«Wir sind Köthen»

16. September 2018 17:37; Akt: 16.09.2018 17:37 Print

Rechtsextreme Demo mit Schweizer Beteiligung

von Simon Widmer - Ignaz Bearth, ein ehemaliges Mitglied der Partei National Orientierter Schweizer, macht in Köthen gemeinsame Sache mit Rechtsextremen.

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Ignaz Bearth aus Uzwil SG, hier bei einer Wanderung im Jahr 2015, will an der kommenden Demonstration in Köthen als Redner auftreten. Nach dem Tod eines 22-jährigen Deutschen im deutschen Köthen haben bereits Anfang September rechte Gruppen über Onlinenetzwerke zu einem sogenannten Trauermarsch aufgerufen. (9. September 2018) Polizeiangaben zufolge beteiligten sich daran rund 2500 Menschen. Nach Landesinnenminister Holger Stahlknecht (CDU) waren darunter auch «400 bis 500 Personen der rechten Szene» aus Sachsen-Anhalt und anderen Bundesländern. Ein Mitglied der rechtspopulistischen Kleinpartei Die Republikaner bei den Protesten in Köthen. David Köckert (M.), Chef des rechten Bündnisses Thügida spricht während der Kundgebung in Köthen. Köckert ist ehemaliges NPD-Mitglied und wegen Volksverhetzung vorbestraft. An den Gegenprotesten sollen rund 220 Menschen teilgenommen haben. Oberbürgermeister Bernd Hauschild (SPD) zeigte sich erleichtert, dass es bei Demonstrationen am Sonntagabend nicht zu Ausschreitungen wie in Chemnitz gekommen ist. Aber «leider» seien viele Rechte in der Stadt in Sachsen-Anhalt gewesen, «die versucht haben, sich Gehör zu verschaffen». Während nach dem Tod eines 22-Jährigen in Köthen der genaue Tathergang noch unklar ist, gibt es neue Details zu den Tatverdächtigen. Einer der festgenommenen Afghanen sollte aus Deutschland abgeschoben werden, was aber zunächst wegen laufender Ermittlungsverfahren ausgesetzt wurde. Dem Obduktionsergebnis zufolge starb der 22-Jährige in der Nacht zum Sonntag an akutem Herzversagen. Er litt demnach an einer schweren Herzerkrankung. Es gebe keine Hinweise, dass es zu tödlichen Verletzungen durch Schläge und Tritte gegen den Schädel gekommen sei, hiess es. Vor dem Tod des Manns soll eszu einer Auseinandersetzung zwischen mindestens zwei Afghanen und mindestens zwei Deutschen gekommen sein, in deren Verlauf der 22-Jährige dann starb. Zum Tatgeschehen gaben die Ermittler zunächst weiterhin keine Einzelheiten bekannt. Gegen zwei tatverdächtige Afghanen im Alter von 18 und 20 Jahren erging am Sonntagabend Haftbefehl wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge.

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Auf den 29. September ist im sächsischen Köthen, wo bereits vor einer Woche eine grosse Demonstration stattfand, erneut eine Kundgebung angekündigt. Sie wird sowohl in der rechtspopulistischen als auch der rechtsextremen Szene stark beworben. Unter dem Titel «Wir sind Köthen» finden in der Kleinstadt Konzerte und Vorträge statt. Als Redner angekündigt ist auch Ignaz Bearth aus Uzwil SG, wie die «Sonntags Zeitung» berichtet.

Dieser war kurze Zeit Mitglied der rechtsextremen Partei National Orientierter Schweizer (Pnos). 2012 gründete er die Direktdemokratische Partei Schweiz (DDS), die rechts von der SVP politisierte. Bekanntheit erlangte der 34-Jährige vor allem als Kopf eines erfolglosen Schweizer Pegida-Ablegers. Nach einem Streit wurde Bearth ausgeschlossen.

2500 Personen kamen Anfang September zum «Trauermarsch» in Köthen.

(Video: AFP/Tamedia)

Hoffnungen auf ein «zweites Chemnitz» erfüllten sich nicht

An der Demonstration in Köthen macht er nun gemeinsame Sache mit Rechtsextremen: Auf dem Programm steht die Band Kategorie C, die vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet wird. Die Band ist sowohl bei Fussballhooligans als auch bei Rechtsextremen populär. Ebenso wird Ville der Ossi in Köthen aufspielen, ein antisemitischer Rapper.

Für André Aden vom Recherche-Netzwerk «Recherche Nord» ist die Demo ein Beispiel dafür, wie sich die rechtspopulistische und die rechtsextreme Szene in Deutschland zunehmend vermischen. «Plötzlich arbeiten Kräfte zusammen, die bislang nie miteinander paktiert haben», sagt er.

Vergangene Woche war in Köthen ein Deutscher nach einem Streit mit Afghanen gestorben. Er erlitt einen Herzinfarkt nach einem Faustschlag ins Gesicht. In der Folge riefen rechte und rechtsextreme Gruppierungen zu Demonstrationen auf. 2500 Menschen kamen. Die Hoffnung der Szene, aus Köthen das «zweite Chemnitz» zu machen, wo sich Tausende linke und rechte Demonstranten gegenüberstanden und die Polizei die Kontrolle verlor, erfüllten sich nicht. Zumindest bislang. Bearth reagierte auf eine Anfrage der «Sonntags Zeitung» nicht.