Plätze für Jugendliche fehlen

19. November 2018 20:44; Akt: 20.11.2018 09:03 Print

Wer sich selbst verletzt, muss auf Hilfe warten

In der Schweiz gibt es zu wenig Therapieplätze für Jugendliche. Manchmal komme Hilfe erst nach einem Suizidversuch, sagt ein Experte.

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Immer wieder überlegte sich R.F., wie sie sich umbringen könnte. Sie verletzte sich mehrfach selbst. «Ich war der Überzeugung, schlechter zu sein als alle anderen», so die Jugendliche. Nach zwei Jahren ambulanter Therapie ging es nicht mehr. Eine Ärztin wies die Jugendliche in eine Klinik in der Ostschweiz ein. Nach einigen Wochen der Rückfall: F. verletzte sich wieder selbst. «Das war für mich ein Zeichen von Versagen.» Trotzdem blieb F. in der Klinik. Nach zwölf Wochen ist sie sicher: «Jetzt weiss ich, wie ich mich in Zukunft verhalten kann.»

Ähnlich erging es S. Sie war aggressiv gegenüber Fremden, verspürte eine «enorme Wut». Notfallmässig wurde sie in die Klinik in der Ostschweiz eingeliefert. «Das Programm hilft mir, meine Probleme zu lösen», berichtet sie im Internet über ihre Erfahrungen. «Ich merkte, dass ich Hilfe brauche.»

100'000 sind verhaltensauffällig

In Situationen wie dieser befinden sich Tausende. Doch sie müssen zum Teil monatelang auf Hilfe warten. «Viele kommen erst zu einem Platz, wenn sie einen Suizidversuch hinter sich haben», sagt der Psychologe Samuel Rom. Laut der «NZZ am Sonntag» sind in der Schweiz 100’000 Jugendliche verhaltensauffällig, 400 bräuchten eine stationäre Langzeitbehandlung. Doch die Plätze fehlen. Für Härtefälle gibt es laut der Zeitung nur zwei Kliniken in Münsterlingen TG und Neuenhof AG, die etwa 50 Plätze pro Jahr bereitstellen. Dabei seien die Härtefälle in den letzten Jahren krasser geworden, so Experten. Mit ein Grund sei der Cannabiskonsum. Der THC-Gehalt des Cannabis sei deutlich höher geworden, was die Probleme weiter verschärfe.

Auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) weiss, dass es viel zu wenige Plätze gibt. In einer Studie aus dem Jahr 2016 heisst es, bei Kindern und Jugendlichen müsse «von einer deutlichen Unterversorgung ausgegangen werden». Es gebe überall und für alle Formen «lange Wartefristen und einen Mangel an Fachkräften und Angeboten». Ausserdem stellt das BAG einen «spezifischen Mangel an Angeboten, die von der Grundversicherung finanziert werden», fest. Die Wartefristen seien zum Teil monatelang, sagt Samuel Rom von der Föderation der Psychologen.


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Psychologen wollen neues System

Nun kämpft sein Verband für einen Systemwechsel. Bessere Hilfe sei möglich, wenn Psychologen selbst mehr Diagnosen und Behandlungen durchführen könnten. Das spare wertvolle Zeit, sagt Samuel Rom vom Vorstand der Föderation der Psychologen. Heute würden Patienten viel Zeit damit verlieren, einen Arzt zu finden, der die richtige Diagnose stelle und einen Fachpsychiater in seiner Praxis habe.

In einer Petition fordert der Verband nun, dass künftig jeder Arzt Patienten an einen Psychotherapeuten überweisen kann. Je früher eine Intervention stattfinde, desto wirksamer sei sie, sagt Rom – und desto mehr Geld werde gespart. «Kinder sind die verletzlichsten und volkswirtschaftlich bedeutendsten Patienten.» Wenn man psychisch kranke Jugendliche schon früh erreiche, könne man sie noch ambulant behandeln und so verhindern, dass sie später eine teurere stationäre Behandlung benötigen, für die es zu wenige Plätze gibt.

«Nur wenige Plätze»

Der Zürcher Suchtexperte Toni Berthel sagt: «Es wäre hilfreich, mehr stationäre Angebote zu haben.» Für die Gruppe der Jugendlichen, die psychische, soziale und Suchtprobleme gleichzeitig habe und in einer Klinik behandelt werden müsse, gebe es nur wenige spezialisierte Plätze.

Der grösste Teil der jugendlichen Patienten könne aber ambulant behandelt werden, wenn es früh genug geschehe. Dazu gehören etwa jene Jugendliche, die Probleme damit haben, sich vom Elternhaus zu lösen oder eine Lehrstelle zu finden und die eine Tagesstruktur brauchen.

«Alkohol ist in anderer Dimension»

«Hinter schweren Suchterkrankungen stehen immer auch andere psychische Probleme», sagt Berthel. Häufig werde etwa ADHS diagnostiziert, andere hätten zusätzlich Depressionen. Das Problem mit dem Cannabiskonsum seien weder selten auftretende Psychosen noch Schizophrenie: «Entwickelt er sich zu einer Sucht, vernachlässigt man andere wichtige Aspekte wie Freundschaften. Man entwickelt sich nicht mehr weiter, schafft es nicht, seine Rolle in der Gesellschaft zu finden, eigenständig zu werden und sich von den Eltern zu lösen.»

Bei diesen Jugendlichen gehe es darum, aufzuzeigen, dass ihr Konsum strafrechtlich relevant sei, und einen besseren Umgang mit der Substanz zu finden. Dann brauche es einen Ersatz für die Zeit, in der man kiffe – Sport oder das Treffen von Freunden. Dass die Probleme mit Cannabis zunehmen, sehe er aber nicht. Der Missbrauch von Alkohol bewege sich etwa in einer «ganz anderen Dimension». Um mit dem Leistungsdruck klarzukommen und sich Entlastung zu verschaffen, konsumierten zudem 20 Prozent der älteren Erwachsenen und drei bis fünf Prozent der Jugendlichen Schlaf- und Beruhigungsmittel. «Das Problem auf Cannabis zu beschränken», sagt Berthel, «macht keinen Sinn.»

(ehs)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • LUZ93 am 19.11.2018 20:53 Report Diesen Beitrag melden

    LEISTUNGSDRUCK

    Ich sehe das Problem nicht bei den Jugendlichen sondern am nicht normalen Leistungsdruck in der Schweiz.

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  • Edmo am 20.11.2018 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Auf dem Holzweg

    Wir ärgern uns über die hohen Krankenkassenprämien und sind gleichzeitig davon überzeugt, dass wir jeden sofort umfangreich therapieren müssen. Wenn 100'000 Jugendliche zu therapieren sind und wir von bescheidenen 10'000 Franken pro Therapie ausgehen, ist eine weitere Milliarde weg. Schlimm ist, dass zu viele Eltern ihre Kinder nicht mehr durch die Wirren der Pubertät führen können und ihr eklatantes Versagen einfach sozialisieren wollen. Wir sind auf dem falschen Weg, die Resultate manifestieren es deutlich. Immer mehr vom Falschen ist nur teuer, bringt uns aber nie weiter.

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  • Mutter am 20.11.2018 11:03 Report Diesen Beitrag melden

    Kinder in die Arbeitswelt einführen

    Man muss halt die Kinder schon früh mithelfen lassen und dass sie auch mal einen kleinen Leistungsdruck zu verspüren bekommen und nicht immer mache ich später oder mag jetzt nicht. Es liegt primär bei den Eltern und nicht der Allgemeinheit anlasten

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Die neusten Leser-Kommentare

  • K.Ondom am 20.11.2018 17:24 Report Diesen Beitrag melden

    Gesellschaft

    Millenials, die nie mit 'Druck' aufgewachsen sind, eine Gesellschaft die Narzissten und Borderliner nicht erkennt .. tragisch für die Betroffenen, schuld ist unsere Generation an Eltern, die neue Gesellschaft des Egoismus verinnerlicht haben, rein aus Bequenlichkeit. Erziehung ist nicht Sache des Staates, sondern der Eltern, gefestigte junge Menschen können nur durch gefestigte Erzieher entstehen, alles andere sind Konsumenten ..

  • Nora am 20.11.2018 17:06 Report Diesen Beitrag melden

    Grösseres Problem angehen

    Zuwenig Plätze... Quatsch... Ich arbeitete als Psychiatrie-Schwester in Luzern und der Grund dass ich wieder ging war folgender: Viele Mitarbeiter waren nur im Kaffepause machen und über Patienten lästern gut. Mir kamen die so vor dass sie in einer Psychatrie arbeiten damit sie ihr eigenes gestörtes Ego stärken (natürlich nur gespielt) weil viele Patienten grössere Probleme hatten. Dies gilt aber auch für gewisse Stationsärzte... Würde es viel mehr Menschen geben welche sich für eine Heilung der Patienten interessieren, gäbe es auch schneller wieder Plätze...

  • Einstein am 20.11.2018 16:07 Report Diesen Beitrag melden

    An was liegt es wohl

    Was in der Schweiz fehlt oder in der Gesellschaft ist immer wie mehr die Soziale Menschlichkeit, in der Regel ist jeder nur noch am motzen und fühlt sich benachteiligt, da muss man sich nicht wunder wenn die kinder so bei rauskommen. Familien Strukturen wie früher gibt es ja auch immer seltener, in der regel sind die Eltern getrennt. ich behaupte das alles irgend wie zusammenhängt und wenn gute werte verloren gehen kommt halt das bei raus.

  • Sigmund am 20.11.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Zunehmend psychisch labil...

    Je mehr therapiert + rundumbetreut wird, desto labiler scheinen die Jugendlichen zu werden. Vielleicht sind Krippenplätze und die berufliche Selbstverwirklichung der Eltern doch nicht so ganz DAS Optimum für Kinder, als das es einem gerne verkauft wird. Auch wenn an Wochenenden dann angestrengt pädagogisch wertvolles angestellt wird, um das schlechte Gewissen zu beruhigen.

  • Ein Vater am 20.11.2018 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Social Media

    Es gibt bestimmt zahlreiche Gründe weshalb jemand sich selbst verletzt. Ein wichtiger Grund sehe ich bei den soz. Medien. Klingt bescheuert, doch ist Ritzen inzwischen zu einem bedenklichen Trend unter Jugendlichen geworden und zahlreiche Fotos werden an Freunde verschickt. Die Gefahr der Nachahmung ist riesig. Unser technischer Fortschritt ist Segen und Fluch zugleich.

    • Murksel am 20.11.2018 16:46 Report Diesen Beitrag melden

      Achtung

      Nope .. ich kannte bereits "Ritzerinnen" bevor überhaupt irgendeine Social Plattform den Betrieb aufnahm. Die haben das einfach an der Schule abgekuckt und sich dann auch selber verletzt. Ich , 43, hatte an meiner Schule dazumal 3 Stück davon in meiner Generation. Bei etwa 80 Schülern. Ich würde mich mit pauschalisierten Schuldzuweisungen zurückhalten.

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