Emmental

09. Juli 2017 10:36; Akt: 09.07.2017 15:28 Print

Schüler wegen Fesselspiel in Lager verurteilt

Die Justiz bestraft sechs 13-Jährige wegen Freiheitsberaubung und Tätlichkeit. Psychologen sprechen von einer «Hexenjagd».

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Fünf der sechs Strafbefehle sind rechtskräftig: Das Gebäude der Jugendanwaltschaft, Dienststelle Emmental-Oberaargau, in Burgdorf. (Bild: justice.be.ch)

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In einer Gemeinde im Emmental kreuzte die Polizei mit zwölf zivilen Beamten in einer Schule auf. Sechs Siebtklässler wurden verhaftet – die Polizisten holten drei von ihnen direkt aus dem Unterricht. Mehrere Monate später werden die 13-Jährigen verurteilt – wegen Freiheitsberaubung und Tätlichkeit, berichtet die «SonntagsZeitung».

Grund war ein Vorfall in einem Lager der reformierten Kirche. Die Buben haben einen Gleichaltrigen gefesselt. Einer der Betroffenen erzählt im Bericht, dass aus einer Wette dieses Fesselspiel entstanden sei. Sie wollten schauen, ob sich das Gspänli «selbst befreien» könne. Doch der Gefesselte fiel hin, zog sich Prellungen zu und brach in Tränen aus. Nach «ungefähr zehn Minuten» sei ihm geholfen worden.

Probezeit von einem Jahr

Das Lager fand im April 2016 statt, verhaftet wurden die Buben erst zwei Monate später. Das Verfahren dauerte bislang anderthalb Jahre und kostete schätzungsweise 150'000 Franken. Die Strafverfolgung wurde aktiv, weil die Familie des Opfers eine Strafanzeige eingereicht hatte. Sechs Jugendliche wurden verurteilt – fünf Strafbefehle sind rechtskräftig.

Der «SonntagsZeitung» kennt die Strafe von einem der Jugendlichen: «Er muss eine unbedingte persönliche Leistung von drei Tagen in Form von deliktsorientierten Gesprächen erbringen.» Die Jugendanwältin brummte ihm zudem einen Tag bedingt, mit einem Jahr Probezeit auf. Auch die Verfahrenskosten von 10'000 Franken muss der Teenager zahlen, sofern er in den kommenden zehn Jahren Vermögen aneignet.

«Klassische Überreaktion»

Der Jugendliche weiss nun, dass er einen «huere Schiisdräck» gemacht hat. Der Psychologe und Gewaltexperte Allan Guggenbühl spricht von einer «klassischen Überreaktion». Leider sei es heute ein Trend, «bei jeder Kleinigkeit eine Anzeige einzureichen – gerade im Umfeld von Schulen». Zum Vorfall sagt er, es habe sich um ein Spiel gehandelt.

Auch Philipp Ramming, Präsident der Schweizerischen Vereinigung für Kinder- und Jugendpsychologie, kritisiert das Vorgehen im betreffenden Fall: Es handle sich um ein «Versagen der pädagogischen Welt, indem ein Problem an die staatliche Autorität delegiert wird», sagt er. «Für sie (die Jugendlichen) muss es sich anfühlen wie eine Hexenjagd.»

(NXP)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • MarcO am 09.07.2017 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Willkommen in der Schweiz

    Da werden Lausbuben härter bestraft als eine die jemandem das Bein abfährt und fahrerflucht begeht.

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  • A.D am 09.07.2017 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Übertrieben

    Das sie wegen diesem Vorfall verurteilt werden...

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  • Eidgenosse69 am 09.07.2017 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Blödsinn

    uii Zum Glück war das früher ganz anders. Wenn bei uns das schon existierte, währen wir des Öfzätern vor dem Richter gestanden.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Denker am 09.07.2017 16:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Zeiten ändern sich!

    Viele hier schreiben von Früher aber seit der Einführung des Internets hat sich die Welt grundlegend verändert. Leute schicken sich in Sekundenschnelle Bilder und Filme ans andere Ende der Welt. Kinder nackt zu photographieren ist heute fragwürdig. Warum das so ist? Nun es hat diverse Gründe. Zum einen sind wir alle durch die Geschwindigkeit und die Informationsflut digitaler Medien total überfordert. Zum andern bekommen Kinder heute Dinge wie Respekt und Frustrationstoleranz oft nicht mehr in der Erziehung mit und können somit Grenzen nicht richtig einschätzen,die Empathie dazu fehlt einfach!

  • Anna_BE am 09.07.2017 14:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ..

    Jesses! Gut das wir in den 70er und 80er gross geworden sind. Indiänerle inkl. Marterpfahl... da wären sicher die Hälfte im Kidis im Teeniealter vorbestraft worden. Frage mich schon, wie die heutigen Kinder gross werden können, wenn die Eltern wegen allem und jedem die Kollegen vor Gercht zerren. So hat ein Kind ganz sicher Freunde fürs Leben!

  • Rico am 09.07.2017 13:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur ein Grund Geld zu machen

    Den Eltern geht es rein nur um Geld genau so wie bei den meisten Anzeigen wegen Sachen die man auch Mündlich regeln könnte.Traurige Schweiz.

  • Uli P. am 09.07.2017 13:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Shades of grey

    Da sieht man es mal "Shades of Grey" gibts in der realen Welt schon viel länger als den Film. Wer hätte das gedacht?

  • Tinu am 09.07.2017 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freiwillig oder nicht

    Ja, wir haben das früher öfters 'gespielt'. Dabei waren aber alle einverstanden und es kam jeder mal dran. Im vorliegenden Fall ist unklar, ob der gefesselte und später verletzte Junge Mitspieler oder schlicht ein Opfer war. Im 2. Fall kann ich die Anzeige nachvollziehen.