Behörden-Sprache

04. Dezember 2015 18:28; Akt: 04.12.2015 18:28 Print

SVP-Politiker kämpft gegen «SchweizerInnen»

SVP-Nationalrat Maximilian Reimann wehrt sich gegen die «Verbastardisierung» der deutschen Sprache. Gemeint ist das sogenannte Binnen-I.

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Maximilian Reimann, SVP-Nationalrat aus dem Kanton Aargau, regt sich auf, weil das Eidgenössische Aussendepartement in einem Positionspapier von «SchweizerInnen» und «AuslandschweizerInnen» spricht. In einem Vorstoss will er wissen: «Wann schiebt der Bundesrat dieser Art von Verbastardisierung der deutschen Sprache endlich und konsequent den Riegel?»

«In ein deutsches Wort gehört kein Grossbuchstabe», betont der Nationalrat. So habe man es bereits Anfang der Neunzigerjahre in einer parlamentarischen Kommission angeordnet, der er selber angehört habe, mit Wirkung auch für die Bundesverwaltung. Wenn eine Formulierung geschlechtergerecht sein solle, dann sei die männliche und die weibliche Form auszuschreiben.

Genderforschung ist schon weiter

Juso-Präsident Fabian Molina findet die Einstellung von Reimann antiquiert. «Man merkt definitiv, dass Reimann schon sehr alt im Kopf ist.» Die Gleichstellung der Geschlechter, auch in der Sprache, sei ein anerkanntes Ziel. «Wenn man sich heutzutage noch über das Binnen-I aufregt, kann ich mir nur an den Kopf fassen.»

Die Juso würde es im Gegenteil begrüssen, wenn die sprachliche Gleichstellung noch weiter ginge. Die Genderforschung hat diesbezüglich bereits verschiedene Vorschläge gemacht. So setzten sich Germanistik-Studenten an der Uni Zürich für geschlechterneutrale Endungen mit Sternchen oder -x ein. Eine andere Möglichkeit ist der Unterstrich, wie zum Beispiel
«Schüler_innen».

Durch solche Endungen sollen auch Menschen berücksichtigt werden, die sich keinem Geschlecht zugehörig fühlen oder sich nicht entscheiden wollen oder können. Bei der Stadt Bern hält man Mitarbeiter dazu an, geschlechtsneutrale Begriffe wie «Das Elter» anstatt «Mutter oder Vater» zu verwenden.

Laut der Bundeskanzlei hat sich das EDA offenbar tatsächlich einen Fauxpas erlaubt – sie hat einen eigenen Leitfaden zum Thema, welcher regelmässig aktualisiert wird. René Lenzin von der Bundeskanzlei sagt: «Das Binnen-I ist in der behördlichen Kommunikation nicht erlaubt.» Laut Leitfaden stören solche Kurzformulierungen den Lesefluss, es sollten darum im Fliesstext männliche und weibliche Formen ausgeschrieben werden.

Begriffe aus der Nazi-Zeit

Fabian Molina findet neben dem Inhalt auch den Titel von Reimanns Vorstoss stossend. «Das Wort ‹Verbastardisierung› ist durch den Nationalsozialismus negativ besetzt.» Der Begriff ist geschichtlich vorbelastet, weil er zu der Zeit des Nationalsozialismus verwendet wurde, um gegen Mischehen zwischen «Volksdeutschen» und Juden vorzugehen. So suchte der Kampfbund für deutsche Kultur, welcher unter anderem von Heinrich Himmler gegründet wurde, Männer und Frauen für den Kampf gegen die «Verbastardisierung und Vernegerung unseres Daseins».

Von dieser negativen Belastung habe er nichts gewusst, sagt Reimann. «Ich verbitte mir jegliche Verbindung mit dem Naziregime, den schändlichsten Verbrechern der Neuzeit», sagt er. Die Formulierung habe er seinerzeit in einer führenden Schweizer Zeitung so gelesen und sie als treffend empfunden. Von dem Begriff distanzieren will er sich aber dennoch nicht. «Das ist ein normaler deutscher Negativbegriff, den sicher die alten Germanen und wohl auch Luther schon verwendet haben und der keine Schöpfung der Nazis war.»

Den Kampf gegen das Binnen-I führt Reimann schon länger. Bereits 1992 regte er sich über die gendergerechte Sprache auf und bezeichnete die Doppelform mit Binnen-I als «neolinke Sprachvariante».

(the)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • René B. am 04.12.2015 19:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Elter?

    Bin ich froh dass ich noch eine Mutter und einen Vater habe, anstelle zwei mal das Elter. :-)

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  • András am 04.12.2015 19:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es wäre Zeit nicht alles zu kürzen

    Zum Beispiel: Sehr geehrte Schweizerinnen und Schweizer Das wäre die richtige Formulierung, wenn wir nicht alles als gramatische Schnelllösung zusammenkomprimieren wollen. Ich finde, es wäre sehr angebracht. Und es hat - meiner Meinung nach - nichts mit SVP zu tun. Es geht um Menschlichkeit in der Korrespondenz..

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  • Judith Steiger am 04.12.2015 19:20 Report Diesen Beitrag melden

    Was habe ich doch

    kürzlich in einer Vereinsmitteilung gelesen: "Liebe Mitgliederinnen und liebe Mitglieder!" Natürlich von einer Frau geschrieben... Sprachrevolution durch Neuanschaffung eines neutralen Plurals für "das Mitglied"! Nur weiter so...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fridolin am 07.12.2015 00:53 Report Diesen Beitrag melden

    Problem?

    Der hat aber auch Probleme ... Dafür bezahlen wir sie ...

  • Vreni am 06.12.2015 21:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schön gibt's die SVP

    Über was könnten sich sonst alle aufregen. Zum Glück haben wir keine anderen Probleme.

  • bart wakker am 06.12.2015 14:20 Report Diesen Beitrag melden

    Political correctness

    Warum nicht einfach nur die kürzere Form verwenden, die dann für alle Personen, egal von welchem Geschlecht, steht? Sehr viele Sprachen machen das so, einfach und praktisch. Political correctness ist mühsam und weckt irritation. Es tut die Sache dadurch oft nicht gut.

  • Efrauze am 06.12.2015 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fröilein

    Ich finde herr reimann sollte sich ab sofort reifrau nennen...

  • Urs am 06.12.2015 09:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    SVP sagt alles

    Es geht uns wirklich so schlecht, dass wir uns über das Binnen-I aufregen und grünärgern müssen . . .