Nach Fall Anthamatten

24. September 2013 16:23; Akt: 25.09.2013 14:11 Print

SVP-Frau will Gewalttätern Chip implantieren

von J. Büchi/S. Hehli - Mit einer radikalen Methode will SVP-Nationalrätin Céline Amaudruz Gewalttäter davon abhalten, rückfällig zu werden: Sie will ihnen einen Sender einpflanzen.

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Gemäss Amaudruz (links) soll der Chip dazu beitragen, Wiederholungstaten zu verhindern. (Bild: Keystone)

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Lucie, Marie, Adeline – nach dem gewaltsamen Tod dieser jungen Frauen sucht die Politik nach Lösungen. Nach Lösungen, wie verurteilte Gewalttäter kontrolliert und von Wiederholungstaten abgehalten werden können. Nach Lösungen, die die öffentliche Sicherheit gewährleisten sollen. Unmittelbar nach der Tat in Genf wurden Forderungen nach einer automatischen Verwahrung von Wiederholungstätern oder einem zentralen Täterregister laut. Am Montag hat der Nationalrat einen Vorstoss von SVP-Nationalrätin Natalie Rickli angenommen, der Hafturlaube und Ausgänge für Verwahrte verbieten will.

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Und bereits sorgt ein weiterer Vorstoss aus den Reihen der SVP für Wirbel: Die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz verlangt, dass gefährlichen Straftätern vor der Entlassung aus der Haft ein elektronischer Chip implantiert wird. Die Massnahme soll bei «Mord, Vergewaltigung, Sex mit Kindern und anderen schweren Straftaten» zur Anwendung kommen, wie es in der Motion heisst. Der Chip soll dazu beitragen, Wiederholungstaten zu verhindern.

Keine Chance davonzukommen

Im Motionstext verweist Amaudruz auf Henriette Haas, Professorin für forensische Psychologie an der Universität Zürich. Haas stellte einen solchen Chip letzte Woche in der «Weltwoche» und im welschen Wochenmagazin «L’Hebdo» zur Diskussion. Auf Anfrage von 20 Minuten erklärt sie: «In der Kriminologie ist bekannt und durch zahlreiche Studien untermauert, dass eine abschreckende Wirkung nicht in erster Linie von der Höhe der Bestrafung ausgeht – sondern von der Strafgewissheit.»

Wenn ein potenzieller Täter wisse, dass er keine Chance hat, mit einer Tat ungestraft davonzukommen, werde er sie wahrscheinlich nicht verüben, sagt Haas. So könnte die Polizei beim Träger eines Chips etwa nachprüfen, ob er sich während einer Vergewaltigung am Tatort aufgehalten hat. «Dieser psychische Mechanismus ist derselbe, der auch im Gefängnis wirkt: Dort können sich die meisten Gewalttäter gut beherrschen, weil sie wissen, dass sie eine Tat unmöglich verheimlichen könnten.»

«Das wäre Big Brother total»

SP-Nationalrat Cédric Wermuth reagiert entsetzt auf den Vorstoss: «Das ist völlig indiskutabel. Ein implantierter Chip – das wäre ja Big Brother total.» Der Jungpolitiker warnt vor diesem «Weg des Totalitarismus»: Es sei sinnlos, den Leuten Sand in die Augen zu streuen und zu suggerieren, dass ein elektronischer Chip die Lösung aller Probleme bedeutet. Er wirft der SVP vor, politisches Kapital aus dem Fall Anthamatten zu schlagen. «Das ist moralisch höchst unschön.»

FDP-Nationalrat Christian Lüscher, Mitglied der Rechtskommission und Jurist, stimmt Wermuth zu: «Das ist nicht verhältnismässig. Die Verurteilten sind schliesslich immer noch Menschen und keine Tiere.» Der Umgang mit Straftätern wie Fabrice Anthamatten sei ein Problem, das es im Vollzug anzugehen gelte – und nicht im Parlament.

CVP-Nationalrat Karl Vogler betont, es gebe andere Möglichkeiten, einen Straftäter, der seine Strafe abgesessen hat, zu überwachen. Erst am Montag hat der Nationalrat beschlossen, dass das Instrument der elektronischen Fussfessel künftig noch verbreiteter angewandt werden soll. Diese Möglichkeit sei im Gegensatz zum implantierten Chip verhältnismässig, ist Vogler überzeugt. «Aber die SVP muss ja immer noch einen Schritt weiter gehen.»

«Positiv für den Täter»

FDP-Mitglied und Psychologieprofessorin Haas weist den Populismusvorwurf von sich. «Wir müssen eine sachliche Debatte über verschiedene Methoden lancieren, statt den Umgang mit Gewalttätern zu tabuisieren oder die Diskussion den politischen Extremen zu überlassen.» Von einer «permanenten Überwachung à la Big Brother» könne keine Rede sein, es gehe um Prävention. «Man kann natürlich diskutieren, ob Fussfesseln zum selben Ergebnis führen würden.» Der Vorteil eines Chips sei, dass er in jeder Situation unsichtbar sei und damit auch die Resozialisierung des Täters ermögliche. «Als Alternative zu einer Verwahrung ist der Chip auch für die Verurteilten positiv.»

Zudem käme eine Chipimplantation viel günstiger als die lebenslange Verwahrung rückfälliger Gewalttäter. Diese würde laut Kriminalstatistik pro Jahr zu mehr als 150 Verwahrungen führen. «Man müsste also laufend neue Plätze für Verwahrte schaffen, das käme den Staat enorm teuer zu stehen.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • T.Kälin am 25.09.2013 08:33 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat

    "Wer die Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren." Benjamin Franklin

  • Willy Samir am 25.09.2013 08:53 Report Diesen Beitrag melden

    Falsche Richtung

    Und wie lange wird es dann wohl dauern bis solche Chips als Präventiv-Massnahme für alle eingeführt wird?

  • Peter am 25.09.2013 08:07 Report Diesen Beitrag melden

    Weiter so

    Die Kommentare hier beruhigen mich. Man muss etwas gegen diese Straftäter unternehmen, soviel steht fest. Aber DAS ist der Anfang von etwas grösserem und es wird uns ALLE betreffen. Ich bin kein Verschwörungstheoretiker, aber bei so was fürchte ich mich dann doch vor der "New World Order"!! Der gläserne Mensch als realität. Angefangen bei den Straftätern und wo endet es??

Die neusten Leser-Kommentare

  • Nickita B. am 26.09.2013 16:44 Report Diesen Beitrag melden

    Paradox

    Wie Paradox ist das denn... Keinen Chip aber dann entsetzt weil ein Pädophiler frei rumläuft???

  • Nickita B. am 26.09.2013 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    Vertrauen ist gut - Kontrolle ist besser

    Kann doch nicht sein dass man nun die Täter beschützen will! Statt Fessel ein Chip, wo ist das Problem? Wie sagt man so schön: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, oder?

  • B. Kerzenmacher am 26.09.2013 06:47 Report Diesen Beitrag melden

    Empathie

    "Die Idee stösst aber bei vielen Politikern auf Entsetzen und Kritik" Höchst unschön, dass gerade bei diesen Politikern nach den Fällen "Lucie, Marie und Adeline" das Entsetzen ausgeblieben ist, Empathie scheint ein Fremdwort zu sein.

  • Michele Bocchini am 25.09.2013 22:45 Report Diesen Beitrag melden

    Täter beschützen und die Opfer?

    Jetzt werden sie noch verhätschelt? Ach die armen, was haben sie anderen angetan? Sowas vergessen sie das Lebenlang nicht mehr! Wer beschützt die Opfer? Nun sollen die Täter auch noch beschützt und verhätschelt werden, oder was? Entweder weggesperrt oder eben Big Brother!

  • Chris am 25.09.2013 13:07 Report Diesen Beitrag melden

    @Pit Rorschach am 25.09.2013 12:47

    @Pit Rorschach am 25.09.2013 12:47 Du solltest ein bisschen weniger Verschwörungsthriller schauen. Finde es äusserst amüsant wie paranoid einige Menschen sind :-P