Hitzewelle

22. Juli 2019 08:46; Akt: 22.07.2019 17:08 Print

So stark kühlt die SBB die Züge herunter

Die SBB entschuldigt sich prophylaktisch für Verspätungen wegen der Hitzewelle. Die Bahn erklärt, wie sie sich gegen die Hitze rüstet.

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94 Prozent der SBB-Züge sind klimatisiert. Experimentieren ebenfalls mit weisser Farbe auf den Schienen: die Basler Verkehrsbetriebe. Die SBB hatte in den letzten Wochen immer wieder mit Verspätungen und Zugausfällen zu kämpfen. Das zeigt die Auswertung der privaten Plattform Puenktlichkeit.ch. Jetzt will die Politik eingreifen. Für SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher ist das ÖV-Netz ausgereizt und anfällig. «Aber dass die SBB bei Verspätungen gewisse Zughalte einfach auslässt oder Ersatzzüge ausfallen, weil keine Lokführer auf Pikett sind, ist schlicht inakzeptabel.» Graf-Litscher will die Verspätungen in der Verkehrskommission thematisieren und pocht auf Antworten von der SBB. Für sie ist klar: «Es braucht Möglichkeiten, dass im Störungsfall mehr Ersatzzüge, Ausweichrouten und Lokführer zur Verfügung stehen.» Laut Graf-Litscher ist der Bund mitschuldig, weil er von der Bahn stets mehr Effizienz verlange. «So agiert die SBB dauernd am Limit und kann es sich gar nicht leisten, Personal auf Pikett in der Hinterhand zu haben.» Auch die SBB wird nun aktiv und setzt die «Expertengruppe Pünktlichkeit» ein. Sie prüft Möglichkeiten, um Verspätungen zu vermeiden. Der Tenor: Der Bahnbetrieb brauche wieder etwas mehr Luft und eine bessere Stabilität – auch wenn dies allenfalls zulasten der maximalen Leistung gehe. Laut SBB-Sprecher Reto Schärli wird die Expertengruppe am 14. August ihre Vorschläge präsentieren. Er erklärt zudem die kritisierten Verspätungen im letzten Monat. Der Vorfall am 27. Juni, als unter anderem eine verbogene Schiene bei Bern zu einem Chaos geführt hatte und rund 315'000 Kunden von Verspätungen betroffen gewesen waren, seien «zum Glück Einzelfälle und auch für die SBB inakzeptabel». Dass auf der Strecke Basel–Zürich im Juni 40 Prozent der Züge verspätet waren, darauf habe man nur bedingten Einfluss: «Diese kamen aus Deutschland schon klar verspätet an», so Schärli. SBB-Sprecher Schärli betont, einen störungsfreien Bahnbetrieb gebe es nicht: «Unsere Fachleute müssen täglich rund 500 Störungen bewältigen. Sie tun alles dafür, die Auswirkungen auf die Kunden zu minimieren.»

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Bauarbeiten, Zugausfälle oder massive Verspätungen: Pendler auf zahlreichen SBB-Strecken mussten in den letzten Wochen einiges an Geduld aufbringen. Entspannung ist keine in Sicht: Diese Woche erwartet die Schweiz erneut eine Hitzewelle. Temperaturen von 30 Grad Celsius an mehreren Tagen in Folge stellten für den Bahnbetrieb eine Herausforderung dar, so die SBB. Gleichzeitig laufe der Eventverkehr mit zahlreichen Grossanlässen zur Fête des Vignerons und weiteren Grossanlässen auf Hochtouren.

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Bei grosser Hitze können die Schienen bis zu 70 Grad heiss werden. An einem Point de Presse entschuldigt sich die SBB bereits für allfällige Verspätungen, die wegen der Verformung von Gleisen – sogenannten Gleisverwerfungen – entstehen könnten. Zu einer Verwerfung kam es bereits am 27. Juni in Bern. Die Kundenpünktlichkeit betrug an diesem Tag bloss 75 Prozent. Die Bahn trifft folgende Massnahmen gegen die Hitze:

Weisse Schienen

Die SBB analysiert die Möglichkeit der weissen Schienen. Dabei werden Schienen seitlich mit weisser Farbe bemalt. Studien zeigen laut der SBB, dass die Schienen mit hellem Anstrich bis zu 7 Grad kühler bleiben. «Eine interne Expertengruppe setzt sich mit dem Thema auseinander und führt aktuell Tests direkt im Gleis durch», sagt dazu Stefan Sommer, Leiter Fahrweg SBB Infrastruktur. Verschiedene Farben und Farbtypen würden getestet, bis zum nächsten Sommer rechne man mit ersten Resultaten.

Streckeninspektionen

Die Hauptstrecken werden alle zwei bis vier Wochen von speziell ausgebildeten Streckeninspektoren kontrolliert. Stellen sie Gleisverformungen fest, reicht in der Regel eine Reduktion der Geschwindigkeit aus. Danach wird die Stelle geflickt oder allenfalls die Schiene ersetzt. «Zu Gleisverwerfungen kommt es aber rund fünf- bis 15-mal im Jahr – und das bei 7000 Streckenkilometern», sagt Sommer.

Klimaanlagen laufen auf Hochtouren

7200 Klimageräte in 4100 Fahrzeugen sind momentan installiert. 94 Prozent der Personenzüge sind somit gekühlt, sagt Ralf Hofer, Leiter Klimatechnik SBB Personenverkehr. Bei 35 Grad kann es trotzdem noch warm sein: Die SBB kühlt die Raumluft 5 bis 7 Grad unter die Aussentemperatur. «Das heisst, die Soll-Temperatur in den Zügen liegt an besonders heissen Tagen zwischen 28 bis 30 Grad», so Hofer.

Das Personal kann die Temperatur zusätzlich um 2 Grad senken. Bei Temperaturen über 30 Grad kämen die Klimageräte an ihre Leistungsgrenzen, obwohl sie auf Hochtouren liefen, schreibt die SBB.

Aufgrund der warmen Temperaturen in Zügen habe die SBB viele Rückmeldungen von Kunden erhalten: «Viele reklamierten, es sei zu heiss», sagt Linus Looser, Leiter Bahnproduktion SBB Personenverkehr. Man nehme sich das Feedback zu Herzen und schaue, welche ökologischen und energetischen Folgen eine stärkere Kühlung hätte – auch weil man in Zukunft mit mehr Hitzeperioden und längeren und heisseren Sommern rechne. Looser: «Da umfangreiche technische Anpassungen gemacht werden müssen, ist das aber keine Änderung, die sich von heute auf morgen umsetzen lässt.»

Hitzebeständige Schienen

Zudem prüft die SBB, ob sie künftig Schienen einsetzen kann, die der Hitze besser standhalten. So wird geprüft, die sogenannte Neutralisierungstemperatur um fünf Grad zu erhöhen. Auf diese Temperatur wird eine Schiene erhitzt, bevor sie im Gleisbett verschweisst wird.

(dk)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • luigi Radaelli am 22.07.2019 11:37 Report Diesen Beitrag melden

    Nur die SBB?!

    Wir sind drei Wochen bei dieser Hitze in Europa mit der Bahn unterwegs gewesen (Interrail). Jede Bahn konnte vernünftig kühlen (Thechien, DB, Britisch Rail, SNCF). Von Paris nach Zürich OK. Von Zürich nach Aarau nur heisse Luft. Hat die SBB wieder einmal am falschen Ort gespart?

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  • äsä am 22.07.2019 11:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kompliziert wie immer!

    Holt doch euch die Antworten zum Problem, in den Ländern wo es das ganze Jahr durch viel wärmer ist! (zum Beispiel in Nordamerika)... Aber lieber noch eine Arbeitsgruppe bilden, die über Monate Geld verschlingt, und am Schluss eh nicht's bringt!!! Da sitzen definitiv die falschen Läute im Kader!!

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  • S. U am 22.07.2019 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    OeVler

    Einfach nur peinlich die Entschuldigungen wegen der Kühlung. Das haben andere Länder bessere im Griff und da ist es immer über 30°, also alles nur faule ausreden. Schande SBB!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Riichä Richi am 22.07.2019 22:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eigeninitiative

    Nehmen wir einfach Ventilatoren und Steckleisten mit in den Zug.

  • Riichä Richi am 22.07.2019 22:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lösungen statt Ausreden

    Wer als CEO eine Expertengruppe hinzuziehen muss, ist definitiv auf dem falschen Posten. Das Märchen mit der Klimaanlage kann sich die SBB getrost sparen.

  • Belmam am 22.07.2019 21:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    so ist das

    ja klar geben wir doch der Hitze die Schuld, nur die Schwachen wählen die Lüge. Geld verpulvert......aber Diäten erhöhungen liegen drin

  • Peter am 22.07.2019 20:52 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn es nicht zu viel Leute hat,

    Wenn es nicht zu viel Leute hat, ist es noch schön im Zug. Es gibt schon Zeiten, da könnte es kühler sein.

  • Twin Peak am 22.07.2019 20:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Klimatisierte Büros was

    Welche ökologische und energetische Folgen es hat mehr zu Kühlen? Was ist mit Euch eigentlich los? Wenn es 28-30 Grad heiss ist im Wagen, kann es medizinische Folgen haben und ich persönlich steige aufs Auto um.