Nationalrats-Entscheid

14. Dezember 2018 09:30; Akt: 14.12.2018 10:06 Print

Werbung darf auch künftig überspult werden

TV-Sender klagen über fehlende Werbeeinnahmen, weil viele Zuschauer die Werbung überspringen. Der Nationalrat will dennoch keine Einschränkung beim Replay-TV.

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TV-Verbreiter wie Swisscom, Zattoo oder Teleboy zeichnen das gesamte Programm von Sendern wie SRF, RTL oder 3+ auf und stellen es den Abonnenten auf Abruf zur Verfügung. Damit kann Werbung überspult werden. Die Fernsehstationen klagen, dass ihnen durch übersprungene Werbung Einnahmen in Millionenhöhe entgingen. Dank dieser Funktion können einzelne Werbespots oder auch ganze Werbeblöcke überspult werden. Der Verband IRF, der unter anderem TV-Anbieter wie SRG, RTL oder Prosieben vertritt, wurde beim Parlament vorstellig, weil dadurch Werbeerlöse verloren gehen – und fand Gehör. Über zwei Millionen Schweizer Haushalte nutzen die Möglichkeit des Spulens laut Zahlen der Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen (IRF) bereits. Das sorgt für Zoff zwischen den TV-Sendern und den Verbreitern. Im Rahmen der Revision des Urheberrechts debattiert am Donnerstag der Nationalrat über eine Einschränkung der Spul-Funktion. TV-Sender hätten in Zukunft das Recht, den Anbietern von Replay-TV-Funktionen das Überspringen von Werbung zu verbieten. Der Schweizerische Verband der Streaming-Anbieter Swissstream, der die Interessen der Anbieter von Replay-TV-Angeboten vertritt, befürchtet steigende Preise für digitale TV-Angebote. «Der Kunde müsste bei Annahme eine Preiserhöhung für sein TV-Abo in Kauf nehmen», sagt Alexander Schmid, Geschäftsführer von Swissstream. «Wenn Sender das Spulen verbieten, führt das dazu, dass preislich und inhaltlich attraktive Angebote von Netflix oder Amazon stärker wachsen werden und illegale Streaming-Angebote genutzt werden», sagt Schmid. Andrea Werder von der Interessengemeinschaft Radio und Fernsehen (IRF) widerspricht: «Niemand würde wegzappen, wenn vor einer Sendung wie ‹10 vor 10› zwei kurze Werbespots gezeigt würden.»

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TV-Sender sollen nicht verhindern können, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer beim zeitversetzten Fernsehen die Werbung überspringen. Der Nationalrat hat es am Freitag abgelehnt, eine Regelung zum Replay-TV im Urheberrecht zu verankern.

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Beim Replay-TV schalten viele Zuschauerinnen und Zuschauer bei Werbung auf Schnellvorlauf, wodurch Werbeeinnahmen entfallen. Die Rechtskommission des Nationalrates wollte deshalb im Gesetz verankern, dass die Kabelnetzunternehmen das Überspulen der Werbung nur dann ermöglichen dürfen, wenn der TV-Sender dem zugestimmt hat.


Kommissionssprecher Matthias Aebischer (SP/BE) betonte, niemand wolle Replay-TV verbieten, auch nicht das Überspulen der Werbung. Die Kommission wolle vor allem Verhandlungen herbeiführen zwischen TV-Sendern und Kabelnetzunternehmen. Er wies darauf hin, dass letztere - insbesondere Swisscom und UPC - mit Replay-TV viel Geld verdienten.

Der Vorschlag der Kommission war im Rat aber chancenlos: Die Regelung wurde mit 182 zu 6 Stimmen bei 9 Enthaltungen abgelehnt. Die Gegnerinnen und Gegner befürchten, dass die Fernsehsender das Überspulen der Werbung nicht erlauben oder dafür Gebühren erheben würden, die auf die Konsumentinnen und Konsumenten abgewälzt würden.

Leserstimmen zum Replay-TV:
(Quelle: 20 Minuten)

Nie mehr «Bonanza» verpassen

Beat Flach (GLP) stellte fest, für Junge sei lineares Fernsehen etwas von vorgestern. Sie wüssten gar nicht, mit welchen Schmerzen das früher verbunden gewesen sei, wenn man eine Folge von «Bonanza» verpasst habe. Replay-TV dürfe nicht verhindert oder eingeschränkt werden.

Andrea Gmür-Schönenberger (CVP/LU) befand, es gehe nicht an, einen Werbekonsumzwang im Gesetz zu verankern. Ausserdem sei nicht klar, um wie hohe Einbussen es gehe. Christa Markwalder (FDP/BE) stellte fest, Replay-TV entspreche einem Kundenbedürfnis.

Auch die SP-Fraktion unterstützte die Regelung nicht mehr. Min Li Marti (SP/ZH) begründete das damit, dass inzwischen im Fernmeldegesetz eine weniger weitgehende Bestimmung verankert worden sei. Diese schreibt vor, dass beim Replay-TV Änderungen an den Programmen nur mit Zustimmung des Veranstalters vorgenommen werden dürfen. Das Überspringen von Werbung ist allerdings keine Änderung. Als Änderung würde gelten, wenn die Werbung mit anderer ersetzt würde.

Darum gehts:
(Quelle: SDA)

Höhe der Ausfälle unklar

Justizministerin Simonetta Sommaruga stellte sich ebenfalls gegen die Regelung. Das zeitversetzte Fernsehen sei beliebt, und die Öffentlichkeit würde es nicht verstehen, wenn Replay-TV nicht mehr angeboten oder teurer würde, sagte sie.

Die Ausgangslage sei unklar. Die Sendeunternehmen behaupteten, jährlich entgingen ihnen wegen Replay-TV Werbeeinnahmen von über 100 Millionen Franken. Die Kabelnetzbetreiber bestritten diese Summe. Niemand wisse, um wie viel Geld es tatsächlich gehe. Und niemand wisse, wie sich der Werbemarkt angesichts der veränderten Konsumgewohnheiten entwickle.

Weiter wies Sommaruga darauf hin, dass die Kabelvertreiber den Rechteinhabern schon heute 35 Millionen Franken bezahlten für das zeitversetzte Fernsehen. Darin eingeschlossen sei ein Beitrag für Werbeausfälle.

(20M/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • tt am 14.12.2018 09:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ab und zu etwas gutes

    zwischendurch wird doch noch mit vernunft debattiert in bern.

    einklappen einklappen
  • Spregu am 14.12.2018 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bravo!

    Man kann also doch noch den Volkswillen vertreten.

    einklappen einklappen
  • Kusi-78 am 14.12.2018 09:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut so

    Zum Glück bleibt es so.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Giorgio am 17.12.2018 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz einfach

    Problemlösung: Den Werbenden im Glauben lassen, die Leute sähen seine Werbung. Diese spulen aber klammheimlich durch. Et voila: Alle sind zufrieden.

  • TanteUhu am 17.12.2018 11:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterbrüche und ein bisschen Film dazwischen

    Es ist kein Vergnügen, wenn Filme dauernd durch Werbung unterbrochen werden. Ich verliere den Faden oder schlafe ein. Sollte das eines Tages verboten werden, verzichte ich aufs TV und gehe wieder ins Kino.

  • Tortellini am 14.12.2018 23:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger Kriege!

    Das Parlament hat gemacht, was das Folk wollte. Wäre das immer so, gäbe es wohl kaum so viele Auseinandersetzungen und Kriege!

  • Roger am 14.12.2018 21:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu lange Werbeblöcke

    Auf Pro7 und Co dauern die Werbeblöcke oft mehr als 5 Minuten sogar meist gegen 10 Minuten. Seit ich replay habe ist mir das erst recht aufgefallen. Am Abend erst um 2100 anfangen und dann spulen und man ist gleichzeitig fertig, wie wenn man um 20:15 angefangen hätte. Mal abgesehen davon, dass zwar 24x7 Programm kommt, ist der Inhalt meist schrecklich. Quantität nicht gleich Qualität

  • Reni am 14.12.2018 21:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das gabs schon früher

    Es lebe Reolay TV. Werbung überspulen wurde schon im Zeitalter von VHS Kassetten und Harddiskrecorder gemacht. Das ist jetzt wirklich kein neues Phänomen wegen Replay TV.