Bangen um Bambis

26. Juni 2013 23:22; Akt: 26.06.2013 23:22 Print

Rehkitze dieses Jahr besonders gefährdet

Diese Jahr könnten viel mehr Bambis in die Mäher geraten, als sonst. Die Geissen haben wegen dem schlechten Wetter ihre Kitze später als sonst gesetzt. Im Prättigau ist die Situation extrem.

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Die Mähmaschine der Bauern ist des Rehkitz' zweitgrösster Feind. Gemäss dem Schweizer Tierschutz STS kommen jährlich in der Schweiz rund 1500 Rehkitze beim Mähen ums Leben. Nur bei Verkehrsunfällen auf der Strasse sterben jedes Jahr mehr Tiere. Dieses Jahr könnte für die kleinen Bambis besonders gefährlich werden. Laut Jürg Zinggeler von der Fischerei- und Jagdverwaltung des Kantons Zürich, besteht tatsächlich eine höhere Gefahr, dass Rehkitze in den Mäher geraten. «Die Geissen haben wegen dem Wetter ein bis zwei Wochen später als normal gesetzt. Speziell in Ökowiesen, die erst ab dem 15. Juni gemäht werden dürfen, muss man aufpassen.» Währenddem im Jahr 2011 im Kanton Zürich 70 Rehkitze ums Leben kamen, waren es im Jahr 2012 insgesamt 100. Auch in diesem Jahr sind schon rund 100 Rehkitze in den Mäher gekommen und gestorben. «Die Bauern sind zwar grundsätzlich auf das Thema sensibilisiert. Es gibt aber leider immer schwarze Schafe.»

Als geradezu «extrem» bezeichnet Peter Kobler, Hegeobmann der Jägersexktion Prättigau, die Situation. Bei durchschnittlich 70 bis 80 toten Tieren pro Jahr haben die Wildhüter im Prättigau in diesem Jahr bereits zwischen 80 und 90 tote Tiere zu beklagen. Wie «Die Südostschweiz» schreibt, soll deshalb ein Piketplan erstellt werden. Auf diesem finden Bauern unter anderem Telefonnummern von Personen, die kurzfristig für die Suche von Tieren aufgeboten werden können. Neben der Liste, die im nächsten Jahr zusammengestellt wird, soll es zudem ein Lager mit verschiedenem Material geben, mit dem die Bauern die Wiesen ausleuchten können.

«Es zerreist einem das Herz»

Einer, der in den letzten zwei Wochen nach eigenen Angaben über ein Dutzend Rehkitze gerettet hat, ist der St. Galler Jagdobmann Wendi Eberle. «Letzte Woche ging die Post ab», sagt Eberle, der seine eigene Methode entwickelt hat. Er imitiert das Geschrei von Rehkitzen, so dass die Mutter ihre Kinder retten kommt. Der Inhaber eines Sportgeschäfts arbeitet mit einem Team von Freiwilligen. Er will die Rehe vor einem qualvollen Tod schützen, aber auch die Bauern: «Das Geschrei von verletzten Rehkitze zerreisst einem das Herz und ist kaum ertragbar», so Eberle. Trotzdem musste er letzte Woche miterleben, wie ein Rehkitz angefahren wurde: «Man sieht die Tiere kaum und die Maschinen sind so laut, dass manche nicht mal merken, wenn sie ein Reh tot fahren», so Eberle. Deshalb glaubt er auch, dass die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Gemäss dem Verein Wildtierschutz Schweiz seien die Bauern nachlässiger geworden. Zudem habe das schlechte Wetter dieses Jahr die Bauern dazu gebracht, beim ersten Sonnenschein sofort die Wiesen zu mähen. «Sie haben überstürzt gehandelt und haben sich nicht zuerst Hilfe geholt, um die Wiesen zu durchsuchen», sagt Vereinspräsidentin Marion Theus.

Dass die Bauern nicht genug gegen das Kitzsterben unternehmen, dagegen wehrt sich Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverband. «Wir geben den Bauern regelmässig Tipps, die sehr gut umgesetzt werden», so Widmer. Die effektivste Massnahme sei das sogenannte «Verblenden»: Am Abend vor dem Mähen stellen die Bauern auf den Feldern Blinklampen, Fahnen oder Glitzerstreifen auf. Die Rehmutter entdeckt darin eine Gefahr und evakuiert ihren Nachwuchs aus dem Feld. Nun ist dieses frei für die Mähmaschinen.

Auch Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes, sagt, dass die Situation für die Bauern nicht einfach ist. «Es ist ein sehr anspruchsvolles Jahr, das Heu ist sehr hoch.» Deshalb sein Appell: Bauern müssen sich mit den Jägern frühzeitig absprechen. «Die Jäger helfen gerne, es ist schade um jedes tote Tier.»

(bat/sst)