Krankenversicherung

19. Januar 2012 14:34; Akt: 20.01.2012 00:34 Print

Referendum gegen Managed Care eingereicht

Das umstrittene Managed-Care-Modell steht auf der Kippe. Ärzte-Vertreter, die Gewerkschaft vpod und die SP haben die nötigen Referendumsstimmen eingereicht.

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Wer seinen Arzt frei wählen will, soll dafür nicht stärker zur Kasse gebeten werden. 132 837 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sind diesem Argument gefolgt und haben das Referendum gegen eine Revision des Krankenversicherungsgesetzes unterzeichnet. Die Unterschriften wurden am Donnerstag eingereicht.

Damit hat das Stimmvolk das letzte Wort darüber, ob integrierte medizinische Versorgungsnetze über einen differenzierten Selbstbehalt gefördert werden sollen. Geht es nach dem Parlament, sollen Patienten künftig einen Selbstbehalt von 15 Prozent bezahlen müssen, wenn sie sich in der Krankenversicherung nicht einem solchen Managed-Care-Modell anschliessen.

Von Managed Care wird gesprochen, wenn sich Leistungserbringer - etwa Hausärzte, Spezialärzte und Physiotherapeuten - zum Zweck der Koordination der medizinischen Versorgung zusammenschliessen und gemeinsam die Budgetmitverantwortung übernehmen. In solchen Modellen geben die Patienten die freie Arztwahl auf.

Nur wer sich in einem solchen integrierten Ärztenetzwerk behandeln lässt, soll in Zukunft wie heute einen Selbstbehalt von 10 Prozent bezahlen, beschloss das Parlament im Rahmen einer Revision des Krankenversicherungsetzes (KVG).

Mehr bezahlen für weniger Leistung

Wer dagegen den Arzt auch in Zukunft selber wählen will, müsste unter dem neuen System mehr bezahlen als heute, kritisierten die Wortführer der drei verschiedenen Komitees aus dem Gesundheitssektor, die die Unterschriften für das Referendum gesammelt haben.

Ihrer Ansicht nach führt diese «Wettbewerbsverzerrung zugunsten von Managed Care» unter dem Strich zu einer «Rationierung der medizinischen Leistungen». Bisher hätten Krankenkassen bereits bestehenden medizinischen Netzwerken relativ grosszügige Budgets gewährt, sagte Markus Trutmann, Generalsekretär des Dachverbandes der chirurgisch und invasiv tätigen Fachgesellschaften (fmCh).

Werde aber das Ziel des Bundesrats erreicht, 60 Prozent der Bevölkerung in ein Managed-Care-Modell zu drängen, könnten die Krankenkassen dank der viel grösseren Verhandlungsmacht strenge Budgeteinschränkungen durchsetzen. Damit sei eine Rationierung der medizinischen Leistung programmiert, sagte Trutmann weiter.

Umstrittener Effizienzgewinn

Der differenzierte Selbstbehalt führt laut Trutmann zudem dazu, dass nun rasch neue, unseriöse Netzwerke entstehen. Dies gefährde die Qualität der medizinischen Versorgung in der Schweiz.

Die Referendumsführer stellen zudem in Abrede, dass Managed Care - wie vom Parlament erwartet - straffere Behandlungsprozesse, eine höhere Behandlungsqualität und geringere Kosten bringen.

Laut Jacques de Haller, dem Präsidenten des Ärztedachverbandes FMH, gibt es zwar Studien, die heute bei bestimmten bestehenden Managed-Care-Modellen 10 bis 15 Prozent tiefere Kosten ausmachten.

Aus diesen Studien lässt sich gemäss René Haldemann vom Verein für freie Arztwahl nicht ableiten, dass sich die Kostenreduktion auch einstellen würde, wenn künftig 60 Prozent der Versicherten solchen Netzwerken angeschlossen wären. Ausserdem seien die Studien von den Krankenkassen finanziert worden und reine Kostenanalysen. Es gelte aber auch zu prüfen, ob die Behandlungsqualität bei solchen Modellen gleich bleibe.

«Zweiklassenmedizin»

Für Katharina Prelicz-Huber, der Präsidentin der Gewerkschaft vpod, führt die KVG-Revision dazu, dass die freie Arztwahl nur noch habe, wer es sich leisten könne. Das sei eine «Zweiklassenmedizin». Das Problem wird aus ihrer Sicht noch verschärft, weil die Versicherungen nicht überall in der Schweiz solche Modelle anbieten müssen und sich damit Versicherte nicht überall über Managed Care versichern lassen können.

Getragen wird das Referendum von zahlreichen Ärzte- und Gesundheitsorganisationen sowie der Gewerkschaft vpod. Unterstützt wird es auch von der SP, die aber keine Unterschriften sammelte. Gegen das Referendum ausgesprochen hat sich der Verband der Schweizer Hausärzte.

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • der der mit den Kassen tanzt am 19.01.2012 16:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Obligatorium

    Nicht das Hausarztsystem (diese betrifft es nämlich) muss beschnitten werden, sondern die Masse an Spezialisten und Spitälern. Hätte sich die CVP Fraktion nach vorgängigem Communique 'Pro Parallelimport' und nach der Einladung von Novartis plötzlich nicht unerwarteterweise dagegen entschieden ( 2008 oder 2009?) wäre sogar die Seite der Medikamentenpreise evtl. günstiger reguliert. Ein System, in dem es um Milliarden geht, welches mit einem Versichungsobligatorium verknüpft ist KANN NICHT günstig funktionieren. Die Preisspirale begann übrigens erst seit dem Obligatorium. Danke Frau Dreifuss.

  • Alfred Beyeler am 19.01.2012 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Netzwerk

    Ich bin HMO-versichert und höchst zufrieden. Zweitmeinungen werden innerhalb von Minuten eingeholt, keine unnötigen medizinischen Abklärungen, topqualifizierte Aerzte. Ich verstehe die Widerstände dagegen nicht.

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  • Elisabeth am 21.01.2012 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Nein, danke, Managed Care

    Bis jetzt habe ich das Hausarztmodell, wechsle evtl. zum Telefondienst der KK, aber bestimmt nicht zu Managed Care. Wieso? Habe absolut keine Lust, jedes Mal einen anderen gerade anwesenden Arzt zu sehen, den ich nicht kenne oder nur vom Sehen. Der Arzt ist eine Vertrauensperson, also der, den ich aussuche.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Elisabeth am 21.01.2012 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Nein, danke, Managed Care

    Bis jetzt habe ich das Hausarztmodell, wechsle evtl. zum Telefondienst der KK, aber bestimmt nicht zu Managed Care. Wieso? Habe absolut keine Lust, jedes Mal einen anderen gerade anwesenden Arzt zu sehen, den ich nicht kenne oder nur vom Sehen. Der Arzt ist eine Vertrauensperson, also der, den ich aussuche.

  • Hans Neumann am 21.01.2012 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ladenhüter Managed Care

    Managed Care ist im Ausland total gescheitert. Wartelisten, verschleppte Behandlungen und ein ins Irrsinnige wachsender Bürokratenapparat aus Gatekeepern der integrierten Versorgung sorgen für explodierende Gesundheitskosten in England, USA und Dänemark. Und uns Schweizern will man diesen Ladenhüter andrehen.

  • Steff am See am 20.01.2012 16:02 Report Diesen Beitrag melden

    Hopp Ruth

    Frau Dreifuss wird sicher nicht mehr fröhlich sein, bei diesem ziemlich klaren Nein. Gegen ihr super Managedcare in Ehren, sich die Leut nun endlich wehren. Was allein und ohne Volkes Stimme durchgezogen, wird nun wieder grad gebogen. So ein geiles Gedicht also wirklich.

  • Heinz Stöckli am 19.01.2012 18:52 Report Diesen Beitrag melden

    Blos kein Managed Care

    Zum Glück wurde dieses Vorhaben des Bundesrates noch rechtzeitig gestoppt!!! Wir Schweizer sollten uns nicht in die Fussstapfen anderer Länder stellen und diesen Qualitätsverlust hinnehmen.

  • Alfred Beyeler am 19.01.2012 18:08 Report Diesen Beitrag melden

    Netzwerk

    Ich bin HMO-versichert und höchst zufrieden. Zweitmeinungen werden innerhalb von Minuten eingeholt, keine unnötigen medizinischen Abklärungen, topqualifizierte Aerzte. Ich verstehe die Widerstände dagegen nicht.

    • Beatrice G. am 20.01.2012 20:11 Report Diesen Beitrag melden

      Nie wieder HMO

      Ich kann das leider nicht bestätigen. Ich war HMO versichert und habe wieder gewechselt, weil die Ärzte teilweise sehr unkompetent waren. Nun bin ich wieder bei meinem Vertrauensarzt und sehr zufrieden!

    • Dr Med am 21.01.2012 01:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Sancta simplicitas

      Leider ist dies nicht die Regel sonst hätte eine grosse Krankenkasse nicht alle ihre HMO Praxen abgestoßen weil es ruinös und. Personell nicht zu führen ist. Und leider kann ein Patient nicht die medizinische Qualifikation beurteilen. Da fehlt ihm jegliche Grundlage und er fällt auf einfache Marketingtricks herein. Jeder noch so schlechte Arzt kann einem Patienten vollste Professionalität vorgaukeln. Und über 60 sieht die Welt nochmals anders aus als ein Kniebobo oder ein Schnupfeli

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