Tagelang allein zu Hause

07. März 2016 05:46; Akt: 07.03.2016 13:43 Print

Reiche Eltern lassen ihre Kinder verwahrlosen

von B. Zanni - Jugendliche sind tagelang allein zu Hause, tragen dreckige Kleider und stören in der Schule: Laut Fachpersonen vernachlässigen viele Eltern ihre Kinder.

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Sefika Garibovic ist entsetzt. Die Expertin für Nacherziehung und Konfliktmanagement sagt: «Ich muss etliche verwahrloste Jugendliche nacherziehen. Das macht mir Angst.» Bei Garibovic landen Jugendliche aus besten Verhältnissen. «Die Eltern haben oft Management-Jobs», um die Kinder kümmerten sie sich kaum. «Teilweise sind Jugendliche tagelang alleine zu Hause.» Das hinterlässt Spuren: «Sie haben psychische Probleme und sind verhaltensauffällig.»

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Auch andere Fachpersonen beobachten, dass Eltern ihren Nachwuchs zunehmend sich selbst überlassen. Patrick Fassbind, Präsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) Bern, sagt: «Die Fälle sogenannter Wohlstandsverwahrlosung nehmen zu.» Aber nur die Exzesse erreichten die Kesb. «Vermögende Eltern können eine Meldung bei der Kesb verhindern, weil sie bei Problemen etwa eine Nanny einstellen können.» Auch die Schulen sind gefordert. «Da oft beide Eltern arbeiten, hat sich das Problem verwahrloster Schüler verschärft», sagt Jürg Brühlmann, Geschäftsführer des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer

Mütter springen von Liebhaber zu Liebhaber

«Die Kinderzimmer sehen aus, als würden Junkies darin leben», beschreibt Sefika Garibovic ihre Erlebnisse. Die Kühlschränke seien leer, die Wäsche nicht gewaschen. «Ich habe auch Klienten, die stinken, weil sie tagelang dreckige Kleider tragen und die Eltern ihnen Körperpflege nie beigebracht haben.» Viele Mädchen und Jungen wüssten auch nicht mit Geld umzugehen: «Lehrlinge haben den Lohn in zwei Stunden ausgegeben.»

Laut Garibovic sind die Verhältnisse bei alleinerziehenden Eltern besonders schlimm. Es gebe Mütter, die im Beruf 1000 Angestellte führten, sich aber nicht um ihr Kind kümmerten: «Sie gehen aus oder springen von einem Liebhaber zum nächsten.»

Eltern lassen Lehrer auflaufen

Die chaotischen Zustände bekommen die Lehrer zu spüren. «Die Kinder sitzen oft ständig vor dem TV, haben die Hausaufgaben nicht dabei, sind schlecht ernährt und werden teilweise krank in die Schule geschickt», sagt Jürg Brühlmann. Die Lehrer kämpften mit Schülern, die die Regeln nicht einhielten und ständig auffallen wollten.

Fachleute stehen häufig wie die Esel am Berg. Garibovic sagt: «Die Eltern schieben mir ihre Kinder einfach ab. Sie erscheinen nicht einmal zu den Gesprächsterminen.» Ähnlich geht es den Lehrern. «Es kommt vermehrt vor, dass Mütter und Väter nicht zu Elterngesprächen auftauchen», sagt Jürg Brühlmann.

Arbeitswelt überfordert Eltern

Für Sefika Garibovic ist klar, dass die Eltern das Problem der verhaltensauffälligen Kinder sind. Sie werden aber auch in Schutz genommen. «Die Eltern sind in der Arbeitswelt heute grossem Druck ausgesetzt», sagt Jürg Brühlmann. Fehlten sie am Arbeitsplatz oder lasse ihre Leistung nach, sei die Gefahr einer Kündigung gross.

Maya Cajöri , Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche, sagt, sie berate viele Frauen, die stark unter Druck seien: «Sie sind überfordert, weil sie Karrierefrau, Ehefrau und Mutter sein wollen.»

Viele Eltern plagt aber das schlechte Gewissen. Sie kompensierten ihre Defizite bei ihren Kindern materiell, sagt Kesb-Leiter Patrick Fassbind. «Die zusätzlichen finanziellen Freiheiten verschärfen die Probleme aber – etwa in Form von Konsum-, Party-, Alkohol- oder Drogenexzessen.»

Haben auch Sie Eltern, die Sie wegen ihres Jobs vernachlässigt haben? Schreiben Sie uns auf feedback@20minuten.ch.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jc17 am 07.03.2016 06:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wenn aber

    eine Mutter sich bewusst entscheidet zu Hause zu bleiben, für die Kinder da zu sein und der Vater arbeiten geht. (wie anno dazumal) wird die Familie alls Faul abgestempfelt!!! das aber genau solche Fälle verhindert werden, weil sich die Eltern bewusst für das Kind/Kinder entschieden haben sieht man nicht. in der Heutigen Zeit sieht man den Reichtum nur noch via Geld, das es aber Reichtum in der Zeit gibt, hat man vergessen. zeit nehmen für die Kinder...

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  • Mala82 am 07.03.2016 06:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fürsorgepflicht

    Kein Wunder haben wir "Problem-Kinder" in der Schule. Viele Eltern verwechseln da wohl "Fürsorgepflicht" mit "Laisser-faire" - im Sinne; mein Kind kann für sich schauen, es ist genug alt und weiss was es braucht und ihm gut tut! Solche Sprüche habe ich bereits von Eltern einiger Kindergartenkinder gehört! Katastrophe!

  • Biestiel am 07.03.2016 06:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EGOISMUS in der heutigen Zeit

    Dazu habe ich ein gutes Sprichwort: Man erntet, was man sät...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Mariam am 07.03.2016 11:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurige Wahrheit!

    Wieviele Mütter gibt es wohl, die alleinerziehend sind und 1000 Mitarbeiter führen und von einem Lover zum anderen springen ? Die Dame trägt recht dick auf, finde ich! Dass es vermehrt Probleme mit vernachlässigten Jugendlichen gibt, das bezweifle ich hingegen ganz und gar nicht! Das ist eines der vielen Symptome unserer rücksichts-und verantwortungslosen Gesellschaft! Das äussert sich aber auch in unzähligen anderen Lebensbereichen! Eine traurige Wahrheit!

  • Dani1881 am 07.03.2016 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mal nachdenken ...

    Zu meiner Zeit war das anders. Da ist man morgens in den KiGa gebracht worden und am Nachmittag, meist so 17:00 Uhr, wieder abgeholt worden. Als Kind war man versorgt und umsorgt und die Eltern gingen arbeiten. Nicht so ein Quatsch wie hier. Das System ist veraltet meiner Meinung nach, denn wie oder was soll eine Frau im Alter als Leistung beziehen, wenn sie nie arbeiten war oder gehen konnte? Hausfrau & Mutter ist ja kein anerkannter Job von der Gesellschaft ...

  • Sollei am 07.03.2016 10:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was ist mit den Hausfrauen?

    Ihr hackt nur an uns arbeitstätigen Mütter rum, wie wäre es auch die vollzeit Hausfrauen welche sich täglich in der Badeanstallt oder im Dorf zum tratschen treffen anzusprechen? Sie sind nicht unbedingt diebesseren Mütter nur weil sie nur zu Hause sind. Machen sie einen besseren Job als ich als Arbeitstätige Teilzeit Hausfrau? Ich will meinen Kindern zeigen, dass es noch etwas anderes gibt suf der Welt sls rund um unsere Wohnung....Ausserdem möchte ich mitsprechen können wenns um tägliche Problematiken geht suf der Welt und nicht nur darüber nachdenken was ich wohl heute zum Mittag koche..

  • Sveglia am 07.03.2016 10:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Und die Väter?

    Ich bin selbst Akademikerin und seit 13 Jahren nicht mehr berufstätig zugunsten der Kinder. Dies war eine gemeinsame Entscheidung mit meinem Mann und funktioniert nur, weil wir uns voll vertrauen und schätzen, was der jeweils andere leistet. ABER: Wieso gehen einmal mehr alle auf die Frauen/Mütter los? Wo sind die Väter? Spätestens nach dem Abstillen braucht es beide Elternteile, auch wenn sie getrennt sind! Was alleinerziehende Frauen leisten, verdient grössten Respekt. Wieso sollen die Mütter alleine die Verantwortung tragen, wenn ihre Jugendlichen verwahrlosen?

  • Susanne M. am 07.03.2016 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    Der Artikel prangert zu sehr

    nur die Mütter an. Der Vater hat aber auch eine Erziehungsverpflichtung. Ausserdem verstehe ich jede Mutter, die arbeitet, denn bei einer Scheidung wollen viele Väter nicht mehr Unterhalt für die Frauen bezahlen. Dann muss frau eben selber dafür sorgen, im Fall einer Scheidung kein Sozialfall zu werden.