Soziale Ungleichheit

24. Februar 2020 12:02; Akt: 27.02.2020 11:20 Print

«Mich belastet, dass mir meine Eltern Geld geben»

von Philippe Stalder - Zweitausbildung, Schulden, reiche Eltern: Darum beziehen junge Erwachsene noch immer Geld von ihrer Familie.

«Ich lebe mit 1200 Franken im Monat»: Nina Marbet (21) absolviert ihre zweite Lehre und lebt finanziell am Existenzminimum. Sie ist deshalb auf das Geld ihrer Eltern angewiesen. (Video: H. Mueller)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Liste der Gründe, weshalb man trotz eines eigenen Einkommens weiterhin von seinen Eltern abhängig bleibt, ist lang. Dennoch wird dieses Thema selbst unter Freunden meist tabuisiert. Aus Höflichkeit, aus Scham oder schlicht aus Angst vor Neid. Um ein Schlaglicht auf dieses Tabu zu werfen, hat 20 Minuten über 3300 Leser zu ihrer finanziellen Situation befragt:

Die Resultate lassen aufhorchen, auch wenn die Umfrage nicht repräsentativ ist. So bezieht jeder dritte erwachsene Leser, der an der Umfrage teilgenommen hat, regelmässig Geld von seinen Eltern. Nun erklären die Betroffenen, wie sie mit der finanziellen Abhängigkeit leben und wofür sie den monatlichen Zustupf ausgeben:

Zusatzausbildungen

Nina (21): «Stipendien erhält nur, wer am Existenzminimum lebt»
Die gelernte Konditorin absolviert gerade ihre Zweitausbildung als Köchin. Sie verdient in der Lehre 1750 Franken. Hinzu kommen 1450 Franken von ihren Eltern. Nina ist froh, dass ihre Eltern sie unterstützen, hat aber auch Mühe damit, weil sie weiss, dass es für ihre Eltern ein grosser Betrag ist. Ihr Stipendiumsantrag wurde abgelehnt, da sie bereits eine abgeschlossene Lehre vorweisen kann.


Nina Marbet (21) ist gelernte Konditorin und angehende Köchin. Foto: Helena Müller

Ingenieur-Bauzeichner (25): «Ich war unglücklich mit meiner ersten Berufswahl»
Einer der Hauptgründe dafür, dass junge Erwachsene auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, stellen Zusatzausbildungen dar. «Ich bin dankbar dafür, dass ich von meinen Eltern unterstützt werde, sonst könnte ich meine zweite Lehre als Ingenieur-Bauzeichner nicht machen», sagt der 25-Jährige. Als Lehrling verdient er monatlich 950 Franken, von seinen Eltern kommen 1200 Franken hinzu. Bereuen tut er die Entscheidung nicht: «Ich musste dafür zwar meine eigene Wohnung aufgeben, dennoch bin ich froh, den Schritt gemacht zu haben. Ich war sehr unglücklich mit meiner ersten Berufswahl.»

Pflege-Fachfrau (28): «Meine Eltern könnten das Geld selber gut gebrauchen»
Ihre Zusatzausbildung kann sie nur dank der Unterstützung ihrer Eltern machen: In der Ausbildung zur Anästhesiepflegerin verdient die junge Frau 2000 Franken im Monat, hinzu kommen zwischen 500 und 1000 Franken von ihren Eltern. Das beschäftigt sie: «Ich fühle mich schlecht, denn ich weiss, dass meine Eltern das Geld selber gut gebrauchen könnten.»

Maler (24): «Ich muss irgendwie überleben»
Auch den gelernten Detailhändler belastet es, noch von seinen Eltern abhängig zu sein. Zurzeit befindet er sich in der Malerlehre, wo er 1800 Franken verdient. Von seinen Eltern erhält er 500 Franken, ausserdem kann er gratis bei ihnen wohnen. Dazu sagt der junge Mann: «Es ist nicht gerade das beste Gefühl, denn meine Eltern sind schon über 60 und sollten eigentlich in Ruhe ihre Zweisamkeit geniessen können. Aber ich muss halt auch irgendwie überleben.»

Familienplanung

Roman (27): «Mit 4000 Franken kann man keine Familie ernähren»
Weil Roman (27) im Niedriglohnsegment arbeitet, kann er seine Familie nicht allein ernähren:


Roman Werner (27) ist Vater eines Kindes und arbeitet Teilzeit bei der Securitas.

Spielsucht und Schulden

Banker (29): «Es bleiben mir 800 Franken zum Leben»
Der Banker verdient 6000 Franken, dennoch ist er auf weitere 800 Franken seiner Eltern angewiesen: «Ich habe über 50'000 Franken Schulden und zahle monatlich rund 4500 Franken an Rechnungen. Abzüglich aller Fixkosten bleiben mir knapp 800 Franken zum Leben.»

Arbeitsunfähigkeit


Sozialhilfebezüger (38): «In meinem Alter abhängig zu sein, fühlt sich nicht gut an»
Nach eigener Angabe arbeitsunfähig, befindet sich der 38-Jährige seit acht Jahren in der IV-Abklärung. Er erhält gut 2000 Franken im Monat vom Sozialamt und zusätzlich einen variierenden Betrag seiner Eltern. «Es fühlt sich nicht gut an, in meinem Alter noch immer abhängig zu sein, aber ohne die Hilfe meiner Eltern könnte ich nicht einmal den ganzen Monat essen.»

Selbstverwirklichung

Personalberater (23): «So habe ich Zeit für meine Karriere»
Der junge Mann plant eine Karriere als Musikproduzent. Nebenbei arbeitet er 50 Prozent als Personalberater, womit er 1200 Franken verdient. Hinzu kommen 500 Franken von seinen Eltern. Er ist sehr dankbar: «Ohne Unterstützung müsste ich 100 Prozent arbeiten und hätte keine Zeit für meine eigene Karriere.»

Wohlstand

Immo-Bewirtschafter (27): «So muss ich nicht jeden Rappen zweimal umdrehen»
Als Immo-Bewirtschafter verdient der 27-Jährige 5000 Franken im Monat. Von seinen Eltern erhält er nochmals 1000 Franken dazu. Ein schlechtes Gewissen hat er nicht, denn seine Eltern können es sich leisten: «1000 Franken mehr oder weniger machen für mich einen enormen Unterschied – und meine Eltern können es gut verkraften. Theoretisch könnte ich mein Leben auch selbst finanzieren, aber es tut gut zu wissen, dass ich nicht jeden Rappen zweimal umdrehen muss, bevor ich mir etwas leiste.»

Wie stehts um die soziale Mobilität in der Schweiz?
Offenbar ist es vielen jungen Menschen in diesem Land trotz abgeschlossener Lehre unmöglich, ihren finanziellen Verpflichtungen selbstständig nachzukommen. Nicht wenige fühlen sich deswegen schlecht, haben ein tiefes Selbstwertgefühl. Die Umfrage hat ausserdem gezeigt, dass viele ihr Studium oder ihre Zusatzausbildung nur deshalb absolvieren können, weil sie von ihren Eltern weiterhin unterstützt werden. Was bedeutet das für die Chancengleichheit und die soziale Mobilität? Lesen Sie morgen das Interview mit der Fachexpertin Julie Falcon.

* Name der Redaktion bekannt

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Schneidewind am 24.02.2020 12:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es gibt auch Spitzenjammeris!

    Wenn hier alleinstehende Personen mit Einkommen von 5'000.- und mehr herumjammern, bekomme ich Brechreiz!

    einklappen einklappen
  • Catweezel am 24.02.2020 12:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe ich nicht

    Also die da 5000.- und 6000.- verdienen und immer noch Geld von den Eltern bekommen verstehe ich nicht. Da gibt es 4 Köpfige Familien die mit weniger auskommen.

    einklappen einklappen
  • Fnord am 24.02.2020 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    Geldnot mit 5000.-- im Monat?

    Da hat Hänschen nicht gelernt, mit Geld zumzugehen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • die Ritterin am 25.02.2020 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unterstützung ist selbstverständlich, aber..

    Mein Sohn wird die Berufsmatura nachholen und dann noch studieren. Klar werden mein Mann und ich ihn dabei unterstützen, aber sicher nivh in einem Masse, dass ihm mehr zur Verfügung steht, als der Restfamilie Was ich nicht verstehe ist, dass wenn wie beschrieben zum Lohn die Eltern ihre Kinder noch mit Bargeld unterstützen, obwohl diese zusätzlich noch gratis Kost und Logis haben. Auch verstehe ich die Jammerei von Roman nicht: dass mit 4000.- eine Familie nicht alleine etnähren kann, weiss man schon, bevor man eine Frau schwängert. Also wählt man eine Partnerin, welche berufstätig bleibt, bildet sich fort, oder noch besser beides. Warum ist in derart vielen Köpfen, dass sich eine Frau vom Ringtausch bis zur Bahrevon ihrem Mann durchfüttern lassen soll?

  • thomes am 25.02.2020 15:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    oje

    warum muss man im betrieb für 300fr essen? zu hause ravioli machen oder polenta das sparrt geld.

  • weiss wovon redet! am 25.02.2020 15:26 Report Diesen Beitrag melden

    FR. 3'200, ist eine Menge!

    1750 plus 1450 sind es 3200. davon lebt manche 3-köpfige Familie! was für ein Artikel.

  • blume am 25.02.2020 14:46 Report Diesen Beitrag melden

    nein zu den militärausgaben

    dafür planen wir für xx-milliarden unnötige militärausgaben ................ darum NEIN zu der geplanten fliegerbeschaffung ......... die volksabstimmung muss vor der evaluation erfolgen

  • lance am 25.02.2020 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    ihr habt probleme...

    die hätte ich gerne.