Neue Züge

18. Januar 2014 11:17; Akt: 18.01.2014 11:17 Print

SBB planen ohne Rücksicht auf Behinderte

800 Millionen Franken wollen die SBB in 29 neue Züge investieren. Dabei prüfen sie auch eine Neigezugtyp, der laut BAV gegen das Behindertengleichstellungsgesetz verstösst.

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Ein Mann im Rollstuhl verlässt einen Intercity im Bahnhof Bern, 2009. Gemäss dem Behindertengleichstellungsgesetz müssten Personen mit eingeschränkter Mobilität autonomen Zugang zu Zügen haben. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Die SBB will für 800 Millionen Franken 29 neue Züge für die Gotthard-Basisstrecke kaufen - und prüft unter anderem den Kauf von Neigezügen des Typs ETR610. Dies, obwohl das Bundesamt für Verkehr (BAV) klar darauf hinweist, dass dieser Zugtyp gegen das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) verstösst.

Am letzten Dienstag habe ein Treffen zwischen BAV und SBB stattgefunden, bestätigt ein BAV-Sprecher einen Artikel der «AargauerZeitung» vom Freitag. Besprochen wurden Zulassungsfragen für neue Züge auf der Gotthardachse. Insbesondere machte das BAV darauf aufmerksam, dass bei Neubeschaffungen das seit 2004 geltende BehiG im öffentlichen Verkehr zu respektieren sei.

Personen mit eingeschränkter Mobilität müssen demnach autonomen Zugang zu Zügen haben. Konkret heisst dies, dass auch eine Person mit Rollstuhl oder mit Rollator selbstständig ein- und aussteigen kann. Der ETR 610 erfüllt diese Anforderung gemäss BAV nicht.

SBB verweist auf Verhältnismässigkeit

Bei der SBB gibt man sich unbeeindruckt. Bei den neuen Zügen könnte es sich unter anderem auch um ETR610 handeln, teilt die SBB auf Anfrage mit. Der Evaluationsprozess laufe noch, man prüfe verschiedene Optionen.

Ein wichtiger Punkt im Gleichstellungsgesetz sei die Verhältnismässigkeit, teilt die SBB weiter mit. Aus diesem Grund werde es voraussichtlich Ausnahmeregelungen geben. So könnten zum Beispiel sogenannte Mobilitätshelfer zum Einsatz kommen, Personen also, die Behinderten beim Ein- und Aussteigen helfen.

Mobilitätshelfer kein gleichwertiger Ersatz für autonomen Zugang

Beim BAV wird die SBB mit dieser Argumentation aber kaum durchkommen. Denn das Bundesamt erwartet, dass mit der auf 2019/20 geplanten Eröffnung der durchgehenden Gotthardbasisstrecke «ein wesentlicher Teil des Angebots mit Rollmaterial gefahren wird, welches den Anforderungen des BehiG entspricht.» Insbesondere gelte dies für den autonomen Zugang.

Ein Mobilitätshelfer sei kein gleichwertiger Ersatz für einen autonomen Zugang, präzisiert ein BAV-Sprecher auf Anfrage. Tatsächlich sind spontane Reisen kaum möglich, wie ein Blick auf die SBB-Homepage zeigt. Der Mobilitätshelfer muss mindestens eine Stunde vor Abfahrt des Zuges bestellt werden, Ein- und Aussteigen ist nicht an jedem Bahnhof möglich.

Entscheid im ersten Halbjahr 2014

Auf der heutigen, alten Gotthardstrecke sind ebenfalls ETR610-Züge im Einsatz - hier allerdings mit dem Segen des BAV. Denn Ausnahmen sind möglich, wenn dank der Neigetechnik Fahrzeit eingespart werden kann. Auf der kurvenreichen Strecke über den Gotthard ist dies der Fall, der neue Basis-Strecke verläuft hingegen deutlich gerader.

Die SBB hat den Grossauftrag für die 29 neuen Züge im Jahr 2012 ausgeschrieben. Nach Verzögerungen soll nun im ersten Halbjahr 2014 ein Entscheid fallen, wie die SBB mitteilt. Insgesamt sind vier Offerten eingegangen, der Kauf von weiteren Neigezügen ist eine zusätzliche Option.

Übergangslösung mit Zug Typ ETR610

Daneben hat die SBB bereits sieben weitere Züge des Typs ETR610 bestellt. Diese sollen ab 2015 über die Gotthard-Bergstrecke fahren und nach der Eröffnung des neuen Tunnels Ende 2016 auch im Basistunnel. Es handle sich dabei aber nur um eine Übergangslösung. Aufgrund der laufenden Gespräche mit dem BAV erwarte man keine Hindernisse beim Zulassungsverfahren.

Die aktuelle SBB-Planung sehe vor, «dass die ETR610 ab 2019 schrittweise durch die neuen Züge abgelöst werden». Auf die Frage, ob es sich bei diesen neuen Zügen wiederum um ETR610 handeln könnte, antwortet die SBB: «Das könnten weiterhin ETR610 sein - möglicherweise auch andere Züge.»

(sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rollstuhlfahrer am 18.01.2014 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Nein, nein, nein

    Man muss uns Handicapierten natürlich berücksichtigen und uns eine faire Möglichkeit bieten mit dem Zug zu reisen. Aber was da wieder verlangt wird ist meiner Meinung nach übertrieben. Ich fahre auch kaum Zug, das Auto ist viel praktischer, da dann auch der Weg vom Haus zum Bahnhof wegfällt. Da reicht meiner Ansicht nach ein Helfer, der beim Ein-/Aussteigen hilft total aus! Ich finde diese Geldverschwenderei, nur damit man im Rollstuhl alleine den Zug benützen kann eine Frechheit. Man hat halt nicht die gleichen möglichkeiten wenn man im Rollstuhl sitzt. Das ist so!

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  • SBB-Kunde am 18.01.2014 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt Lösungen

    Vielfach würde 1 Spezialwagen (auch für Velo etc.) schon reichen,wie sie es nachträglich bei der S-Bahn Zürich machten. mit den rollstuhlgerechten Toiletten darf man sich schon fragen, ob das flächendeckend Sinn macht, die brauchen enorm Platz.

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  • Adrian am 18.01.2014 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    "...Ein Mobilitätshelfer...

    ...ist kein gleichwertiger Ersatz für einen autonomen Zugang...". In der Tat, es ist nämlich ein besserer Ersatz, da ein ZWISCHENMENSCHLICHER Kontakt zustande kommt und zudem einem Menschen einen sinnvolle Arbeitplatz gewährt... SBB, gebt nicht immer nach!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Mickey-Mouse am 20.01.2014 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Schockiert

    Bin ich die einzige, die ob den meisten Kommentaren hier schockiert ist? Sehen wir, als "fortschrittliches" und soziales Land denn Behinderte als minderwertige Menschen an? Wir sprechen über Gleichberechtigung in allen Ecken, aber bei behinderten Menschen, die für ihr Schicksal nichts können und vielleicht einfach ein möglichst normales Leben führen wollen, hörts dann wieder auf? Jede Tätigkeit, die für "nomale" Menschen selbstverständlich ist, ist für diese Menschen eine Herausforderung. Wer von den Grossschwätzern hier würde denn einem Behinderten in den Zug helfen, wenn die Mobilität fehlt?

  • Abbas Schumacher am 19.01.2014 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt eine Lösung!

    Behinderten Fern. Transport, da werden alle Behinderten zum Ticketpreis von 1. Klasse Tarif von A nach B gebracht. Es fahren für sie Freiwillige Chauffeure. Kein Problem mit Umsteigen, Gepäck, direkt von zu Hause aus an ihr Ziel! Es gibt immer eine Lösung!

  • Peter Hablützel am 19.01.2014 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen 2. Klasse

    Mobilitätshelfer mögen ja gut sein, jedoch möchte ich auch spontan Reisen können. Jeder nichtbehinderte Mensch sollte mal einen Tag im Rollstuhl verbringen, seihe es auf Reisen. Restaurantbesuche (ohne IV-WC natürlich dürfen Rollstuhlfahrer ein öffentliches WC suchen!, was keinem gesunden Menschen zugemutet wird ), Einkaufen, Museum oder Konzertbesuche. Grüsse von einem Rollstuhlfahrer ;-)

  • Sonja Spori am 19.01.2014 09:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selbstständig

    Ob mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen, es ist doch einfach toll wenn man sich selbstständig bewegen kann. Als Grossmutter war ich auch schon froh, wenn die Züge ebenerdig waren, denn nicht überall sind Hilfsbereite Menschen. Es gibt immer mehr gestresste Egoisten.

  • G.Olem am 19.01.2014 08:16 Report Diesen Beitrag melden

    New Public Management

    Der oberste Boss der SBB findet Internet im Zug wichtiger, als dass der Zug fährt. Also, wer wundert sich noch über was?