Ausgesteuert

08. Februar 2011 07:17; Akt: 08.02.2011 08:25 Print

Schweiz bekommt 5000 neue «Sozialfälle»

Über 16 000 Arbeitslose werden am 1. April auf einen Schlag ausgesteuert. Rund 5000 dürften direkt bei der Sozialhilfe anklopfen. Die neue ALV tritt in Kraft.

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Zwischen 15 400 und 16 100 Arbeitslose dürften im kommenden April schweizweit ausgesteuert werden. Dies hat eine Umfrage der Nachrichtenagentur SDA in allen Kantonen ergeben. Einzig der Kanton Zürich nannte keine konkrete Zahl.

Anfang April tritt das revidierte Gesetz über die Arbeitslosenversicherung in Kraft, welches das Volk am 26. September 2010 gutgeheissen hat.

Weil Arbeitslose neu weniger Taggelder beziehen können, werden sie früher ausgesteuert. Besonders betroffen ist die Romandie. Aber auch die Kantone Bern (rund 2000 Personen), St. Gallen (bis 2500) sowie der Aargau und das Tessin (beide rund 1000) rechnen mit vielen Ausgesteuerten.

Am meisten Fälle in der Romandie

Allein in der welschen Schweiz werden 6100 bis 6500 Menschen den Anspruch auf Arbeitslosengeld verlieren - am meisten in den Kantonen Genf, Waadt und Neuenburg. In der Waadt dürften 2500 Personen ausgesteuert werden, in Genf 1300 und bis zu 1400 in Neuenburg.

Volkswirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann ging im Dezember von 17 000 Betroffenen aus, wie er in der Fragestunde des Nationalrats sagte. Das sind rund 10 bis 12 Prozent der bei den Arbeitsämtern gemeldeten Personen.

Wie viele zusätzliche Stellen nötig sein werden, um diesen «Schock» - so die Wortwahl der Lausanner Sozialbehörden - zu bewältigen, steht in den meisten Kantonen noch nicht fest.

SKOS-Präsident Schmid: 12 000 Franken wären vernünftig

Allerdings landet nur ein Teil der Ausgesteuerten bei der Sozialhilfe. Der Kanton Schwyz etwa geht davon aus, dass 20 bis 30 Prozent Sozialhilfe beziehen werden. Der Kanton Schaffhausen rechnet mit rund 40 Prozent, während Basel-Stadt annimmt, dass die allermeisten Fürsorgegelder beantragen werden.

Laut Walter Schmid, dem Präsidenten der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), wird erfahrungsgemäss rund ein Drittel der der Ausgesteuerten direkt zu Sozialhilfebezügern. Das heisst: Die Schweiz dürfte am 1. April auf einen Schlag um rund 5000 Sozialhilfeempfänger reicher sein.

Doch was geschieht mit den anderen zwei Dritteln? Laut Walter Schmid brauchen viele ihr privates Vermögen auf, bevor sie beim Sozialamt anklopfen. Denn laut SKOS-Richtlinien darf ein Vermögen von höchstens 4000 Franken besitzen, wer als Einzelperson Sozialhilfe bezieht.

Für Schmid ist die Limite zu tief angesetzt. «Es wäre vernünftig, den Betrag auf 12 000 Franken zu verdreifachen», sagte er auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Doch dieser Schritt sei momentan politisch kaum mehrheitsfähig.

Auch wer sein Vermögen aufgebraucht hat, wird nicht automatisch zum «Sozialfall», wie es der Volksmund ausdrückt. Laut Paul Schwendener, dem Leiter des Bündner Arbeitsamts, lassen sich zahlreiche Ausgesteuerte von ihren Familien unterstützen. Andere wiederum würden sich mit Jobs über Wasser halten, die eigentlich jenseits ihrer Zumutbarkeitsgrenze liegen - nur um den gefürchteten Gang zur Fürsorge zu vermeiden.

Waadt rechnet mit 25 Millionen Mehrkosten

Wie hoch die Mehrkosten sind, welche die Kantone durch diese Verschiebung weg von der Arbeitslosenversicherung hin zur Sozialhilfe berappen müssen, ist noch unklar. Erst wenige Kantone können die Beträge beziffern.

Basel-Stadt rechnet mit einer finanziellen Mehrbelastung zwischen 3 und 6 Millionen Franken. Das Tessin geht derweil von Mehrkosten zwischen 5,6 und 13 Millionen aus, Waadt von 25, Genf von 11 und Neuenburg von 4 Millionen Franken.

Im Vorfeld der Abstimmung hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) die kurzfristigen Mehrkosten für die Kantone mit maximal 98,5 Millionen beziffert.

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Arbeitslosensubventionierer am 09.02.2011 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Es kann noch mehr gespart werden

    Das ist ein guter Ansatz. Der "Arbeiter" hat absolut recht mit seiner Aussage, dass jeder der will auch Arbeit bekommt. Die Arbeitslosenkasse und auch die Sozialhilfe kann noch mehr entlastet werden, wenn jeder arbeitslose Ausländer sofort in seine Heimat zurückgeschickt wird. Er kann dann dem eigenen Staat auf der Tasche liegen.

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  • LEO REI am 10.03.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ist es das was gewünscht wird?

    1. Arbeitslosengelder werden gekürzt. Das heisst das vor allem ältere und junge Menschen ohne Berufserfahrung den Weg aufs Sozialamt gehen müssen. =ergo noch weniger Geld haben. 2. Sozialhilfe bedeutet noch weniger und auch kein Vermögen. Also jeder der fleissig gespart hat, muss zuerst sein Vermögen aufbrauchen. (So viel zur 3. Säule) 3. Zu den ewigen Kritikern wegen den Nörglern auf hohem Niveau? Muss das Gefälle zwischen Arm und Reich erst noch mehr anwachsen? Schon lange sind es nicht nur die Ausländer die auf dem Existenzminimum leben sondern auch viele Schweizer die nichts dafür können. Ist es das was gewünscht wird?

  • B. Kerzenmacher am 08.02.2011 18:24 Report Diesen Beitrag melden

    Anspruch auf Arbeitslosengeld. Ich habe nach 25

    Jahren in gleicher Firma meinen Arbeitsplatz verloren aufgrund übelster nachgewiesener Verleumdungen durch Behörden des TG. 6 Mt, Arbeitslos, Stellensuche und Bewerbungen aufgrund der Verleumdungen für mich aus Gründen der Integrität und Reputation unzumutbar. Arbeitslosengeld erhalten bis heute, 6Mt. später: 0Fr. Habe aber 25Jahre einbezahlt, nie Steuerschulden und Betreibungen gehabt. Also, was schwafelt man hier von Anspruch auf Arbeitslosengeld. Das erhalten solche die erst 2Jahre in CH sind aber sicher nicht CH-Bürger. So sieht es aus hier! Und das kann ich mit Dokumenten belegen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • LEO REI am 10.03.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Ist es das was gewünscht wird?

    1. Arbeitslosengelder werden gekürzt. Das heisst das vor allem ältere und junge Menschen ohne Berufserfahrung den Weg aufs Sozialamt gehen müssen. =ergo noch weniger Geld haben. 2. Sozialhilfe bedeutet noch weniger und auch kein Vermögen. Also jeder der fleissig gespart hat, muss zuerst sein Vermögen aufbrauchen. (So viel zur 3. Säule) 3. Zu den ewigen Kritikern wegen den Nörglern auf hohem Niveau? Muss das Gefälle zwischen Arm und Reich erst noch mehr anwachsen? Schon lange sind es nicht nur die Ausländer die auf dem Existenzminimum leben sondern auch viele Schweizer die nichts dafür können. Ist es das was gewünscht wird?

  • Fragezeichen am 10.02.2011 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Wie gross ist der Anteil ex UBS Mitarbeiter?

    Das würde die Steuerzahler interessieren und unsere von der Wirtschaftslobby vereinnahmten Politiker ins richtige Licht stellen vor den Wahlen. Steuerfreie Milliardengewinne ausweisen und die Verluste dem Fussvolk überlassen. Wie will eine Bank verspieltes Vertrauen zurückgewinnen mit mehreren Tausend entlassenen Mitarbeitern zur Bilanzoptimierung?

  • Daniel Landwehr am 10.02.2011 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Zahlen werden geschönt

    So werden in der Schweiz Arbeitslosenzahlen geschönt und Kosten abgewälzt. Hauptsache, die Schweiz steht im internationalen Vergleich gut da.

  • Felix am 09.02.2011 19:54 Report Diesen Beitrag melden

    CVP SOLLTE AUSLÄNDER-POLITIK ANSTATT -

    FAMILIEN-POLITIK als Wahl-Thema aufnehmen, die beim Volk unter den Nägel brennt. Wahltag ist Zahltag.

  • Arbeitslosensubventionierer am 09.02.2011 12:14 Report Diesen Beitrag melden

    Es kann noch mehr gespart werden

    Das ist ein guter Ansatz. Der "Arbeiter" hat absolut recht mit seiner Aussage, dass jeder der will auch Arbeit bekommt. Die Arbeitslosenkasse und auch die Sozialhilfe kann noch mehr entlastet werden, wenn jeder arbeitslose Ausländer sofort in seine Heimat zurückgeschickt wird. Er kann dann dem eigenen Staat auf der Tasche liegen.

    • db3 am 09.02.2011 20:56 Report Diesen Beitrag melden

      nicht jeder ist selber schuld!

      und was ist mit denen, die nichts dafür können? Ein bisschen differenzieren täte auch dir gut!

    • Marcel Weber am 10.02.2011 16:19 Report Diesen Beitrag melden

      Bürokratie mist kostet am meisten

      Wenn man 12Monate in der Schweiz gearbeitet hat, soll die Schweiz bezahlen, davor das Herkunftsland. Man könnte alleine schon an dem Bürokratiapparat sparren... RAV-Kasse-SECO, das ganze in eine Organisation Intergrieren, weniger Bürokratie, kommt nicht immer mit der Privatsphäre, wenn ich nach 3Jahren Arbeitslos werde muss ich erst 100Dokumente einschicken bis dies geprüft ist dauert es 1-2Monate in den ich kein Geld erhalte... Das könnte man alles vereinfachen...

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