Werbe-Lehrmittel

02. November 2018 05:47; Akt: 02.11.2018 07:53 Print

Schweizer Fleisch stellt Schülern PR-Aufgabe

von Nikolai Thelitz - Laut Lehrerverband boomen Lehrmittel von Firmen. Nicht alle halten sich dabei an die Charta des Verbands. Eine Politikerin will nun strengere Regeln.

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Immer mehr Firmen erstellen Lehrmittel für Schulen. Wo den Kantonen und Schulen das Geld oder der gesetzliche Auftrag für eigene Unterrichtsmaterialien fehlt, springen die Unternehmen ein. Weil dieses Engagement «zunehmend und teilweise mit umfangreichen Projekten» stattfinde, lancierte der Lehrerverband LCH Ende 2016 eine Charta, die Unternehmen unterschreiben können, aber nicht müssen. Sie verbietet etwa direkte Produktwerbung und Product Placement.

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Nach zwei Jahren zieht LCH-Präsident Beat Zemp nun Bilanz, nächste Woche präsentiert er die Erkenntnisse an der Messe Swissdidac. Schon jetzt verrät er 20 Minuten: «Die Charta ist bei den Unternehmen auf grossen Anklang gestossen, es machen doppelt so viele Firmen mit wie noch vor zwei Jahren.» Zu Firmen wie Microsoft, Samsung und Swisscom haben sich IBM oder die Zurich-Versicherung gesellt. Letztere stellt etwa ein Lehrmittel zu Wetter, Klima und Naturgefahren zur Verfügung.

Fleischverband sponsert ein ganzes Dossier

Doch längst nicht alle Firmen halten sich an die Charta. Auf der Website Kiknet.ch findet sich viel Unterrichtsmaterial, das offensiv für Produkte wirbt. So sollen bereits Erstklässler lernen: Für Cupcakes braucht es nicht einfach Backpulver, sondern Dr.-Oetker-Backpulver. Die Milch landet von der Kuh im Tetrapak, ein solches wird dann auch gleich zum Basteln verwendet. Hakle-Toilettenpapier wird in einem Umweltvergleich als ökologisch dargestellt.

Der Schweizer Fleischverband sponsert gleich ein ganzes Dossier, kritische Aspekte wie Tierleid oder Umweltbelastung werden nicht angesprochen. Stattdessen sollen Sekundarschüler in einer Aufgabe ein Werbeplakat für Schweizer Fleisch erstellen, die Werbesujets des Verbands werden gross abgebildet, mit Sprüchen wie: «Für Vegetarier nicht geeignet», «Ich war mal Grünzeug» oder «Garantiert ohne pflanzliche Fette».

«Schulen müssen solches Material ablehnen»

Für Lehrerin und SP-Nationalrätin Martina Munz sind diese von gewinnorientierten Firmen gesponserten Lehrmittel «hochproblematisch»: «Es kann nicht sein, dass der Fleischfachverband ein Lehrmittel sponsert, ohne das Tierwohl und den ökologischen Fussabdruck von Fleisch zu thematisieren.» Die Schulen seien hier in der Pflicht, solche Materialien klar abzulehnen. «Zudem muss die Politik über klare Richtlinien nachdenken.» Dass es immer mehr dieser gesponserten Lehrmittel gebe, sei eine Folge der Sparpolitik in der Bildung. «Den Bildungsinstitutionen fehlt das Geld für neue Lehrmittel. Sie werden deshalb anfällig für solche zweifelhaften, gesponserten Angebote.»

Die CVP-Nationalrätin und ehemalige Gymnasiallehrerin Andrea Gmür-Schönenberger hält ein Verbot von solchen Lehrmitteln für unnötig. «Unsere Lehrer sind sehr kritisch und erkennen doch, woher die Lehrmittel stammen und ob sie ausgewogen sind.» Auch das Dossier über Fleisch findet Gmür unproblematisch. «Es gibt genug Materialien, die die negativen Aspekte von Fleisch thematisieren. Man soll das Thema Fleisch auch einmal aus einem unverkrampften Blickwinkel betrachten dürfen.»

«Es gibt schwarze Schafe in der Branche»

Zemp sagt zum Fall Kiknet: «Es gibt leider immer noch schwarze Schafe in der Branche, auch wir stören uns an vielen Inhalten auf Kiknet.ch. Der Anbieter hat unsere Charta bewusst nicht unterschrieben, weil er auch Produktewerbung machen muss. Es geht dort aber ausschliesslich um ergänzende Lehrmittel, die zu den staatlich erstellten und geprüften Lernmaterialien hinzukommen könnten.»

Ein Verbot von privat finanzierten Unterrichtsmaterialien findet Zemp aber übereilt: «Lehrpersonen eliminieren ganz einfach versteckte oder offene Werbung in den Unterrichtsmaterialien, bevor sie diese einsetzen.» Versuche umgekehrt eine Lehrperson, einseitig zu unterrichten, merkten das die Eltern schnell. «Man steht als Lehrer im Schaufenster, jeder Schritt und jede Hausaufgabe wird überwacht.»

Laut Reto Braun, Leiter von Kiknet.ch, verzeichnet die Plattform rund 30 000 Downloads pro Monat. Die meisten Materialien, darunter auch viele vom Bund, seien mit der LCH-Charta konform. Die genannten Lehrmittel seien Einzelfälle. «Diese nehmen wir sehr ernst. Wir werden sie bei der nächsten Überarbeitung mit unserem Lehrer-Team genau anschauen.» Seien alle Inhalte überprüft und angepasst, wolle man die Charta unterzeichnen.

Der Fleischverband war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thoro am 02.11.2018 06:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Inkompetenz

    Gehts eigentlich noch? Lehrmittel sollten doch aufgrund der Lehrpläne in Auftrag gegeben werden und nicht ein Wunschkonzert für Konzerne sein. Die haben doch überhaupt keine derartigen Kompetenzen!

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  • Spartan am 02.11.2018 06:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gezüchtete Demokratie

    Politische instrumentalisierung wie man sie von anderswo kennt.

  • J.B. am 02.11.2018 06:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was

    Keine andere Probleme? Dann ists ja Perfekt

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Die neusten Leser-Kommentare

  • THINK! am 03.11.2018 21:35 Report Diesen Beitrag melden

    Wohin fliessen die Gelder?

    Immer mehr Geld für die Bildung, aber anscheinend kommt nichts an. Man kann sich auch fragen, wieso sich anstrengen wenn man einfach andere arbeiten lassen kann? Wenn man Unterlagen nicht selber erstellen muss, ist es doch einfacher. Wo bleibt den da die Moral?

  • Daaqueness am 02.11.2018 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tetrapak

    Bezüglich Tetrapak: Wie sagt man denn dene allgemein? Für mich sind solche Flüssigkeitsverpackungen aus beschichtetem Karton in Quader form immer Tetrapak.

  • Dualo am 02.11.2018 18:40 Report Diesen Beitrag melden

    Master of Beef...

    Für die spätere Berufswahl kann nicht früh genug eingestimmt werden.

  • T. K. am 02.11.2018 18:33 Report Diesen Beitrag melden

    Schweizer Fleisch gehört auf jeden Tisch

    So wie zum Espresso hier der Kaffeerahm gehört. Alles andere wäre nicht schweizerisch.

    • schweizer.exe am 02.11.2018 22:53 Report Diesen Beitrag melden

      Kein echter Schweizer

      Jeder "echte Tessiner" würde dir für diesen Kommentar den Kopf abreissen. Aber hey, glücklicherweise ticken wir ja alle gleich, haben die gleichen Vorlieben und Traditionen und können uns daher alle ohne Probleme der Verhaltensbibel "Der echte Schweizer" von T.K. beugen :)

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  • Luci am 02.11.2018 18:27 Report Diesen Beitrag melden

    Korpokratie

    ist die wirkliche Macht. Geld über alles. Mensch dient nur noch als Vieh das bewirtschaftet werden muss. Vollgas voraus in den .... ihr wisst schon!