Alte Rivalität

08. Februar 2011 16:59; Akt: 08.02.2011 17:22 Print

Russen machen Genf zum Erdölzentrum

Genf und London streiten seit langem um den Spitzenplatz im Erdölhandel. Durch den jüngsten Zuzug russischer Erdölgiganten gewinnt die Rhonestadt die Überhand.

storybild

Gefördert wird in Russland, aber gehandelt in Genf. Immer mehr russische Erdögiganten verschieben ihre Handelsabteilungen in die Rhonestadt. (Bild: Keystone/Mikhail Metzel)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In der Erdölindustrie finden derzeit wichtige Verschiebungen statt. Letztes Jahr überholte Russland Saudi-Arabien als grösster Erdöproduzent der Welt. Und durch den Umzug prominenter russischer Trader nach Genf ist die Rhonestadt im Begriff, London als Zentrum des globalen Erdölhandels ablösen, berichtet die «Financial Times».

Zwei russische Erdölgiganten, Rosneft und Bashneft, haben vergangene Woche Handelsabteilungen in Zürich und Genf angemeldet. Beide wickeln ihre Geschäfte derzeit noch von Moskau aus ab. Rosneft zieht es an die Genfer Nobelstrasse Rue du Rhône - in Gehdistanz zu ihren Konkurrenten Trafigura, Gunvor und Mercuria, den Nummern 3, 4 und 5 im weltweiten Erdölhandel. Bashneft lässt sich in Zürich-Oerlikon nieder.

Auch die russische TNK-BP hatte im vergangenen November Pläne angekündigt, in Genf einen Handelsarm anzusiedeln. Andere Erdölriesen wie die französische Total sowie die russische Lukoil handeln dort bereits seit Jahren.

Langjährige Rivalität

London und Genf konkurrieren seit der ersten Ölkrise 1973/74 um die Vormachtstellung im internationalen Erdöhandel, als sich verschiedene Schwergewichte in Genf und Zug niederliessen. Mitte der 1980er Jahre begann London aufzuholen und überholte Genf schliesslich in den 1990er Jahren. Etwa zur gleichen Zeit kamen die ersten russischen Erdölhändler nach Genf.

Die Sowjetunion war kurz zuvor zusammengebrochen, was die russische Erdölindustrie für Privatisierungen und westliche Investitionen öffnete. Nach der Jahrtausendwende begann diese zu boomen, wovon auch der Genfer Handelsstandort profitierte. Laut dem Branchenverband «Geneva Trading and Shipping Association» wickelt Genf inzwischen rund 75 Prozent aller russischer Erdölexporte ab.

London droht aufgrund dieser Entwicklung wieder zurückzufallen. Die Branche beklagt sich offenbar seit längerer Zeit über zuviel Regulierung, hohe Steuern und die schlechte Verkehrsinfrastruktur in London. Die Stadt an der Themse hat dessen ungeachtet einen Spitzenplatz im internationelen Erdögeschäft auf sicher: Nach wie vor beheimatet sie die Handelsabteilungen des weltweit grössten Rohstoffhändlers Glencore, sowie von BP und Shell.

Kommt hinzu, dass auch die Genfer Infrastruktur langsam an ihre Grenzen stösst: Der Büroraum wird immer knapper.

(kri)