Neues Sorgerecht

21. September 2015 13:57; Akt: 21.09.2015 14:03 Print

Scheidungskinder leben weiterhin beim Mami

Auch wenn geschiedene Eltern das Sorgerecht teilen, bleiben die Kinder in Realität meist bei der Mutter. Diverse Akteure wollen das ändern.

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Seit gut einem Jahr gilt in der Schweiz das gemeinsame Sorgerecht. (Bild: Keystone/Fabrice Coffrini)

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Als im Juli 2014 das gemeinsame Sorgerecht in Kraft trat, feierten Väterorganisationen den Schritt euphorisch. Seither teilen sich Mutter und Vater nach einer Scheidung das Sorgerecht in aller Regel. In Realität habe sich mit dem neuen Gesetz aber «nicht viel» geändert, sagt der Luzerner Richter Peter Studer in der «Zentralschweiz am Sonntag». «Die Kinder leben meistens weiterhin bei der Mutter, während der Vater sie an gewissen Wochenenden und während dreier Ferienwochen bei sich hat.» In Juristenkreisen gelte das neue Sorgerecht deshalb bereits als gescheitert, heisst es im Artikel. Denn die Mütter könnten einfach «über den Kopf des Vaters hinweg» entscheiden.

Marcel Enzler hatte sich als Präsident des Vereins Vaterverbot jahrelang für die Einführung des gemeinsamen Sorgerechts eingesetzt. Er sagt: «Es ist wichtig, dass sich die Eltern in der Theorie endlich auf Augenhöhe begegnen können. In der Praxis gibt es aber noch viel Verbesserungspotenzial.» Er plädiert für das Modell der alternierenden Obhut, bei dem das Kind abwechselnd bei Mutter und Vater lebt. «Wenn ein paar Tipps beherzigt werden, funktioniert das Modell auch, wenn die Eltern nicht gut aufeinander zu sprechen sind», ist er überzeugt. Zusammen mit Weggefährten hat Enzler eine Kinderschutzorganisation ins Leben gerufen, die Eltern in Konfliktsituationen helfen soll, die Interessen des Kindes zu wahren (siehe Box).

«Beide sollen am Leben des Kindes teilnehmen»

Anfang Jahr hatte die Rechtskommission des Nationalrats vom Bundesrat einen Bericht über die alternierende Obhut verlangt. CSP-Nationalrat Karl Vogler, der die Vorlage als Kommissionssprecher vertrat, sagt: «Es ist auf jeden Fall wünschenswert, dass beide Eltern zu gleichen Teilen am Leben des Kindes teilnehmen.» Die Analyse des Bundesrats müsse nun zeigen, ob sich das Modell in der Praxis bewähre und ob es dafür allenfalls rechtliche Anpassungen brauche. «Das neue Sorgerecht nach einem Jahr bereits als gescheitert zu bezeichnen, halte ich jedenfalls für komplett falsch», so Vogler.

Auch SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen würde es begrüssen, wenn sich mehr getrennte Eltern die Betreuung und Erziehung des Kindes teilten – nicht nur auf dem Papier. Sie glaubt jedoch nicht, dass das geteilte Sorgerecht in jedem Fall die richtige Lösung ist. «Ein Dauerkonflikt zwischen den Eltern ist psychisch das Schlimmste, was einem Kind passieren kann», so die Sozialdemokratin. Schon im Parlament habe sie deshalb verlangt, dass die Gerichte von Fall zu Fall entscheiden können, ob sie den Eltern das gemeinsame Sorgerecht geben oder nicht.

Urteil als «schlechtes Signal»

Dass ein Elternteil das alleinige Sorgerecht bekommt, kommt seit der Gesetzesänderung vor einem Jahr nur noch sehr selten vor. Voraussetzung dafür ist eine schwerwiegende Gefährdung des Kindeswohls. Ende August hat das Bundesgericht jedoch eine erste Ausnahme definiert: Es sprach einer Mutter das alleinige Sorgerecht zu, weil sie mit dem Vater ihres Kindes «erhebliche und chronische Konflikte und Kommunikationsstörungen» habe.
Für Väterorganisationen ist dieser Entscheid ein schlechtes Signal: «Wir sind irritiert, dass es offenbar Bemühungen gibt, den politischen Willen wieder aufzuweichen», sagt Markus Theunert von Männer.ch. Der Gesetzgeber habe klargemacht: Kinder haben ein Recht auf beide Elternteile. «Nichtkooperation ist schlicht keine Option. Eltern dürfen ihren Egoismus und ihre Kränkungen nicht über das Kindswohl stellen.»

(jbu)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • M Huber am 21.09.2015 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    geteiltes Sorgerecht ist unmöglich

    Wenn die Mutter plötzlich auf einen Esotherik tripp kommt und mit dem Kranken kind zu einer Wunderheilerin geht statt zum arzt - was will der Vater denn machen? Das kind mit der Polizei abholen lassen? Das Kesb einschalten und das Kind wegnehmen lassen? Kein einziger schritt hilft dem Kind. Die Mutter kann zu deutsch gesagt machen was sie will, jede Massnahme welche der Mann zur durchsetzung seines Rechts geltend macht, wirkt sich negativ auf das kind aus. Und das will kein Vater - Man hat die Wahl zwischen Pest und Cholera.

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  • Marko. am 21.09.2015 14:07 Report Diesen Beitrag melden

    Gleichberechtigung ??

    wohl nur dann wenn Mann was der Frau geben muss/darf...

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  • Kevin am 21.09.2015 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    was für ein mist

    fragt einfach das Kind, wo es leben möchte. alternierende Obhut ist doch der letzte mist. so hat das Kind nie einen festen platz, sondern wird die ganze zeit hin und her geschoben. es lebt quasi immer aus dem koffer, nur damit jeder Elternteil gleich viel "Kinderzeit" hat. zum wohleds kindes ist das bestimmt nicht.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Liebendes Mami am 22.09.2015 20:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fehler...

    Mein Schwiegervater ist geschieden von meiner Schwiegermutter. Mein Mann litt in seiner Kindheit darunter, hat bis heute Probleme mit Gefühle zeigen und kann schlecht mit Konfrontationen umgehen. Lieber nur Ja und Amen sagen. Mittlerweile haben wir den Kontakt zu meinem SV abgebrochen, da er mich komplett tyrannisiert, unsere Ehe sabotiert und sich nichts aus den Gefühlen seines Sohnes macht. Und wie ihm seine Kinder egal sind, so sind ihm seine Enkel egal. Die gleichen Fehler wie früher, Hauptsache keine Fehler eingestehen. Zum Glück kann mein Mann auf mich und seine Schwiegereltern zählen!

    • Martina am 22.09.2015 20:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @mami

      Ich habe das gleiche mit meinem eigenen Vater erlebt

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  • Sybille am 22.09.2015 17:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Absurde idee

    Und die kinder bleiben wieder einmal mehr auf der strecke. Das ständige hin+her mit koffer packen ist unzumutbar für die kinder. Ständiger wechsel ist für kids sehr stressig, dazu kommt das die kids keinen rythmus haben+sich stetig+kurzfristig wieder an +um passen müssen. Den jeder elternteil möchte möglichst viel vom kinde haben+meinem sie müssen ständig etwas unternehmen und oder den anderen elternteil überbieten. So sieht die realität aus. Wo bleibt das kind+seine wünsche zu hause zu bleiben+mit gspähnli zu spielen? Die kinder in der heutigen zeit werden überall überfordert. Eine mutter.

  • Michael B. am 22.09.2015 16:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kesb

    Mit dem geteilten sorgerecht wurde die existenz des kesb gesichert und so können familien ganz kapput gemacht werden und den kindern ein richtiges trauma gemacht werden. Scheint der trick des kesb zu sein so das für die zukunft arbeit bereitgestellt wird.

  • scheidung lässt sich nicht verschönern am 22.09.2015 12:53 Report Diesen Beitrag melden

    scheitert an der umsetzung

    also das ziel soll sein, dass sich die eltern zu jeweils 50% um das kind kümmern, aber wie soll das gehen? sollen dann einfach beide nur noch teilzeit arbeiten? das kind alle paar monate den wohnort wechseln? was ist, wenn der eine wohnort sehr weit weg ist von der schule und den freunden? ich seh in dieser lösung nur ein herumgeschubstes kind. am einfachsten wäre noch, wenn sich beide elternteile eine wohnung im selben wohnblock nehmen oder eine wg bilden. aber das geht auch nur mit einem freundschaftlichen verhältnis. das einfachste ist halt eben doch die gängige praxis.

  • Mamma Mia am 22.09.2015 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Realität

    Väter wollen meistens das oder die Kinder, aber wollen und haben sind da im speziellen zwei verschiedene Schuhe . Die Realität ist, das Väter rar sind, die es tatsächlich schaffen Kinderbetreuung, Beruf und das allgemeine Leben zu organisieren ! Ich kenne zwei Väter die diese Herausforderung geschafft haben, aber der Preis war hoch und ich behaupte die beiden sind eine Ausnahme ! Leider geht's doch meistens nur um Besitzanspruch......

    • Eidgenosse am 22.09.2015 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mamma Mia

      Die Väter sagen nur dass sie Kinder wollen. Sie wollen Sie ab und zu sehen wenn es ihnen passt. Es ist viel einfacher Alimente zu bezahlen, und ein Dolce Vita geniessen, ohne organisatorischen Sorgen und Verpflichtungen. Jetzt redet man über Gleichberechtigung, dass Frauen länger arbeiten sollen, ins Militär gehen.. Also meine Herren es ist höchste Zeit Euch in die Pflicht zu nehmen. Kinder zeugen und dann Slimente zahlen ist das einfachste. Ich finde Man sollte Sorgepflicht für Väter einführen. Sie sollen auch ihre Kinder zu 50%betreuen so dass die Mütter auch arbeiten und Freizeit geniessen

    • urban am 22.09.2015 15:01 Report Diesen Beitrag melden

      glücklich geschiedener

      Tolle Idee besser noch der Mann betreut kinder zu 100 % und bezahlt der Frau Allimente für Kind und Frauenunterhalt.

    • Eidgenosse am 22.09.2015 20:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Urban

      Wenn ein Mann 100% Kinder betreut müsste die Mutter Alimente zahlen. Oder was haben Sie sich gedacht. Ich bin selber ein Mann und ich weiss dass kein Mann 100 % Kinder betreut und noch Alimente zählt. Könnte Fragen für was sollen dann diese Alimente sein?

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