Coronavirus

26. Februar 2020 19:50; Akt: 26.02.2020 21:42 Print

Reagiert Schweiz zu locker oder Italien zu panisch?

von Désirée Pomper - Während Italien rigorose Massnahmen gegen das Coronavirus erlässt, setzt die Schweiz auf sanftere Methoden. Warum?

Passanten sagen, ob sie Angst vor dem Coronavirus haben und wie sie sich schützen. (Video: jdk/fan/lem)
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Mit drastischen Massnahmen versuchen chinesische Behörden das Virus einzudämmen. Mehrere Städte wurden abgeriegelt, Strassensperren wurden errichtet. In Wuhan wurden in Schnellbauweise fertiggestellte Notkliniken eröffnet, wo Erkrankte und Menschen in Quarantäne behandelt werden. Das Personal von Flughäfen und Hotels misst beim Einchecken mit Infrarotthermometern die Körpertemperatur der Gäste. Passanten werden aufgefordert, eine Atemschutzmaske zu tragen. Banknoten sollen desinfiziert werden. In Hongkong wurden nach einigen Ansteckungsfällen mehrere Grenzübergänge geschlossen.

Kurzen Prozess machten auch die Nachbarstaaten des Iran, wo inzwischen 19 Menschen am Virus starben. Sie haben ihre Grenzen zum Land geschlossen und Flüge annulliert.

Städte abriegeln oder Plakate aufhängen?

Auch in Italien, das Land mit dem grössten Virusherd Europas, hat drakonische Massnahmen ergriffen. In Norditalien haben die Behörden elf Städte abgeriegelt, 52'000 Menschen stehen praktisch unter Quarantäne. 5500 Schulen wurden für eine Woche geschlossen. Die Universitäten haben dichtgemacht. Behörden, einige Fabriken, Bars und Restaurants schickten ihre Mitarbeiter in Zwangsurlaub. Sportturniere und Karneval wurden gestrichen. Der Bahnverkehr zwischen Mailand und Piacenza ist zeitweilig gestört. Die Regierung fordert die Menschen auf, möglichst zuhause zu bleiben.

Auch in Grossbritannien wird gegen das Virus angekämpft. Die Behörden haben eine Reisewarnung herausgegeben. Alle Briten, die sich in den letzten Tagen in Norditalien aufgehalten haben, sollen sich selber isolieren, auch wenn sie keine Symptome zeigen. Der Londoner Flughafen Heathrow verschärft vorsorglich seine Sicherheitsmassnahmen wegen des Virus über die Empfehlungen der Gesundheitsbehörden hinaus. Man werde am gesamten Flughafen gründliche Reinigungen durchführen. Auch die Temperaturen der Fluggäste würden zukünftig überwacht, sollte es nach Einschätzung der Behörden nötig sein. Bislang gibt es auf der Insel 13 bestätigte Fälle des Coronavirus.

Das Virus hat inzwischen auch die Schweiz erreicht. Der Bund aber sieht von Massnahmen wie Grenzschliessungen oder Reisewarnungen ab. Stattdessen setzt er auf eine grosse Hygiene-Kampagne, die Ende Woche starten soll. Unter anderem sollen an der Grenze Plakate aufgestellt werden. Drastischere Massnahmen würden ergriffen, sobald man die Übersicht über die Ansteckungsketten verlöre.

Andere inzwischen ebenfalls betroffene europäische Staaten wie Deutschland oder Frankreich sind ebenfalls zurückhaltend: Man pflege eine «aufmerksame Gelassenheit» im Hinblick auf das Coronavirus, sagte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

«Moneten vor Gesundheit»

Auch wenn die Zahl der Infizierten in der Schweiz, Deutschland oder Frankreich weit tiefer sind als in Italien, gibt es Kritik. Isabel Vilallon, eine Ingenieurin mit Spezialgebiet Energie, kritisiert diese Einstellung auf Insideparadeplatz.ch als «naiv» und «sorglos». Die schweizerische und europäischen Regierungen würden «Wirtschaft und das Geld offenbar vor das gesundheitliche Wohl der eigenen Bürger stellen». Die Ausbrüche in Italien, Iran, Japan und Südkorea seien kein Zufall, sondern selbstverschuldet. Sie hätten weiterhin Linienflüge nach China erlaubt, null Kontrollen durchgeführt und keine Quarantänepläne eingehalten. Ganz nach dem Motto «Moneten vor Gesundheit.»

Vilallon zitiert Gabriel Leung, Epidemiologen aus Hongkong, wonach alle Länder ähnlich drastische Massnahmen ergreifen sollten wie China. Ansonsten würden 60 bis 80 Prozent der Weltbevölkerung mit dem Virus infiziert.

«Autokratisches China, zentralistisches Italien»

Stefan Felder, Gesundheitsökonom an der Universität Basel, kontert: «Die Behauptung, der Bund würde aus wirtschaftlichen Interessen die Gesundheit seiner Bürger aufs Spiel setzen, ist nicht haltbar.» Es sei Aufgabe der Behörden, einen kühlen Kopf zu bewahren, gerade in Zeiten, in denen die Emotionen bei den Bürgern hochgingen. «Diese Aufgabe meistert das Bundesamt für Gesundheit hervorragend», sagt Felder.

Die Massnahmen, die in Italien nun ergriffen wurden, hält Felder für übertrieben. Die Gefahr des Virus werde masslos überschätzt: «Der Nutzen dieser Massnahmen sind unsicher. Die wirtschaftlichen Kosten aber sind unmittelbar da, wenn man ganz Norditalien lahmlegt und die Leute plötzlich nicht mehr zur Arbeit erscheinen.»

Den unterschiedlichen Umgang mit dem Virus ortet Felder in der staatspolitischen Struktur: China als autokratisches Land regiere rigoros von oben nach unten. Italien greife als zentralistisch geregelter Staat mit einer populistischen, instabilen Regierung ebenfalls schnell zu drastischen Massnahmen. «Sie will innenpolitisch ja nichts anbrennen lassen.»

«Dann wäre unsere Produktivität im Keller»

Die Schweiz dagegen als föderalistischer Staat würde Risiken und mögliche Schäden vernünftig abwägen: «Wenn wir jetzt panisch reagieren und nicht mehr arbeiteten oder etwa die italienischen Grenzgänger nicht mehr ins Land lassen würden, wäre unsere Produktivität im Keller und die Tessiner stünden plötzlich ohne Personal da.»

Leider aber würde die Schweizer Bevölkerung durch die Überreaktion der Italiener verunsichert und viele fragten sich zu Unrecht, ob der Bund sie denn genügend vor dem Virus schütze.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Moneyboy am 26.02.2020 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Geld regiert die Welt

    Also geht es schlussendlich doch ums Geld.

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  • B. Kerzenmacher am 26.02.2020 19:55 Report Diesen Beitrag melden

    Verbreitung

    Mehr Sorgen als Italien macht derzeit der Iran. Entweder ist das Virus dort mutiert und deutlich tödlicher geworden oder man hat dort viel mehr infizierte Menschen als offiziell angegeben wird. Klar ist jedenfalls, dass die Zahlen nicht mit dem übereinstimmen, was man woanders beobachten kann.

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  • Tim am 26.02.2020 19:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hab Angst

    Wann muss ich nicht mehr zur Arbeit??

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sandro72 am 09.03.2020 20:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu recht panisch

    Komisch das keiner die Realität im italienischen Gesundheitssystem kennt!Italien hat am Abstand das schlechteste ! Wer die Rede von Giuseppe Conte mitbekommen hat ,wie er etwas miserables schönreden kann ,obwohl momentan täglich fast 100 Personen ihr Leben verlieren, ist Echt makaber!Ich hoffe das endlich mal in Italien eine Mentalität Änderung sich durchsetzt!Denn das nächste Mal könnte es jeden treffen ob jung oder alt!Falscher stolz, eher keines mehr vorhanden!Kann man mit der Schweiz nicht vergleichen!

  • 1 Bürger der Schweiz am 29.02.2020 18:37 Report Diesen Beitrag melden

    7 Days to die

    Wir sollten uns entspannen Herrgott nochmal das hier ist weder die Zombie-Apokalypse noch die Beulenpest oder sonst ein Erreger der die hslbe Menschheit dahinrafft. Reagiert vernünftig und erwachsen. Hier zeigt sich besonders wie egoistisch und selbstsüchtig die Menschen wieder sind, im Bezug aufs eigene Leben. Gerade die Jüngeren. Wegen jedem Schnupfen zum Notfall rennen und somit ausser Acht lassen das es Leute gibt die dringender Hilfe benötigen. Schämt Euch die ihr so handelt.

  • Demokr am 28.02.2020 16:57 Report Diesen Beitrag melden

    Logisch

    Ähm, wieso geht es uns wirtschaftlich so gut hier? Das kommt nicht von ungefähr. Man kann leider nicht alles haben

  • Nina am 28.02.2020 11:29 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur warum?

    Unsere Regierung kann kein Mensch mehr verstehen.Sie versuchen alles mögliche zu machen,doch das wichtigste machen sie nicht.Die Grenze zu Italien schliessen.Niemand konnte mir das bis jetzt sagen.Es sind doch die Leute die von Italien kommen,die den Virus weiter verbreiten.Bitte sagt es mir endlich.Ich halte diesen Zustand nicht mehr aus.Danke.

    • respektvordemvirusangstnein am 28.02.2020 11:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Nina

      angst ist der fieseste freund den man haben kann!!! 20 fälle auf 7,6 millionen.

    • RicBellini am 29.02.2020 07:18 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Grenzen

      Liebe Nina ich kann Sie beruhigen. Dieser Virus macht vor keiner geschlossenen Grenze halt! Er wird so oder so kommen und mit aller Härte infizieren.

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  • noch nicht Mutiert am 28.02.2020 09:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur ein Virus

    Der Coronavirus ist ein Virus der die oberen wie auch die unteren Atemwege infiziert. Also Nase und Mundhöle, hinab zur Lunge. Oft ähneln die Symptome einer Grippe. Husten, niesen, fieber etc. In sältenen Fällen kann es beim Gesunden Menschen zur Lungenentzündung kommen. Öfters sind aber Personen mit einer vorerkrankung (asthma, immunschwäche etc) betroffen. Also auch ältere Personen. Die Krankheit kann tödlich enden (wie bei jeder Lungenentzündung) Wer also die Hygienevorschriften befolgt und bei verdacht einen Arzt aufsucht, sich dann zurück zieht und ausruht hat gute Chancen. Also bitte liebe Mitmenschen, gibt euch nicht der Panik hin!!!