Schweizer Armee

30. Dezember 2008 15:36; Akt: 31.12.2008 10:48 Print

Saufen bis die Ambulanz kam - und wieder verschwand

von Thomas Pressmann - Eine Gruppe Armeeangehörige feierte das Ende ihres Wiederholungskurses mit viel Alkohol. Für vier Soldaten war es wohl zu viel: Laut Augenzeugen musste die Ambulanz kommen. Doch bei den Sanitätern und bei der Armee weiss man heute nichts von der Notfall-Behandlung.

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Rund 70 Soldaten, hauptsächlich Teile der Fliegerabwehrtruppen L FLAB LWF ABT 9/1, sassen am letzten Abend ihres militärischen Wiederholungskurses im Restaurant Bären in Ostermundigen bei Bern zusammen. Bei der sogenannten «Hamburgertaufe» Ende Oktober mussten die jüngsten Soldaten ihren Mut bei Trinkspielen unter Beweis stellen. Es wurde auch mit Armeematerial herumgespielt. «Wer seine Gasmaske am schnellsten angezogen hatte, gewann das Spiel», erzählt einer der anwesenden Soldaten* 20 Minuten Online. Die Spielereien arteten danach anscheinend etwas aus: Vier junge Soldaten mussten sich vor dem Restaurant übergeben. «Die gute Stimmung war wie verflogen». Die Restaurantbetreiber baten die Soldaten zu gehen.

Zurück in der Unterkunft, der Zivilschutzanlage beim Berner Eisstadion, ging es den stark betrunkenen Soldaten immer schlechter. «Sie waren kaum mehr ansprechbar und wurden dann ohnmächtig», erklärt der Soldat, der auch anwesend war, als ein Rettungswagen gerufen wurde. Die herbeigerufenen Sanitäter betreuten anschliessend die alkoholisierten Soldaten. Ins Spital eingeliefert wurden die betrunkenen Wehrmänner nicht. «Die Betreuung während der Nacht übernahmen wir selbst», sagt der Armeeangehörige. Andere Soldaten bestätigten den Vorfall gegenüber 20 Minuten Online: «Ich habe das Ganze miterlebt!», schreibt Björn T.**. Zwei Soldaten waren für kürzere Zeit ohmmächtig gewesen.

Wieso weiss niemand etwas vom Einsatz der Ambulanz?

Soweit, so ungut. Hamburgertaufen kommen im besten WK vor und sind kein Grund zur Dramatisierung. Merkwürdig ist nur, dass die Rettungsaktion der Sanitäter keinerlei offizielle Spuren oder Einträge hinterlassen hat. Von einem Einsatz wegen ohnmächtigen Soldaten weiss man beim Berner Rettungsdienst offiziell nichts. «In der Umgebung des Eisstadions wurde zum besagten Zeitraum kein Einsatz geleistet», sagt Daniel Baumberger von der Sanitätspolizei auf Anfrage von 20 Minuten Online und weist aufs Registrations-System hin, wo kein Eintrag zu finden sei. Dort müsste eigentlich jeder Notruf registriert werden.

Die Sanitäter müssen ausserdem jeden Einsatz mit dem Rettungswagen melden. Dass dieser Einsatz aufgrund des speziellen Zusammenhangs mit der Armee schlicht nicht gemeldet wurde, schliesst Baumberger aus. Es gäbe keinen Grund dazu. Hat ein Sanitäter die Aktion allenfalls verheimlicht? Baumberger: «Für meine Leute lege ich die Hand ins Feuer.» Auch hätten die Sanitäter die betrunkenen Soldaten bestimmt in ein Spital eingeliefert und die Betreuung nicht einfach den anderen anwesenden Militärpersonen überlassen.

«Ich weiss, was ich gesehen habe»

Sind zivile Rettungswagen wegen Armeeangehörigen im Einsatz, wird zudem das Militär kontaktiert. Doch auch hier ist nichts bekannt über betrunkene Soldaten, die medizinische Hilfe benötigten. Man habe «keine Kenntnisse», heisst es bei der Medienstelle der Armee. Und auch der Betreuer der Zivilschutzanlage, Hans Kohli, kann sich nicht erinnern. Er sucht eine allgemeine Erklärung: «Getrunken und erbrochen wird immer wieder.»

Die Behörden wissen offiziell von nichts, die anwesenden Soldaten bleiben aber gegenüber 20 Minuten Online bei ihren Aussagen: «Ich weiss, was ich gehört und gesehen habe», erklärt einer der Augenzeugen. Ob der Ambulanzeinsatz offiziell vermerkt ist oder nicht, ist für ihn einerlei. Für ihn steht allenfalls die Frage im Raum, ob jemand versucht hat, die Sache nachträglich ungeschehen zu machen.

*Name der Redaktion bekannt
** Name geändert