Mythen ade

11. Dezember 2013 23:51; Akt: 12.12.2013 01:50 Print

Schaufelt Lehrplan 21 Wilhelm Tells Grab?

von J. Büchi - Um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, brauchen Kinder Mythen, sagt Psychologe Allan Guggenbühl. Er kritisiert den Lehrplan 21, der zu sehr auf Rationales setze.

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Wilhelm wer? Bei den Schweizer Kindern geht der bärtige Mann mit der Armbrust offenbar zunehmend in Vergessenheit. Dies kritisiert zumindest Kinderpsychologe Allan Guggenbühl in der Broschüre «Sonderfalle Schweiz», die von Organisationen wie Pro Libertate verschickt wurde. Schuld sei das Bildungssystem. «Schon heute vernachlässigen es viele Lehrer, den Kindern Sagen und Mythen zu erzählen», sagt Guggenbühl. «Mit dem Lehrplan 21 wird Geschichte nun definitiv auf eine ‹Kompetenz› reduziert.»

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Ist es noch zeitgemäss, Kindern von Wilhelm Tell zu erzählen?
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Der Unterricht sei sehr rational ausgerichtet: Historische Fakten stünden im Vordergrund, das Geschichtenerzählen verschwinde. «Doch Rationalität ist keine Grundlage für die Identität eines Landes», warnt Guggenbühl. «Jede Nation braucht eine Ursprungsgeschichte, die sie zusammenhält.» Das sei vergleichbar mit einer Familie, deren Zusammengehörigkeitsgefühl ebenfalls von geteilten Erzählungen abhänge. Der Verlust dieser identitätsstiftenden Mythen – vom Rütlischwur bis zur Schlacht am Morgarten – habe schwerwiegende Folgen: «Es entsteht eine emotionale Verlorenheit.» Das Gemeinschaftsgefühl, das eine Nation ausmache, verschwinde.

«Was ist die Schweiz überhaupt?»

Besonders einschneidend sind die Konsequenzen laut Guggenbühl für Immigranten. Er erlebe es immer wieder, dass es für ausländische Kinder schwierig sei, sich in der Schweiz zu orientieren. «Sie fragen sich: Was ist die Schweiz überhaupt? Ohne Antworten auf diese Frage können sie sich schlecht in unsere Gesellschaft eingliedern.»

Für das Mythen-Manko im Schulzimmer macht Guggenbühl das Streben nach «Political Correctness» verantwortlich: «Die Leute haben Angst davor, patriotisch zu sein.» Wer heute stolz auf die Schweiz sei, werde schnell als politisch rechts abgestempelt. «Wir getrauen uns deshalb nicht, eine selbstbewusste Nation zu sein, wie dies etwa Frankreich oder die USA sind.» Die Schule habe nicht verstanden, dass patriotische Symbolik für ihre Integrationsbemühungen essenziell wäre.

«Das ist wie beim Christkind»

Die Schule als Totengräberin der Gesellschaft? Davon will man beim Schweizerischen Lehrerverband nichts wissen. «Herr Guggenbühl hat den Lehrplan 21 offenbar nicht richtig verstanden», sagt Präsident Beat W. Zemp. Im Gegensatz zum bisherigen, wissensbasierten Lehrplan stehe beim neuen, kompetenzorientierten nämlich gerade nicht das Auswendiglernen von Fakten und Daten im Vordergrund. Vielmehr gehe es darum, Einzelfakten in einen grösseren Zusammenhang einordnen zu können und die Anwendung von Wissen in den Vordergrund zu rücken.

Eine Kompetenz könnte beispielsweise lauten, den Unterschied zwischen historischen Personen und Mythen zu kennen, so Zemp. Es sei wichtig, dass die Schüler in der Lage seien, diese Unterscheidung zu machen. Dass dadurch Mythen entzaubert werden könnten, sei nicht problematisch: «Das ist so, wie wenn die Mutter einem 7-Jährigen sagt, dass der Samichlaus nicht wirklich vom Schwarzwald kommt. Das tut höchstens im ersten Moment weh.» Dass die Schule von heute folklorefrei sei, will Zemp nicht auf sich sitzen lassen: «Jedes Kind hat schon einmal etwas von unserem Nationalhelden Wilhelm Tell und dem Apfelschuss in der Schule gehört.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patriotin am 12.12.2013 06:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Patriotismus

    " Wer heute stolz auf die Schweiz sei, werde schnell als politisch rechts abgestempelt." Diesen Satz verstehe ich nicht. Einerseits hat Patriotismus nichts mit rechts oder links zu tun und andererseits wird in diesem Satz impliziert, dass rechts-sein etwas negatives ist. Das finde ich traurig, denn die Politik braucht sowohl die rechte wie auch die linke Seite.

  • Benjamin Kunz am 12.12.2013 05:20 Report Diesen Beitrag melden

    Gesucht: neuer Wilhelm Tell

    Heutzutage, mehr denn je, brauchen wir Leute wie der legendäre Wilhelm Tell, denn fremde Mächte wollen uns befehlen, was zu tun...

  • Ivan Huber am 12.12.2013 06:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schule

    Zum Glück hab ich in det heutigen Zeit keine Kinder bzw. muss selber nicht mehr zur Schule. Ich höre nur noch negatives in allen Bereichen: Lehrplan21, keine Schweizer T-shirts in einigen Schulen erlaubt, Kindergarten fängt schon mit 5 Jahren an, mobbing, jedes Kind daddelt auf elektro Geräten herum etc..,..bähhhhhh !!!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kariny am 12.12.2013 14:19 Report Diesen Beitrag melden

    Ach du schöne schweiz

    Vor 15 jahren hatte ich dich kennen und lieben gelernt. In meinem herzen hast du dir einen platz geschaffen, wie auch mein herkunftsland ö. Deine bewohner sind mir ähnlich, man ist etwas eigen, aber sobald man geschichte liest, weiss man, wieso du so eigen bist. Du bist geprägt von gärtlikämpfer, einstigen revolutionen, durchmärschen, hungersnot, aufstände und schlachten. Und trotzdem bist du immer gesund worden durch den zusammenhalt... Aber heute suche ich meine brüder, die willensstarken, um etwas zu ändern. Wo seid ihr? Die schweiz ist, wie ganz europa krank, lasst uns zusammenstehen......

  • Christian Riesen am 12.12.2013 09:54 Report Diesen Beitrag melden

    Schweiz Adè

    Danke Herr Zemp, man kann die Schweiz auch von innen zerstören! Politiker reden nur noch schlecht über die Schweiz und was sie erreicht hat und in der Schule wird das kräftig Unterstütz. Auch wenn nicht alles wahrheitsgetreu übermittelt wurde, sind es genau diese Geschichten die uns Schweizer prägen und uns zusammen schweisst. Machen Sie nur so weiter, aber das Volk wird sich das nicht mehr lange gefallen lassen!

  • Liselote Meier am 12.12.2013 07:28 Report Diesen Beitrag melden

    Sagen und Mhyten

    Haben an einer Bildungsstätte nichts verloren, es sei denn, es wird explizit ein Thema behandelt in Bezug auf Sagen und Mythen und werden auch als solches behandelt. Die Eidgenossenschaft war bis zum Einmarsch von Napoleon ein reines Verteidigungsbündnis und kein Zentralstaat, jeder Kanton war Souverän und ein eigener Staat teils mit Untertanen Gebiet. Die Schweiz mit Tell zu erklären ist Geschichtsrevisionismus, die Person Tell gab es nicht mal auf "Schweizer" Boden. Wäre das gleiche wie man im Aufklärungsunterricht den Kindern in der Schule erzählt die Kinder kämen vom Storch.

  • SW am 12.12.2013 06:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    es passt den

    Internationalen halt nicht dass unsere Vorfahren sich selbstbewusst und erfolgreich gegen die Kolonisierung durch die spätere Weltmacht Habsburg gewehrt haben. Da könnte jemand sonst noch auf die Idee kommen die Schweiz könne auch in Zukunft suverän bleiben.... die EU Befürworter sind den Frontisten der Dreissiger gleichzusetzen.

  • toby am 12.12.2013 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    fassungslos

    mir kommts vor als wolle man die schweiz auflösen hymne ist nich zeitgemäss die flagge ja auch nicht kreuze mussten aus den schulzimmern lieder darf man nicht singen und jetzt noch geschichte weglassen was soll das ganze eigentlich? das ewige anpassen an andere darf man hier noch schweizer sein?