«Rücksicht gegenüber anderen Kulturen»

26. November 2019 04:44; Akt: 28.11.2019 09:55 Print

Schule verbannt drei Lieder von Adventsfeier

Das Mattschulhaus in Wil veranstaltet jährlich eine Adventsfeier. Gewisse Weihnachtslieder sind dort fortan nicht mehr erwünscht, da sie nicht «alle Kulturen ansprechen» würden.

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Die Leitung des Mattschulhauses in Wil SG verschickte kürzlich ein Mail an alle Lehrer. In diesem wurde ihnen mitgeteilt, dass an der diesjährigen Adventsfeier am 20. Dezember drei Weihnachtslieder nicht mehr gesungen würden – aus «Rücksicht gegenüber anderen Kulturen und Religionen», wie es im Mail heisst. Die Lieder würden ersetzt. Und weiter: «Auch weitere Beiträge für die Weihnachtsfeier müssen so gestaltet sein, dass sich alle Kulturen angesprochen fühlen können.»

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Welche Lieder sollten an einer Weihnachtsfeier gesungen werden?

Bei den gestrichenen Weihnachtsliedern handelt sich um «Go Tell It on the Mountain», «Fröhliche Weihnacht überall» sowie «S grööschte Gschänk». Die bekannten Lieder thematisieren die Geburt Jesu.

Probleme bei vergangenen Feiern

«Go Tell It on the Mountain», das etwa von Frank Sinatra im Duett mit Bing Crosby vertont wurde, sowie «Fröhliche Weihnacht überall» stehen im Kanton St. Gallen im offiziellen Mittelstufensingbuch «Sing ais». Dass die Kinder der Ostschweizer Schule die Lieder nun nicht mehr singen, gründet laut Insider E. F.* darauf, dass es in den vergangenen Jahren zu Problemen gekommen sei.

So soll ein Vater vor zwei Jahren während des Weihnachtskonzerts einer Klasse aufgestanden sein und lautstark reklamiert haben. Er habe sich über die Liedauswahl beschwert, wo sich im Raum doch mehr Muslime als Christen befunden hätten. Auch im vergangenen Jahr habe ein Vater reklamiert, der allerdings nicht muslimischen Glaubens gewesen sei. Dazwischen habe es einen Schulleiterwechsel gegeben.

Laut dem Insider können einige Lehrpersonen den Lied-Entscheid nicht nachvollziehen: «Wahrscheinlich wollte der neue Schulleiter sich mit dem Liederkanon für die Feier nicht noch einmal auf Glatteis begeben», spekuliert F. Das Lehrpersonal sei nicht in die Entscheidung miteinbezogen worden, die Lieder zu streichen.

«Der angepasste Vorschlag führt zu stimmigem Liederprogramm»

In den Entscheid war der Leiter Bildung der Stadt Wil mit einbezogen. Dieser reagierte bis am Montagabend nicht auf eine Anfrage von 20 Minuten. Schulleiter Tobias Mattes schreibt hingegen: «Wir planen die Feier jeweils gemeinsam im Team. Dabei wird auch rege darüber diskutiert, wie wir alle mit einbinden können.» Das Programm solle ausgewogen sein. In der Vergangenheit habe es bereits Kritik von Eltern gegeben, «unabhängig von einer Religionszugehörigkeit».

Man achte darauf, traditionelle wie auch neue Lieder für die Kinder auszuwählen, so Mattes. «Es gab einen Vorschlag, der angeschaut und angepasst wurde, so dass wir ein stimmiges und feierliches Liederprogramm haben werden.» Auch traditionelle Weihnachtslieder wie «Stille Nacht» würden weiterhin gesungen. Welche Lieder neu im Programm sind, teilte er nicht mit.

Islamische Organisationen haben nichts gegen Weihnachtslieder

Erstaunt reagieren Muslime in der Schweiz. Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz, ermuntert die Schulen, an den christlichen Liedern festzuhalten: «Aus unserer Sicht ist es sehr bedauerlich, wenn in einem christlichen Land keine christlichen Lieder mehr gesungen werden.» Wenn sich Muslime daran stossen würden, so gehe das auf den salafistischen Einfluss zurück.

Der Entscheid der Schulleitung zeuge von Unkenntnis über den Islam. Vielerorts in der islamischen Welt würden die Muslime mit den Christen feiern und etwa ihre Geschäfte schmücken. E. F. fragt sich derweil, ob die Weihnachtsfeier nicht per se gestrichen werden müsste oder die Adventsfeier nur noch für Kinder aus dem christlichen Kulturkreis stattfinden sollte.

* Initialen geändert


«Die Zeiten ändern sich»

Frau Rösler*, in Wil wurden Weihnachtslieder aus dem Programm gestrichen. Ist das richtig?
Grundsätzlich ist es so, dass die Volksschule politisch unabhängig und konfessionsneutral ist. Die Weihnachtsgeschichte wird im Religionsunterricht behandelt. Daher kann ich die Reaktion nachvollziehen – die Zeiten ändern sich. Gleichzeitig ist es normal, dass an den Schulen die Adventszeit gefeiert wird. Es ist schwierig, dann nicht Lieder mit weihnachtlichem Text zu singen.

Singen auch andere Schulen Lieder wie «O du fröhliche» nicht mehr?
Das sind eher Einzelfälle. An vielen Schulen werden die Weihnachtslieder nach wie vor gesungen – jede Schule stellt eigene Richtlinien auf. Wegen einer negativen Rückmeldung eines Vaters alleine sollte man aber auch nicht alles infrage stellen.

Fühlen sich viele Muslime in den Gefühlen verletzt, wenn sie ein Weihnachtslied singen müssen?
Meine eigene Erfahrung ist, dass die meisten muslimischen Eltern locker damit umgehen.

*Dagmar Rösler ist Präsidentin des Lehrerverbands LCH.


(ihr/ehs/daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurtb am 26.11.2019 09:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tschüss Schweizer Kultur

    TSCHÜSS Schweizer Kultur. Warum haben wir immer das Gefühl das wir uns anpassen müssen in unserer Schweizer Kultur. Nichts gegen andere Kulturen. Sind alle Willkommen. Aber wir sind hier in der Schweiz und nicht wo anders auf dieser Welt

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  • Ruben am 26.11.2019 09:33 Report Diesen Beitrag melden

    Hört endlich mit diesem Nonsens auf

    Hört endlich mit diesem möchtegern-politisch-korrektem-Getue auf! Das, das und dies darf man nicht mehr, weil sich irgendjemand beleidigt fühlen könnte. Wenn man in einem Land wohnt, hat man die entsprechende Kultur, Bräuche und Religionen nun mal zu akzeptieren oder auszuhalten, sonst hat man da nichts verloren. Punkt. Das ist weder rassistisch noch fremdenfeindlich, das ist simple Logik. Ich bin portugiesischer Herkunft, wenn mir Portugal besser passen würde, dann würde ich halt einfach dahin ziehen, fertig. Mir würde im Leben nicht in Sinn kommen, dass die anderen sich mir anpassen müssten.

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  • en schwiizer am 26.11.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nur traurig

    Das kann doch nicht sein. in 10 Jahren darf man dann auch nicht mehr in die Kirche, weil sich jemand daran stören könnte Menschen zu sehen, die unterwegs in die Kirche sind? Das ist duch nur noch traurig...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Bürgin am 28.11.2019 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    Nimms nid so tragisch, Jürg

    Nicht alles, was "schon immer so war", muss auch immer so bleiben... Früher wurden Kinder geschlagen und Hexen verbrannt, Frauen durften nicht wählen und abstimmen usw. Die Zeiten ändern sich! Nur weil nun weniger oder andere (nicht gar keine!) Weihnachtslieder gesungen werden, als bisher geht unsere so tolle, einzigartige Kultur nicht zu Grunde! Und wer nicht mit der Zeit geht, muss mit der Zeit gehen...

  • ALINA S am 28.11.2019 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Korrektheit

    Nochmal wänn wird der Ramadan abgeschafft und ich fühle mich gestört beim einkaufen von weit her Frauen zu sehen die von Kopf bis Fuß bedeckt sein müssen inkl Haaren. Da sollte man reagieren nicht bei Weihnachtsliedern. Zudem besuche ich aus Überzeugung kein muslimisches Land. Auch sollten alle unsere Sprache sprich eine von 4 Landessprachen sprechen lernen das gilt auch für Ex Pats. Ich kann sehr gut Englisch da in England gelebt. Finde aber nicht, dass wir Schweizer uns permanent anpassen müssen. Spreche Italiennisch? & Spanisch. Deutsche sollen Französisch sprechen wenn Arbeit in Schweiz.

  • Alina S am 28.11.2019 10:56 Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung ?

    Ich gehöre keiner Religion mehr an bin aber bis 18 Jahre katholisch aufgewachsen. Bin auch der Meinung dass wir in der Schweiz unsere Feiern und Lieder so weiterhin gestallten sollen oder wird der Ramadan verboten ? Ich muss zugeben ich fühle mich gestört wenn Frauen mit Kopftüchern und ganzkörperbekleidungen zum einkaufen gehen es passt nicht in unsere Kultur. Punkt

  • Steven135 am 27.11.2019 19:49 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber mal den gesunde Menschenverstand

    einschalten. Schlussendlich glauben die meisten an einem Gott (und ist meist das gleiche) ..; Ich glaube das wir in einer Matrix leben und alles simuliert ist... Wer hat recht? Spielt im Grunde keine Rolle... Die meisten die glaubten, im Auftrag im Gott zu handeln, haben vermutlich grössten menschlichen Verbrechen begangen...

  • Realist am 27.11.2019 19:43 Report Diesen Beitrag melden

    Religion ist keine Kultur, Religion sind Wahnvorst

    Religiöse Lieder sind das genauso. Wer das noch nicht weiss, sollte Wir Menschen von OQGC lesen, wo wissenschaftliche Objektivität der unangemessenen Rücksichtnahme auf schädliche Wahnvorstellungen entgegengesetzt wird.