Sie wolle aber rassistische oder sexistische Aussagen auf keinen Fall verharmlosen. Es bestehe eine grosse Gefahr, dass es zu Mobbing von Einzelpersonen komme. «Es ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht mitmachen und es einem Erwachsenen melden.»

Zahn sieht das ähnlich: «Meistens geht es den Jugendlichen darum, zu provozieren und Aufmerksamkeit von den Kollegen zu erlangen. Manchmal geschieht es aber auch aus purer Langeweile». Die Äusserungen seien nicht ernst gemeint, sagt eine Zwölfjährige. Ihr Kollege ergänzt, dass es aber nicht bei allen gut ankomme.

Ein 15-Jähriger verschickt manchmal selber diskriminierende Memes. «Ich finde es nicht okay, aber auch nicht wirklich schlimm. Wir machen es nur aus Spass.» Er habe selber dunkelhäutige Kollegen und habe überhaupt nichts gegen sie. «Der Charakter hat nichts mit Herkunft und Hautfarbe zu tun.»

(les)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ralph am 30.12.2019 06:38 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt und Toleranz

    Das fehlt heute, aber nicht nur gegenüber Menschen mit andere Hautfarbe, das gleiche bei Dicke, nicht so hübsche und Intelligente auch gegenüber erwachsenen, Polizei und Rettungskräften usw. denke das liegt zumeist am Elternhaus und an deren Erziehung.

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  • Besserwisser am 30.12.2019 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hilflos?

    Hilflose eltern? Kümmert euch doch besser um eure kinder, anstatt sie durch das smartphone und den tv "erziehen" zu lassen.

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  • erstaunt mich nicht am 30.12.2019 05:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    selber schuld

    gebt den kindern doch schon ab der ersten klasse ein smartphone. habe selber solche sachen bei den geschwistern gesehn. die kinder haben heutzutage VIEL zu früh zugang zum internet da ist ja klar das sie nicht andauernd messi und neymar googeln...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • SquishyMuffinz am 30.12.2019 11:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Je nachdem Humor

    Es kommt meiner Meinung nach auch sehr auf die Persönlichkeit des Betrachters an. Ich selbst bin gegen jegliche Art von Diskriminierung. Solche Memes mit Wortspielen betrachte ich mehr mit Humor. Die Ersteller werden ja wohl nicht rechtsextrem/rassistisch sein. Man sollte aber dennoch die Grenze zwischen Humor und Diskriminierung nicht überschreiten.

  • Xardas am 30.12.2019 11:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ...

    Das Problem mit solchen rassistischen Sprücheklöpfer ist, dass sie nicht so gut einstecken können wie sie austeilen.

  • Stef94 am 30.12.2019 11:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Google & Co

    Könnte für die Schüler mal was nützliches sein... denke auch es liegt an der Erziehung der Kinder. Viele Eltern geben die Erziehung der Schule weiter bzw ab. Einfach nur traurig und lächerlich. Sorgt für eure Kinder amsonsten gibt es Verhütungsmittel!

  • Franziska am 30.12.2019 11:12 Report Diesen Beitrag melden

    Sich lustige machen

    über etwas ist doch "normal". Fragt sich immer, wer sich dabei "betupft" fühlt. Und wer sagt denn, dass sich Dunkelhäutige NICHT auch über weisse Menschen lustig machen? Das wäre dann im Gegenzug in Ordnung? Also lasst euch nicht provozieren und bleibt besonnen und lasst anderen die Freude, sich über etwas lustig zu machen - sie werden die Konsequenzen des Lebens schon spüren. Am besten einfach mitlachen, das verdirbt den anderen meistens die Freude. Garantiert. Und wer über sich selbst nicht lachen kann, der ist sowieso im falschen Film.

  • Fabio am 30.12.2019 11:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sensible Gesellschaft

    Die Leute sind einfach hypersensibel. Solcher "Klassenrassismus" gab es schon immer, nur ist aufgrund der Digitalisierung alles verfolgbar und die "Sender" der rassistischen Witze haben eine grössere Reichweite. Ich denke das hat sicher auch was mit der menschlichen Natur des Klatsch und Tratsch und das Gerede über andere, sich evt. über bestimmte Personen lustig zu machen ist wohl stückweit auch angeboren. Solange es nicht zum extremen Mobbing kommt finde ich das nicht schlimm. Im Büro wird auch immer über andere gelästert, vielleicht wenig aggressiver als in den Klassenräumen aber es ist nunmal Realität.