Klimapolitik

23. Januar 2019 12:21; Akt: 23.01.2019 14:25 Print

Rettet ein Benzinverbot die Gletscher?

von Michelle Medricky - Die Gletscher-Initiative will die Klimapolitik auf den Kopf stellen. Die Initianten sagen, wie die Schweiz vom Öl loskommen soll.

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Der Rekordsommer hat den Gletschern zugesetzt. Trotzdem hat der Nationalrat kürzlich das neue CO2-Gesetz abgeschmettert. Während Schüler für das Klima streiken, will nun der Verein Klimaschutz rund um den Umweltjournalisten Marcel Hänggi den Druck auf die Politik weiter erhöhen: Am kommenden Samstag verabschiedet die Delegiertenversammlung den Text der Gletscher-Initiative, ab Ende April sollen Unterschriften gesammelt werden.

Das Begehren ist radikal: Bis 2050 soll die Schweiz kein CO2 mehr ausstossen. Fossile Brenn- und Treibstoffe wie Erdöl, Erdgas und Kohle sollen grundsätzlich verboten werden. Offen lässt der vorläufige Text der Initiative, wie die Ziele erreicht werden sollen – da die technologische Entwicklung ständig weitergehe, habe man die Initiative bewusst offen formuliert. Gegenüber 20 Minuten sagen die Initianten, was es ihrer Meinung nach braucht, um vom Erdöl loszukommen.

Verbot von Ölheizungen


(Bild: Keystone)

Laut dem Bundesamt für Umwelt entfallen 27 Prozent der CO2-Emissionen in der Schweiz auf Gebäude. Ein Beispiel: Wohnt eine Familie in einer 100 Quadratmeter grossen Altbau-Wohnung, braucht die Ölheizung rund 21 Liter pro Quadratmeter und Jahr. So fallen 5,6 Tonnen CO2 an. «Eine neue Studie zeigt, dass die Klimaziele erreicht werden können, wenn alle Anlagen nach Ablauf ihrer Lebensdauer durch nicht-fossile Anlagen ersetzt werden», sagt Hänggi. Verbote neuer Ölheizungen, wie sie bereits gewisse Städte wie Basel kannten, seien deshalb wünschenswert.

Zu radikal ist die Forderung der Initianten für Haustechnik-Unternehmer und FDP-Nationalrat Peter Schilliger: «Verbote sind nicht meine Welt. Viel wichtiger ist es, die Verhältnismässigkeit zu beachten.» Wettbewerb und Technologie seien die Treiber der Klimapolitik. In Luzern etwa müssen bei einem Ersatz einer alten Heizung mindestens 10 Prozent des Energiebedarfs aus erneuerbarer Energie gespiesen werden. Das sei eine vernünftige Lösung.

Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren


(Bild: Keystone)

Rund ein Drittel aller CO2-Emissionen in der Schweiz entfallen auf den Verkehr, wobei der Flugverkehr davon ausgenommen ist. Falls nötig, wollen die Initianten den Verbrennungsmotor verbieten, wie dies etwa in Schweden geplant ist. «Nach Einschätzungen vieler Fachleute werden sich Elektroautos von allein durchsetzen. Ein Verbot von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren ab einem gewissen Datum wäre aber hilfreich.» Des Weiteren sollten CO2-Lenkungsabgaben, wie sie heute zum Beispiel bereits auf Brennstoffen wie Heizöl erhoben werden, ebenfalls auf Treibstoffe angewendet werden.

Für Schilliger unterschätzen die Initianten die Herausforderung: «Wenn alle Elektroautos fahren, werden wir einen immer grösseren Strombedarf in der Schweiz haben. Um diesen decken zu können, sind wiederum neue Technologien notwendig.» Wegen Problemen mit Rohstoffen gebe es bereits heute Engpässe bei der Lieferung von Batterien für Elektroautos. Das Potenzial der Elektroautos sei gross. Die Nutzung staatlich zu verordnen, aber kostspielig und falsch.

Flugticket-Abgabe und E-Flugzeuge


(Bild: Keystone)

Ein gewichtiger Posten im CO2-Ausstoss der Schweizer ist mit 18 Prozent die Fliegerei. Ein Flug von Zürich nach New York verursacht pro Passagier 1,2 Tonnen CO2. Die Initianten wollen auch hier die Schraube anziehen: «Alternativen wie Nachtzüge müssen gefördert werden. Die Verdrängung durch Billigflüge muss gestoppt werden», so Hänggi. Gleichzeitig hofft er auf technische Innovationen: Synthetischer Treibstoff könne künftig die Emissionen senken. Das sei technisch machbar und die ETH führend. Bei Kurzstrecken gebe es auch die Möglichkeit elektrischer Flugzeuge.

Schilliger dagegen betont, dass die Schweiz sich ins eigene Fleisch schneide, wenn sie das Fliegen massiv verteuere: «Die Einführung einer Ticketabgabe nur in der Schweiz macht keinen Sinn. Die Flüge wandern höchstens ins Ausland ab.» Die Schweizer Wirtschaft sei aber auf gute Verbindungen angewiesen. Die Schweizer würden erst auf Angebote wie Nachtzüge zurückgreifen, sobald deren Leistung auch stimme.

Kein Freihandel mit Palmöl


(Bild: Keystone)

Auch bei der Nahrungsmittelproduktion wollen die Gletscher-Freunde ansetzen: «Nicht nur die Landwirtschaftspolitik in der Schweiz soll klimaschonend gestaltet werden. Die Initiative möchte, dass sich die Schweiz auch im Ausland im Sinne des Klimaschutzes verhält.» Die Schweiz importiere viele Nahrungs- und Futtermittel, die oft auf klimaschädigende Weise angebaut würden. Deshalb sei es wichtig, dass der Klimaschutz auch beispielsweise in Freihandelsabkommen berücksichtigt werde.

Schilliger befürchtet Importverbote und grosse Wettbewerbsnachteile: «Die Schweiz ist klimapolitisch im Vergleich zum Ausland gut aufgestellt. Eine Weiterentwicklung heisse ich gern willkommen, aber nur durch marktwirtschaftliche Instrumente und ohne Verbote.» Mit extremen Massnahmen in der Schweiz rette man die Gletscher nicht: «Das ist Symbolpolitik: Das Ausland muss erst mitziehen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Apocalyps Reiter am 23.01.2019 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Doom Thinking

    Alles sehr nobel aber solange der Mensch sich ungebremst vermehrt, wird jegliche "Lösung" ein Tropfen auf ein heissen Stein sein und musste man fast hoffen, dass die Natur ein Weg findet die Menschheit drastisch zu reduzieren da wir Menschen es freiwillig nicht machen werden.

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  • Wette Macher am 23.01.2019 12:43 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Co2 Ausstoss mehr?

    Wenn die wollen, dass die Schweiz bis 2050 kein Co2 mehr ausstösst, dann sollen sie doch bitte vorgehen und aufhören zu atmen. Was die verlangen ist absoluter Humbug ohne ein Mindestmass an Verstand und Logik. Irgendwie habe ich auch das Gefühl, diese Klimaaktivisten hätten vergessen, dass ein Teil der Schweiz den Atomaustritt will. Woher zum Geier soll die Energie, Co2 frei notabene, denn bitteschön kommen? Zieht euch ein Fell über und geht zurück in die Steinzeit, aber ohne Feuer bitte!

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  • Manu-L am 23.01.2019 12:28 Report Diesen Beitrag melden

    Ernsthaft?

    Ich dachte, der 1. April sei erst später in diesem Jahr...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mamamia am 25.01.2019 02:11 Report Diesen Beitrag melden

    an die glacialen Freunde

    Kommt mir eine Idee..Mit Kälte und Wärmepumpe heizen wir... der Prozess könnte umgekehrt werden. Die erwärmte luft über den Gletschern kann benutzt werden, die Gletscher zu kühlen. mit der Abwärme kann Strom produziert werden oder sogar neues Eis geschaffen werden. Auch könnten die Reflektorfolien durch Kissen eingetauscht werden welche mit kalter Luft gefüllt werden.

  • dead man am 24.01.2019 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    Makabere Lösung

    An alle, die voller Überzeugung und ohne Rücksicht auf Verluste etwas Gutes für das Klima machen wollen: Das Problem sind zu viele Menschen, verstanden? Weniger Konsum = weniger Belastung.

  • Leon am 24.01.2019 15:35 Report Diesen Beitrag melden

    Immer wiederholen bis man es glaubt...

    Was mir einfach nicht in den Kopf will, ist das niemand die Globalisierung massiv einschränken will, damit in Zukunft wieder vermehrt vor Ort produziert und verabeitet wird. Damit würde man X-fach mehr erreichen als mit Abgaben auf sowieso stattfindenden Verbrauch. Das dort wo am meisten Co2 entsteht, nichts gemacht wird enttarnt doch eindeutig diese ganze Lügerei. Schlimm das die CO2 Prediger auch vom Wohl für die Menschheit dank der Globalisierung reden, aber ja die meisten glauben den Unsinn trotzdem obwohl der Schwindel so offensichtlich ist.

  • Dr. Athmos am 24.01.2019 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Nützt nix, gar rein nix

    Eine Biosphäre macht vor unseren Grenzen nicht halt. Man rechne wieviel km2 Fläche die Amis, Russen, Chinesen, Inder und und und verschmutzen. Ähmm wie gross ist die Schweiz????? Genau. Unsere Bemühungen nützen nichts, aber rein gar nichts. Nur gescheite grüne Politiker wissen das. Aber einen solchen habe ich leider noch nicht gefunden. Jeder soll so wie es für Ihn geht sich um eine saubere Umwelt bemühen. Dies aber nicht nur in der Schweiz. Das bringt mehr.

  • Swissgirl am 24.01.2019 12:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mensch ist das Problem

    Ganz klar, das Benzin für die Autos und die Fliegerei sind viel zu billig! Es kann nicht sein, dass man für die Reise nach London Tickets ab 50 Franken kaufen kann. Aber das Problem ist der Mensch selber. Mal erstens gibt es zu viele Menschen auf der Erde und zweitens ändern Menschen nur etwas wenn sie ultimativ dazu gezwungen werden. 2 - 4 Autos pro Haushalt! Jeder km mit dem Auto! Es hat ja noch Natur, es hat ja Wasser und Gletscher, also was soll's? Nicht ich sondern die anderen sollen etwas ändern!