26. April 2005 14:14; Akt: 26.04.2005 14:28 Print

Sans Papiers sind kein Problem der Asylpolitik

In der Schweiz leben laut einer neuen Studie nur rund 90 000 Sans Papiers und nicht wie bisher angenommen 300 000.

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Hintergrund des Phänomens Sans Papiers ist nicht die Asylpolitik, sondern der Arbeitsmarkt. In Bern wurde am Dienstag eine Studie präsentiert, die das Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag des Bundesamtes für Migration erstellt hatte. Ziel des Projekts war es, die Zahl der Sans Papiers «möglichst zuverlässig» zu ermitteln und Daten über Zusammensetzung, Lebensweise und Probleme dieser Population zu gewinnen.

Als Sans Papiers im Sinne der Studie gelten Menschen, die sich länger als einen Monat ohne geregelte Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz aufhalten und keine feste Absicht haben, das Land zu verlassen. Nicht gleichzusetzen sind sie mit (papierlosen) abgewiesenen oder untergetauchten Asylsuchenden.

Keine Frucht der Asylpolitik

Aufgrund von Teilstudien in den sechs Kantonen Zürich, Basel- Stadt, Thurgau, Genf, Waadt und Tessin kamen die gfs-Forscher zum Schluss, dass es 2004 hochgerechnet in der Schweiz zwischen 80 000 und 100 000 Sans Papiers gab. Im März hatte Justizminister Christoph Blocher im Parlament noch von 50 000 bis 300 000 gesprochen.

Mehrheitlich wohnen Sans Papiers im urbanen Gebiet. Im Kanton Zürich schätzen die befragten Experten ihre Zahl auf gegen 20 000, im Kanton Basel-Stadt auf rund 5000. Im Thurgau wird mit 2000 bis 4000 gerechnet, in der Waadt mit 12 000 bis 15 000, in Genf mit 8000 bis 12 000, im Tessin mit rund 2000.

Neben den Zahlen korrigiert die Studie auch ein anderes Bild: Der in der öffentlichen Diskussion immer wieder hergestellte Zusammenhang mit einer restriktiven Asylpolitik lässt sich nicht belegen. Weder sind die Sans Papiers zahlreicher, wo es viele Flüchtlinge gibt, noch häuften sie sich auffällig, wenn viele Asylsuchende abgewiesen wurden.

Folgeerscheinung der regulären Migration

Eng verbunden ist das Phänomen hingegen mit dem Arbeitsmarkt. Sans Papiers sind überwiegend erwerbstätig - meist in prekären Arbeitsverhältnissen mit tiefem Lohn und vielen Wochenstunden. Die Mehrzahl ist 20 bis 40 Jahre alt und alleinstehend. Im urbanen Gebiet wohnen viele Sans Papiers mit Verwandten, Freunden oder Landsleuten zusammen.

In den Städten überwiegen die oft in Privathaushalten beschäftigten Frauen, auf dem Lande (Stichwort Landwirtschaft) die Männer. Im urbanen Raum gehen die Kinder mehrheitlich zur Schule, was bei den wenigen Kindern auf dem Lande häufig nicht so ist. In den eher städtischen Kantonen bilden Sans Papiers aus Lateinamerika die grösste Gruppe, in den ländlichen solche aus dem Balkan.

Sans Papiers kommen vor allem dort vor, wo das Volkseinkommen hoch ist. In wirtschaftlich guten Zeiten dürfte ihre Zahl eher zunehmen, in schlechteren eher zurückgehen. Wo ohnehin viele Ausländer und Ausländerinnen leben, gibt es auch mehr Sans Papiers. Diese sind laut der Studie «eine Folgerscheinung der regulären Migration».

Sehr unterschiedlich ist die Dauer des Aufenthalts. Sie reicht von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren. Nach Auskunft der Experten sind die Sans Papiers trotz grossem Druck «überwiegend nicht kriminell». Sie wollten nämlich nicht riskieren, erkannt zu werden. Schon eher entstünden volkswirtschaftliche Schäden durch Schwarzarbeit und Steuerausfälle.


(sda)