Handschrift verkümmert

25. Mai 2015 09:58; Akt: 25.05.2015 16:01 Print

Schüler können nicht mehr schreiben

von Pascal Michel - Um die Handschrift der deutschen Schüler steht es laut einer Umfrage schlecht. Auch in der Schweiz habe die Schreibfähigkeit gelitten, sagen Experten.

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Lange Aufsätze bereiten Primarschülern Kopfzerbrechen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Unleserliche Texte, falsche Stifthaltung, verkrampfte Hände: Das Schreiben von Hand ist für viele Schüler in Deutschland ein Problem. Bei einer Umfrage des deutschen Lehrerverbands gaben 79 Prozent der befragten Lehrer an weiterführenden Schulen an, dass sich die Handschrift ihrer Schüler in den letzten Jahren verschlechtert habe. Auf Primarschulstufe bescheinigten 83 Prozent ihren Schützlingen eine ungenügende Handschrift. Als grösste Probleme führen die Lehrer «unleserliche Texte» und «fehlende Schnelligkeit» an.

Jürg Keller, Schreibdidaktiker und Lehrer, beobachtet, dass auch Schweizer Schüler zunehmend Mühe beim Schreiben bekunden: «Weil die Kinder heute schon in der Primarschule fast nur noch über Smartphones oder PC kommunizieren, haben sie keine Schreibroutine mehr – die Handschrift verkümmert.» Hinzu komme, dass viele Schüler aufgrund der digitalen Angebote die Notwendigkeit der Handschrift gar nicht mehr sähen. Für Keller ist das eine bedauernswerte Tendenz: «Der Niedergang der Handschrift ist ein kultureller Verlust.»

Wer von Hand schreibt, lernt besser

Und diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. «Wer in der Primarschule keine richtige Handschrift erlernt und entwickelt, wird auch später Mühe haben», sagt Bruno Mock, Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Thurgau. Dies könne der Fall sein, wenn etwa die Schrift bei Prüfungen nicht lesbar sei. «Oder wenn ein Schüler beim Schreiben eines Aufsatzes viel zu langsam ist und so die Grammatik oder den Textaufbau vernachlässigt.»

Schreibdidaktiker Keller betont die Wichtigkeit des Handschreibens: «Es unterstützt das Lernen enorm, weil man sich durch die Schreibbewegung die Informationen besser einprägen kann.» Dies zeigt auch eine amerikanische Studie: Studenten, die ihre Notizen von Hand aufgeschrieben hatten, schnitten bei den Prüfungen besser ab als jene, die mit dem Laptop arbeiteten.

Annemarie Pierpaoli, ehemalige Lehrerin und Präsidentin der Schweizerischen Graphologischen Gesellschaft, fordert aufgrund dieser Erkenntnisse ein Umdenken im Schreibunterricht. «Während man früher noch mehrere Stunden pro Woche das Fach ‹Schönschreiben› besuchte und lange Texte schrieb, besteht der Unterricht heute vor allem daraus, Lückentexte zu ergänzen oder kurze Sätze in Sprechblasen zu schreiben», kritisiert sie. So sei es für die Kinder schlicht nicht möglich, eine flüssige Handschrift zu entwickeln.

Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten

Für Pierpaoli ist klar: «Es braucht eine Verstärkung des Schreibunterrichts.» Die Kinder müssten wieder längere Texte von Hand verfassen können. Laut Pierpaoli können die Schüler dabei lernen, ihre Geduld zu trainieren. «Besonders in Zeiten, in denen die Kinder ständig unter medialem Dauerfeuer stehen, fördert der Schreibunterricht die Konzentrationsfähigkeit», sagt sie.

Das digitale Schulzimmer sei nicht aufzuhalten, betont Jürg Keller. Jedoch müsse die Schule die motorischen Fertigkeiten – auch wenn immer mehr auf dem PC geschrieben werde – trotzdem vermitteln. «Das kann mit einer grundlegenden Bewegungsschulung für die Feinmotorik geschehen, und zwar in allen Bereichen, zum Beispiel auch mit dem Erlernen eines Musikinstrumentes», sagt er.

Dass es bei Schweizer Schülern mit der Handschrift hapert, ist beim Schweizer Lehrerverband bekannt. «Diese Entwicklung ist uns bewusst und wird sich wohl aufgrund der Digitalisierung noch verstärken», sagt Präsident Beat W. Zemp. Gerade weil das Schreiben von Hand ein wichtiger Bestandteil des Lernprozesses sei, enthalte der Lehrplan 21 eine Schreibkompetenz. «Es gibt also weiterhin ein Fach, in dem die Schüler Texte von Hand verfassen», sagt er. Es brauche in Zukunft beides: Das Schreiben am Computer und das Schreiben von Hand.

Haben Sie Beispiele besonders unleserlicher oder schöner Handschriften von Primarschülern? Senden Sie uns ein Foto an feedback@20minuten.ch oder per SMS an 2020

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • ha.g am 25.05.2015 10:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    DieÄrzteMachenEsVor

    Betrachtet man die Handschrift der meisten Ärzte, könnte man meinen diese Problem bestand schon immer...

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  • Lia am 25.05.2015 10:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Früher

    Wir mussten früher in der Primarschule mit Füller schreiben. Kugis waren strengstens verboten. Da hätte jeder die Möglichkeit seine individuelle Handschrift zu entwickeln. Aber nein, heut wird die Schnürlischrift abgeschafft, und eine Einheitsschrift eingeführt. Da wundert mich nichts mehr. Unsere Gesellschaft verkommt auf die verschiedensten Weisen immer mehr.

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  • NStud. am 25.05.2015 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bin 16 und...

    In meinem Alter gab es noch keine Smartphones. Bin zwar glücklich gibt es sie jetzt, doch ich bereue es nicht, dass es das vor ein paar Jahren noch nicht gab.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hel.Be am 26.05.2015 19:38 Report Diesen Beitrag melden

    Unverwechselbare Unterschrift

    Besonders interessant bzw. alarmierend wird das neue Schreibverhalten, wenn Jugendliche eine Unterschrift leisten sollen. Da viele fast nur noch der Druckschrift mächtig sind, gibt es keine Sicherheit mehr, eine individuelle und durch ihren eigenen Schreibfluß unverwechselbare Identifizierung des Verfassers zu ermöglichen. Eine in Druckbuchstaben geleistete Unterschrift hat auch kein Charisma mehr.

  • SteflaChef am 26.05.2015 17:58 Report Diesen Beitrag melden

    Ja,ja die gute alte Zeit

    Früher war alles anders,und vieles war besser!!!!!Unsere Tochter lernt die Schnürlischrift trotzdem noch auch wenn sie sie nicht mehr in der Schule schreiben muss.Ich finde es schade.

  • Erich am 26.05.2015 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wenns nur die Handschrift wäre...

    leider gibt es auch inhaltlich grosse Engpässe und die totale Katastrophe beim Thema; lesen und verstehen.. Und das liegt definitiv am immer desolateren Schulsystem und dessen inkompetentem Lehrerpersonal.

  • L.Rabeler am 26.05.2015 11:11 Report Diesen Beitrag melden

    Per Handschrift" fällt das Lernen leicht

    Ich bin Anbieter von Einzelnachhilfe und ganz klar PRO Handschrift - es ist auch erwiesen, dass von Hand geschriebene Texte besser im Gehirn haften bleiben.

    • Rainer Zufall am 26.05.2015 15:21 Report Diesen Beitrag melden

      Fortschritt heisst auch vergessen

      Bei unwichtigen Alltagsnachrichten (wohl 90% des Geschriebenen), veralteten Erkenntnissen, vor allem aber bei sozialen und politischen Themen täte es der älteren Generation ganz gut, wenn Überholtes ein bisschen schneller vergessen würde. Zu viel ins Gehirn Eingebranntes macht unflexibel...

    • ruedi am 26.05.2015 16:01 Report Diesen Beitrag melden

      tja...

      @Rainer Zufall: Sprechen sie auch so mit ihren Eltern? Sie wissen schon was ich meine, mit der älteren Generation wie sie sie nennen. Vergessen sie aber eins nicht, das Testament muss in Handschrift verfasst sein....das werden sie dann doch nicht so schnell vergessen, oder?

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  • Maria Sah am 26.05.2015 06:44 Report Diesen Beitrag melden

    nur noch für Notizen

    Wozu brauche ich im Alltag noch Handschrift? Höchstens noch für Notizen im Stile eines Einkaufszettels. Digitalisiert doch die Prüfungen und die Nebenwirkungen auf andere Fächer sind Vergangenheit.

    • Marie am 26.05.2015 11:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ Maria Sah, schreib einen Satz+ich sag, wer du bi

      @ Maria Sah Komische Ansicht! Warum freuen sich denn die meisten Menschen extrem, wenn sie eine von Hand geschriebene Geburtstagskarte bekommen?! Das Problem liegt daran, dass kaum jemand einen geammatisch richtigen Satz hinkriegt, geschweige denn orthographisch!

    • Wilfried Huthmacher am 26.05.2015 12:06 Report Diesen Beitrag melden

      Herr

      Ein handgeschriebener Zettel hat gegenüber einem Smartphone etc. einige entscheidende Vorteile: er braucht weniger Platz und vor allem: KEINEN AKKU. Fällt der Akku des Smartphone etc. aus, stehen die Leute da. Weiter: das Lernen durch Handschrift ist viel tiefergehender als wenn man es nur googelt - und das macht man dann ja auch zwangsläufig, wenn man schon internetfähige Kommunikationsgeräte hat - und nur tippt. Alleine durch das selbst erstellte Schriftbild prägen sich erworbene Kentnisse tiefer ein.

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