«Schnürlischrift»

04. September 2008 16:09; Akt: 04.09.2008 16:54 Print

Schriftstreit an Schweizer Schulen

von Daniel Huber - Generationen von Schülern sind mit der so genannten «Schnürlischrift» gross geworden. Doch der 1947 eingeführten Schulschrift droht das Aus — immer mehr Kritiker melden sich zu Wort, darunter auch Lehrer.

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«Schnürlischrift»: Nicht mehr zeitgemäss? (Bild: Keystone/Archive/AP/Michael Probst)

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Kaum jemand schreibt sie, alle haben sie erlernt: die «Schnürlischrift». Je nach individueller Erfahrung löst der Anblick der geschwungenen und verbundenen Buchstaben in uns sehr unterschiedliche Gefühle aus; wo die einen nostalgisch werden und ins Schwärmen geraten, erinnern sich andere mit Grausen an traumatische Erlebnisse. Kalt lässt die Schrift keinen.

Das Ende der Fraktur

Schrift transportiert immer auch ein Stück Ideologie. Das bekannteste Beispiel dafür dürfte die Fraktur sein, die – wenn sie nicht mit Metal und Hard Rock assoziiert wird – heute noch quasi reflexartig mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wird. Doch die Wirklichkeit ist wie so oft vielschichtiger und zweideutiger: Es war ausgerechnet ein Erlass von Adolf Hitler, der 1941 die Fraktur aus den deutschen Schulstuben vertrieb.

60 Jahre «Schnürlischrift»

Auch in der Schweiz brach in Sachen Schrift bald darauf eine neue Zeit an. 1947 wurde die so genannte Schweizer Schulschrift eingeführt; sie löste die bis dahin unterrichtete Kurrentschrift ab, die heute kaum mehr jemand lesen kann.

Mittlerweile ist diese «Schnürlischrift» genannte Schrift aber unter Beschuss gekommen. Die Reformer stossen sich dabei vor allem an den zahlreichen Schlaufen dieser Schrift und bemängeln zudem, sie verbinde einige Buchstaben in unsinniger Weise. Darunter leide der Schreibrhythmus und Schreibfluss.

Zu viele Schnörkel?

Zu den Kritikern der Standard-Schulschrift gehört der Berner Grossrat Daniel Kast (CVP). Er argumentiert, die «Schnürlischrift» sei eine Zierschrift, «mit vielen Schnörkeln und gegenläufigen Bewegungen» (20 Minuten berichtete). Sie überfordere viele Schüler und führe so zu der «bei Jugendlichen und Erwachsenen weit verbreiteten teilverbundenen Schrift».

Meiers Basisschrift

Als Alternative schlägt Kast die Basisschrift des Glarner Grafikers Hans Eduard Meier vor, die bereits an einzelnen Schulen in den Kantonen Luzern, Basel-Stadt, Glarus, St. Gallen, Aargau und Bern unterrichtet wird. Die «Schnürlischrift» sei «furchtbar gstabig und mühselig, überhaupt nicht kindergerecht», sagte Meier dem «Tages-Anzeiger».

Seine Schrift ist vergleichsweise schnörkellos; bei den Oberlängen und Unterlängen der Kleinbuchstaben fallen die Schlaufen weg. «All die Schnörkel, Bögen, Schlaufen, die braucht es nicht», meint Meier, der überzeugt ist, dass sich seine Schrift mit der Zeit gegen die «Schnürlischrift» durchsetzen wird – denn die sei «einfach nicht mehr zeitgemäss». Als Vorzug der Basisschrift gilt auch, dass sie sich nicht so stark wie die «Schnürlischrift» von der unverbundenen Blockschrift der 1. Klasse unterscheidet.

Schlaufen sorgen für Tempo

Doch auch Meiers Basisschrift stösst auf Kritik. Der Schreibdidaktiker Jürg Keller behauptet, ebenfalls im «Tages-Anzeiger», die Basisschrift sei nur bedingt tauglich. Die verbundenen Stellen und Schlaufen der Handschrift seien dem Schreibtempo förderlich: «Wer gut verbunden schreiben kann, schreibt schneller.» Mitunter würden in der Handschrift sogar Schlaufen eingebaut, die gar nicht zum entsprechenden Zeichen gehörten – nur, damit nicht abgesetzt und neu begonnen werden müsse. Die Basisschrift mit ihren «unklaren Proportionen» und «einzelnen nicht verbindbaren Kleinbuchstaben» dagegen erlaube ein zusammenhängendes rhythmisches Schreiben nicht.

«Ästhetisch zweifelhaft»

Auch die diplomierte Psychomotorik-Therapeutin Agathe Bieder Boerlin vermag der Basisschrift nicht viel Positives abzugewinnen. Deren Schriftbild bezeichnet sie als «eckig, unharmonisch, unrhythmisch und ästhetisch zweifelhaft». Die Schriftbilder würden so auseinanderfallen, meint Bieder Boerlin, die zudem das Argument, die Basisschrift sei schneller zu schreiben, entschieden zurückweist. Diese sei «strichdominant» und daher werde beim Schreiben mehr abgebremst und neu angesetzt.

«Schnürlischrift» und Basisschrift im Vergleich:

Schriften im Vergleich

Der Kanton Zürich hat die Basisschrift vorläufig noch nicht eingeführt. Möglicherweise beschert der Kantönligeist unseren ABC-Schützen also im Schreibheft ein ähnliches Durcheinander, wie es im Sprachunterricht schon mit Frühenglisch bzw. Frühfranzösisch der Fall ist.

«Schnürlischrift» oder Basisschrift? Wo stehen Sie im Schulschriften-Streit? Ihre Meinung ist gefragt!

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Fehlmann am 28.04.2013 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz statt Schriftenstreit!

    Gut, sehe ich mal, wie eine Basisschrift aussieht. Ich hatte als Kind sehr schnell angefangen, mir selber eine Basisschrift zu entwickeln, und das 1963. Gelernt hatte ich zwar auch zuerst die Schnürlischrift, aber niemand hatte mir nachher meine eigenentwickelte Basischrift verboten. Also: weniger Vorschriften; mehr Toleranz und Förderung tut den Schulen not!

  • Ji-Ae/Park am 20.09.2009 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Schnürlischrift ja oder nein?

    Ich heisse Ji-Ae und bin linkshändig. Ich habe grosse Mühe in der Schule diese Schnürlischrift 75 Grad schräg zu schreiben. Sind die Erwachsenen noch ernst zu nehmen? Die Lehrer haben keine Zeit für solches Problem. Hauptsache der Lohn stimmt und Basta!!

  • Nicole Bernath am 05.09.2008 08:10 Report Diesen Beitrag melden

    Individualismus

    Jeder Mensch entwickelt seine individuelle Schrift, es ist eine totale Bevormundung, die Kinder in ein Schriftkorsett zwängen zu wollen, es muss einfach lesbar sein. Druckschrift um Buchstaben überhaupt zu lernen, dann fini mit Schnüerlizwang!

Die neusten Leser-Kommentare

  • D.R. am 29.04.2013 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Schnürlischrift X - Wer kanns noch?

    Ich (w) lernte die Schnürlischrift im Jahr 2000 - habe keine traumatische Erlebnisse daraus gezogen. Mit dem eigenen Fülli mit meinem Namen darauf hatte es etwas Spezielles & Schönes in Schnürlischrift zu schreiben, ausserdem konzentriert man sich so auch mehr die Buchstaben genauer &leserlich zu schreiben - Viele meiner Lehrer an der Kanti haben so eine Sauschrift, wie ich sogar nach dem Erhalt meiner Brille feststellen musste. Ausserdem ist so etwas auch gutes Hirntraining, umzudenken wie man einen Buchstaben schreiben könnte, macht auch viel mehr Sinn als mit 11 Englisch zu lernen.

  • Thomas Fehlmann am 28.04.2013 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    Toleranz statt Schriftenstreit!

    Gut, sehe ich mal, wie eine Basisschrift aussieht. Ich hatte als Kind sehr schnell angefangen, mir selber eine Basisschrift zu entwickeln, und das 1963. Gelernt hatte ich zwar auch zuerst die Schnürlischrift, aber niemand hatte mir nachher meine eigenentwickelte Basischrift verboten. Also: weniger Vorschriften; mehr Toleranz und Förderung tut den Schulen not!

  • Bald50ig am 06.05.2010 23:01 Report Diesen Beitrag melden

    Endlich

    Ich bin noch nicht mal 50 Jahre alt und kann mich noch gut an die Einführung des Taschenrechners und das Geschrei, dass mit diesem modernen Kram alle Verblöden würden erinnern. Genausogut kann ich mich an die besorgte Lehrerin erinnern, welche mich vom Links zum Rechtshänder umerziehen wollte, denn Linkshänder seien vom Teufel besessen oder sowas. Ich habe dieses umständliche, überflüssige, völlig Nutz- und Sinnlose Tintengeschmierschnürlischriftzeugs gehasst. Gut das man sich über diesen veralteten Kram mal wieder Gedanken macht. Wie auch immer, es kann nur besser werden...

  • ARTHUR ZIMMERMANN am 19.02.2010 14:03 Report Diesen Beitrag melden

    RENTNER

    Ich wurde 1934 in Brig eingeschult und erlernte die Deutsche SChrift (Sütterlin Schrift). 1935, in der 2. Klasse, wurden wir "umgeschult" auf die sog. Lateinische Schrift. Heute Lese ich, dass diese Schnürlischrift heisst. Seither sind 75 und 74 Jahre vergangen, und ich schreibe längst die "zimmermannsche" Schrift. Sie sehen, alles ist relativ, wenn man es aus der Distanz sieht. Wenn ich mir Zeit lasse, kann ich übrigens die Sutterlin Schrift heute noch. Da hat mir die Rechtschreibreform schon mehr Kopfzerbrechen bereitet. Es grüsst Sie freundlich. AZ.

  • Ji-Ae/Park am 20.09.2009 14:53 Report Diesen Beitrag melden

    Schnürlischrift ja oder nein?

    Ich heisse Ji-Ae und bin linkshändig. Ich habe grosse Mühe in der Schule diese Schnürlischrift 75 Grad schräg zu schreiben. Sind die Erwachsenen noch ernst zu nehmen? Die Lehrer haben keine Zeit für solches Problem. Hauptsache der Lohn stimmt und Basta!!