Kot-Baustelle am HB Zürich

18. Oktober 2011 15:42; Akt: 18.10.2011 18:02 Print

SBB will Streikforderung erfüllen

von Joel Bedetti - Keine Fäkalien mehr auf den Kopf: Die SBB will bis Ende Woche die Urin-Lecks an der Baustelle am Zürcher HB zu 100 Prozent abdichten. Für die Streikenden zeigt sie trotzdem nur bedingt Verständnis.

Die SBB wollen das Problem an der Kot-Baustelle nun beheben.
Zum Thema
Fehler gesehen?

Heute Nachmittag hat der SBB-Projektleiter Roland Kobel vor den Medien zum Streik an der «beschissensten» Baustelle Stellung genommen. Er versprach, dass die Bundesbahnen bis Ende dafür sorgen wollen, dass keine Ausscheidungen aus Plumpsklos zur den Arbeitern unter den Gleisen gelangen. Die Unia reagierte skeptisch (siehe Video).

Gestern sind rund 20 Bauarbeiter am Zürcher Hauptbahnhof in den Streik getreten. Seitdem die Baustelle im März unter den Gleisen des Hauptbahnhofs eröffnet wurde, litten die Arbeiter unter beschissenen Arbeitsbedingungen: Weil alte SBB-Züge Plumpsklos haben, floss regelmässig Abwasser, Kot und Urin auf die Männer.

Stinkende Werkzeuge

Heute Vormittag: Ein paar Unia-Gewerkschafter mit ihren roten Jacken stehen vor dem Eingang und bei den Baracken der Bauarbeiter, wo sie an einer Soundanlage herumwerkeln, um für Stimmung zu sorgen. Die Bauarbeiter sind bei den Baracken versammelt, trinken Kaffee und warten, bis sich die Unia und die SBB geeinigt haben. «Wir hoffen auf eine baldige Lösung, aber zurzeit herrscht Funkstille», sagt Unia-Sprecher Lorenz Keller gegenüber 20 Minuten Online. SBB-Sprecher Reto Schärli versichert, dass die SBB mit den Streikenden in Kontakt stehe und man im Verlaufe des Nachmittags informieren werde.

«Ständig mussten wir damit rechnen, dass irgendwas auf uns heruntertropft», berichten die Streikenden. «Manchmal war es bloss Wasser, manchmal hatte es aber auch Urin oder Kotspuren darin». Ein Bauarbeiter erzählt, ihn habe es einmal am Helm und zweimal am Ärmel erwischt. «Als ich am Abend nach Hause kam, habe ich so etwas von gestunken.» Mit der Zeit hätten auch der Boden und die Werkzeuge nach Fäkalien gerochen.

Nicht nur Kot und Urin wurde aus den Plumpsklos nach unten gespült. «Einmal fanden wir blutiges Toilettenpapier, wahrscheinlich hatte jemand Periode», erzählt einer. «Auch ein Tampon fiel mal runter», sagt ein anderer.

Zugtoiletten schliessen

Schlimmer als den Gestank empfinden die Arbeiter die mangelnde Wertschätzung. «Wir müssen dreihundert Meter laufen, um aufs WC zu gehen. Wenn einer von uns in eine Ecke pisst, wird er gefeuert. Die Zugpassagiere aber dürfen uns auf den Kopf scheissen», sagt ein älterer Arbeiter.

Seit September sind Unia und SBB daran, eine Lösung zu finden. «Die SBB haben immer wieder versprochen, das Problem zu lösen - geklappt hat das bisher aber nicht», so Unia-Sprecher Lorenz Keller. Und wenn es um Kot am Arbeitsplatz gehe, könne man nur hundertprozentige Lösungen akzeptieren.

Bereits vergangenen Mittwoch hatte die Unia deswegen die Baustelle dicht gemacht. Nachdem die SBB jedoch versprachen, konsequent die alten Zugtoiletten bei der Ankunft im HB zu schliessen, gingen die Arbeiter wieder ans Werk. «Es tropfte aber weiter», begründet Unia-Sprecher Keller die erneute Streikmassnahme. Die Unia und die Bauarbeiter fordern von den SBB nun eine schriftliche Garantie, dass das Problem wie versprochen hundertprozentig und dauerhaft gelöst werde.

Solidarische Passanten

Im Hauptbahnhof verteilten die Unia-Gewerkschafter heute Flyer, um die Passanten über die Zustände an der Baustelle zu informieren. «Wir erhielten positive Reaktionen; viele Leute kamen auf uns zu und sagten, dass sie das eine Sauerei finden», erzählt Lorenz Keller. Auf Flugblättern wurde die Handy-Nummer von SBB-Chef Andreas Meyer bekannt gegeben mit der Aufforderung, ihn per SMS zu bitten, «für würdige Arbeitsbedingungen am HB Zürich zu sorgen»

Die SBB und die Bahnpolizei scheinen weniger Sympathie für den Streik zu haben. Ein Unia-Mitarbeiter erzählt, er habe eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch am Hals, weil er ohne Bewilligung in der Halle des HB geflyert habe. Zudem habe die SBB eine Person angestellt, welche die Informationsplakate der Unia entfernt habe. Die SBB bestätigen den Sachverhalt. Und beim Besuch von 20 Minuten Online heute Mittag untersagen zwei Bahnpolizisten den Unia-Mitarbeitern, welche vor dem Eingang der Baustelle postiert sind, auf dem Boden zu sitzen.