Kein Abschluss

19. Juni 2019 10:03; Akt: 19.06.2019 10:03 Print

Gymi-Druck macht Tausende zu Verlierern

von B. Zanni - Über zehn Prozent der jungen Erwachsenen haben weder eine Matura noch einen Lehrabschluss. Viele wollten zu hoch hinaus, sagt ein Bildungsökonom.

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Um jeden Preis wollen viele Schweizer Schüler ins Gymi. Mit über 20 Prozent hatten 2016 laut dem Bundesamt für Statistik bereits mehr junge Erwachsene eine gymnasiale Matura in der Tasche als eine Berufsmatura (15,4 Prozent). Doch der Hype um das Gymi fordert auch viele Verlierer.

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Nahezu doppelt so viele 19-Jährige verfügten 2014/2015 im Vergleich zu 2010/2011 über keinen Abschluss der Sekundarstufe II, also weder über eine Matura noch einen Lehrabschluss. Auch geht aus der neusten Erhebung der ch-x-Studie des Bundes hervor, dass mit elf Prozent mehr als jeder zehnte junge Erwachsene keinen Abschluss auf der Sekundarstufe II im Sack hat. Genauso wenig befinden sie sich in einer solchen Ausbildung.

«Je mehr Gymiabschlüsse, desto mehr Misserfolge»

«Je mehr junge Erwachsene eine gymnasiale Maturität haben, desto höher ist die Misserfolgsquote bei den Abschlüssen auf Sekundarstufe II», sagt Stefan C. Wolter, Bildungsökonom an der Universität Bern. Insbesondere in Kantonen mit hoher Maturitätsquote zeige sich, dass viele Jugendliche nach der obligatorischen Schulzeit durch die Maschen fielen.

Grund ist laut Wolter der grosse Gymi-Druck. «Obwohl sie nicht oder noch nicht bereit sind fürs Gymi, versuchen sie es, scheitern und versuchen es vielleicht nochmals vergeblich.» Fatal sei, dass sie auch danach keine realistische Alternative ins Auge fassten. «So wählen sie Lehrberufe, die ihnen nicht entsprechen, scheitern erneut und stehen am Ende ohne Abschluss da.» Insbesondere Schüler, die Migranten der ersten Generation seien, strebten einen Gymiabschluss an. «Ihre Eltern setzen auf eine hohe Allgemeinbildung, weil sie die Berufslehre in ihrem Herkunftsland nicht kannten.»

«Berufslehre ist eine Horrorvorstellung»

Beat W. Zemp, Präsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer, teilt die Einschätzungen. «Einige Eltern pushen ihr Kind ins Gymi, weil sie unser Bildungssystem nicht kennen und ihr eigenes Kind in einer Berufslehre für sie eine Horrorvorstellung ist», sagt er. Manche Schüler wollten sich nicht von ihren Kollegen trennen oder hätten Angst, ohne Gymibesuch als weniger klug zu gelten.

«Besonders tragisch sind Fälle, in denen Schüler kurz vor der Matura scheitern und wegen des Misserfolgs derart gefrustet sind, dass sie auf keine grünen Zweig mehr kommen», sagt Zemp. Andere erfolglose Gymischüler blieben auf der Strecke, weil sie sich bei der Lehrstellensuche zu hohe Ansprüche stellten und dann erneut scheiterten.

Die Forscher des Forschungskonsortiums Young Adult Survey Switzerland, das die ch-x-Studie erhoben hat, beunruhigen die Ergebnisse. «Wenn sich dieser Trend mit jungen Erwachsenen ohne Abschluss auf der Sekundarstufe II fortsetzt, ist das gesellschaftlich hochalarmierend», sagt Stephan Gerhard Huber, Leiter des Konsortiums. Menschen ohne Schulabschluss hätten höhere Risiken. «Sie greifen eher zu Suchtmitteln, sind weniger idealistisch orientiert und engagieren sich weniger für das Gemeinwohl.»

Mehr Gewicht für Berufswahl

«Als Gesellschaft in der Schweiz brauchen wir Leute, die Lust auf die Zukunft haben und Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen wollen», sagt Huber. Zudem hätten sie es sehr schwer auf dem Arbeitsmarkt. «Bildung ist wichtig für die Chancen des Einzelnen wie auch für die Gesellschaft insgesamt mit steigenden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt.»

Die Schulen packen das Problem an. «Die Berufsorientierung bekommt im Lehrplan 21 mehr Gewicht», sagt Beat W. Zemp. Auch Schüler, die ein Gymnasium oder eine andere weiterführende Schule anstrebten, müssten sich mit der Berufswahl auseinandersetzen. «Lehrpersonen werden zudem Eltern weiterhin klarmachen, dass das Gymi nicht der der einzige Weg ist, im Leben glücklich zu werden.» Es gelte, die Durchlässigkeit des heutigen Schulsystems besser aufzuzeigen. «Dank durchlässigen Bildungswegen kann heute ein gelernter Maurer in der Schweiz sogar Professor werden, wenn er die nötigen Fähigkeiten mitbringt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Simba74 am 19.06.2019 10:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich hatte nur eine Lehre

    absolviert. Durchschnittlich. Beschäftigte Jahre danach jedoch 15 -20 Mitarbeiter. Es braucht kein Gymi um genauso erfolgreich zu sein.

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  • Helge Schneider am 19.06.2019 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Ingenieur aber keine Ahnung!

    Hauptsache X-Diplome und Abschlüsse. Aber, dass es auch Linksgewinde gibt, wusste der der Herr Maschinenbau-Ingenieur nicht. Gruss aus der Werkstatt.

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  • Ruedi am 19.06.2019 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Druck der Eltern....

    Vielmals denken die Eltern, sie seien unheimlich klug, sind sie aber nicht, und so ist es eben meistens dann auch mit dem Sprössling. Der Apfel fällt....

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mäge am 21.06.2019 00:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    zwang

    k.a. was alle haben ich war in der sek aber spreche 3 sprachen fliessend lebe im moment in bolivien und hab ein super leben.... tut mir leid aber hochschule ist nicht alles ich wurde damals gedrängt und habe abgelehnt auch wenn ich einen iq test machen musste von meinen eltern gedrängt und diesen mit 138 abgeschlossen habe damals mit 15 jetzt bin ich 26 und denke da hab ich mir schon einiges weggesoffen aussage: hört auch auf die kinder in eine position zu zwängen die sie nicht wollen

  • Beat Meier am 20.06.2019 16:10 Report Diesen Beitrag melden

    In Wahrheit Uni besser

    Es ist verdächtig, wie die Medien gegen die Kanti-Ausbildung propagandieren. Welche sozialen und wirtschaftlichen Interessen werden vertreten und von welchen schulischen und politischen Kreisen? Sind tatsächlich die Schweizer Jungen und Maedchen intellektuell so unterentwickelt - so versteht man den Artikel-, dass sie für eine Kantiausbildung nicht geeignet sind oder dient dem Schulsystem ein Numerus Klausus Selektionsverfahren, damit sich die Kinder altersgerecht für eine Kantiausbildung nicht qualifizieren koennen? Es ist beleidigend wenn solche Artikel von den Medien publiziert werden.

    • Karl Karstens am 20.06.2019 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Beat Meier

      Mir ist die Grundaussage dieses Artikels gut verständlich. Man kann alles noch detaillierter auswerten und darstellen. Das scheint mir in diesem Fall aber nicht nötig. Es zeigt klar auf wie es ist. Die betroffenen Eltern und SchülerInnen sehen das vielleicht anders und vermutlich sind wie immer auch die anderen Schuld für ihr Versagen. Zum Glück haben diese Jugendlichen ja noch Eltern bei denen sie bis 35 bleiben können. Freude herrscht, immer wieder ein guter Spruch.

    • Beat Meier am 20.06.2019 19:48 Report Diesen Beitrag melden

      Leere

      Ihre Aussage ist nicht verständlich. Haben sie eine Lehre gemacht?

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  • François Wiget am 20.06.2019 13:49 Report Diesen Beitrag melden

    Lehrabschluss = Hungerlöhne

    Ein Uni-Abschluss ist eine Gelddruckmaschine. Viel Geld für wenig Aufwand. Ein Lehrabschluss ist hingegen viel Arbeit für einen Hungerlohn.

    • hgf am 20.06.2019 14:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @François Wiget

      Haben Sie die Löhne denn wirklich mal verglichen? Die Löhne im ersten Berufsjahr mit Uni-Abschluss betragen zwischen 50'000 bis maximal 90'000 (je nach Fachgebiet. Nicht wirklich höher als mit einem Lehrabschluss, oder? "Gelddruckmaschine" leicht übertrieben.

    • Pads am 20.06.2019 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @François Wiget

      Kann ich nur bestätigen! Habe eine Lehre gemacht, maximal 5000.- verdient, anschliessend berufsbegleitend (100% gearbeitet) zum Techniker weitergebildet. Verdiene aktuell rund 6000.-. Jetzt haben wir einen neuen Mitarbeiter bekommen, gleichaltrig mit UNI-Abschluss, verdient gleich mal 1000.- mehr als ich mit über 10 Jahren Berufserfahrung und ich muss ihm Sachen wie das binäre System erklären... Heutzutage kommt es nicht mehr darauf an was du kannst, sondern nur was du für ein Papier mitbringst... Wirklich traurig

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  • François Wiget am 20.06.2019 13:44 Report Diesen Beitrag melden

    Uni-Abschluss ist das Beste

    Nur mit einem Uni-Abschluss lässt sich mit sehr wenig Aufwand und noch weniger Arbeit und umso mehr viel Freizeit, sehr viel verdienen bei Kanton und Bund und mega Rente.

  • Chrigu am 20.06.2019 10:53 Report Diesen Beitrag melden

    Normalität

    Was mir persönlich am meisten Angst macht ist, dass der kleine Handwerker in mittleren und grossen Betrieben so unter Druck gesetzt werden, nur das es reicht einen Hochstudierten zu rechtfertigen, welcher aber nicht genau weiss was er selber macht. Arbeiten tut ja schliesslich jeder gerne aber in einem "normalen" Rahmen. Jeder möchte ja ein leben lang Freude an seiner Arbeit haben.