Initiative «gegen Massentierhaltung»

17. September 2019 04:48; Akt: 17.09.2019 09:02 Print

Schweizer Schwein – glücklich oder arme Sau?

Die Massentierhaltungsinitiative verlangt, dass die Bauern Tiere nur noch nach Bio-Standards halten. Für Schweine würde sich einiges ändern.

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Mehr Auslauf, mehr Platz und anderes Futter: Am Dienstag reichen Tierfreunde in Bern die Initiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz» ein. Ihr Ziel: Nach einer Übergangsfrist von 25 Jahren müssen alle Landwirtschaftsbetriebe die Tiere nach den heutigen Bio-Suisse-Richtlinien halten. Diese Standards sollen auch für importiertes Fleisch gelten.

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Am Beispiel des Schweins – mit 21,6 Kilo pro Kopf und Jahr wird hierzulande am meisten Schweinefleisch gegessen – zeigt 20 Minuten, wie die Initianten die Landwirtschaft auf den Kopf stellen wollen.

Platz und Auslauf

0,9 Quadratmeter – so viel Fläche hat ein Schwein heute in der konventionellen Landwirtschaft mindestens zugute. Ein Bio-Schwein hat dagegen eine Fläche von 1,65 Quadratmetern garantiert, ein Teil davon ist Auslauf. Zudem können die Tiere auf Stroh liegen. Für Initiantin und Grünen-Politikerin Meret Schneider das absolute Minimum: «Schweine sind hochintelligent und haben ähnliche Bedürfnisse wie Hunde. Würde man einen Golden Retriever so halten wie Schweine, wäre der Aufschrei riesig.» Ein Schweizerkreuz auf der Packung sei keine Garantie für glückliche Tiere.


So viel Platz haben Schweizer Schweine. (Grafik: Bundesamt für Landwirtschaft)

Futter

Heute stammt fast die Hälfte der Energie des Schweinefutters aus importierten Futter: Schweine brauchen in der Mast viel Eiweiss, weshalb etwa Soja verfüttert wird. Dieses kommt laut den Initianten häufig aus Monokulturen. Bio-Schweine hingegen erhalten täglich Gras, Heu oder Ackerkultur. Das Futter muss hauptsächlich aus Bio-Anbau kommen.

Anzahl Tiere

Die Initianten wollen nur noch 20 Tiere pro Schweinebucht zulassen. Ein Betrieb könnte aber mehrere Gruppen auf unterschiedlichen Weiden halten. Das Gesetz lässt heute bis zu 2000 Ferkel bis 35 Kilogramm zu. Mehr als 1500 Tiere halten aber nur acht Schweizer Betriebe. Die meisten Betriebe halten weniger als 50 Schweine. «Die Schweiz ist weltweit das einzige Land, das überhaupt Höchstbestände kennt», sagt Markus Ritter, Präsident des Bauernverbandes.

Preis

Heute kostet das Kilo Schweinsnierstück rund 35 Franken, Bio sind es etwa 45 Franken. Die Initianten rechnen mit leicht steigenden Fleischpreisen. Für Schneider nicht schlimm: Fer Fleischkonsum sei heute schon aus Klimaschutz-Gründen zu hoch. «Fleisch wird etwas teurer, dafür wird der Konsum bewusster.» Laut Bauern-Präsident Markus Ritter wären aber auch die Biobauern die Verlierer: «Die Preise würden für die Konsumenten steigen, aber die Biopreise kämen unter Druck.» Der Grund: Die Biobauern könnten sich in diesem Bereich nicht mehr von der übrigen Produktion abgrenzen.

«Man muss akzeptieren, dass nicht alle Bio kaufen wollen»

Für Schneider ist klar, dass sich die Schweiz in der Tierhaltung nicht am Ausland orientieren dürfe: «Die Schweiz hat eine Vorreiterrolle.» Ritter hofft dagegen, dass das Volk die Initiative ablehnen wird: «Ich bin selbst Biobauer und habe Freude an Bio. Aber man muss akzeptieren, dass nicht alle Bio kaufen wollen oder sich Bio leisten können.» Die Initianten hätten eine sehr ideologische Weltanschauung.


«Einkaufstourismus würde massiv angeheizt»

Heinrich Bucher, Direktor des Fleischverbandes Proviande, lehnt Bio-Standards in der Schweinemast ab.

Herr Bucher, weniger als zwei Prozent der geschlachteten Schweine sind heute Bio. Warum?
Offenbar ist die Rentabilität nicht gegeben. Gäbe es eine grössere Nachfrage, würden mehr Bauern auf Bio umstellen. Schwierig ist die Futterbeschaffung, da man kein Futter zukaufen kann und mit Getreide füttert. Allgemein gilt: Schon heute kann der Konsument Bio-Qualität kaufen – egal ob bei der Milch, den Eiern oder dem Fleisch. Die Nachfrage stösst aber an Grenzen: Es gibt Detailhändler, die ihre Tierwohllabels herunterfahren und Günstiglinien ausbauen.

Haben Schweine mit 0,9 Quadratmeter pro Tier zu wenig Platz?
Der Mindeststandard ist höher als im benachbarten EU-Ausland, zu dem wir in Konkurrenz stehen. Schweine werden in Gruppen gehalten und nicht in kleinen Boxen – die 0,9 Quadratmeter relativieren sich so.

Wie würden sich denn die Preise entwickeln, wenn alle Bauern Bio produzieren müssten?
Das hätte enorme Auswirkungen auf den Markt. Die Preise würden sich bei den tierischen Produkten in Richtung der heutigen Bio-Preise entwickeln. Wir haben schon heute doppelt so hohe Fleischpreise wie das benachbarte Ausland. Der Einkaufstourismus würde massiv angeheizt. Hinzu kommt, dass auch Importe die gleichen Standards erfüllen würde. Damit würde die Schweiz WTO-Verträge verletzen.

Die Initianten werfen ihnen vor, Soja aus Brasilien zu verfüttern, dessen Anbau in der Amazonas-Region Schäden anrichtet.
Es stimmt, dass Soja aus Brasilien importiert wird. Dieser ist aber zertifiziert, sodass für den Anbau kein Regenwald gerodet wurde. Die Branche sucht weiter nach Alternativen in Europa.

(daw)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Negan am 17.09.2019 06:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gut so

    Wem bewusst wird, dass für Fleisch vorher ein Tier lebte, das nicht mehr lebt, der soll dem Tier wenigstens ein schönes Leben gönnen.

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  • SquishyMuffinz am 17.09.2019 06:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zumutbar

    Sogar ich als gelegentlicher Fleischkonsument finde das deutlich zu wenig. Wenn ihr Fleisch kauft, kauft es wenigstens zu seinem stolzen Preis und nichts aus Massentierhaltung zu Billigpreisen. Möchte mal sehen wie ein Mensch sich fühlen würde, wenn er sein Leben lang 0.9 Quadratmeter zur Verfügung hat. Nur weil es ein Tier ist heisst das nicht, dass ein Schwein keine Gefühle haben kann und sich der Lage anpasst.

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  • Xsasan am 17.09.2019 06:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sinnvollste Initiative seit Jahren

    Bio sollte kein Label, kein "Luxus", sein, sondern ganz normal - Standard eben. Und die Initiative geht genau den richtigen Weg, weil auch importierte Lebensmittel diese Qualität aufweisen müssen. Genau zur richtigen Zeit, weil das Freihandelsabkommen in der Pipeline steht!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • F. Locher am 17.09.2019 20:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ausrede

    Frage an Bucher: Haben Schweine mit 0,9 Quadratmeter pro Tier zu wenig Platz? Superantwort von Bucher: der Mindeststandard ist höher als im benachbarten EU-Ausland... das ist aber keine Antwort sondern eine Ausrede

  • Liberterer am 17.09.2019 20:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Handlung

    Massentierhaltung kommt von der überbevölkerung, daher müsssen die gegner der überbevölkerung für das fleisch mehr bezahlen beim verbot und die schon jahrzehnte lange warner und begrenzer den gleichen preis wie heute! Jeder bürger bekommt ein ausweis und muss beim metzger vorgezeigt werden!

  • Felix am 17.09.2019 19:39 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt Mensch UND Tier gegenüber

    Die meist nicht tiergerechte Haltung ist ein Problem.Ein Anderes, egal wie gut, oder eben wie ungut diese Tiere gehalten werden, muss das eigene Fleisch-Essverhalten absolut hinterfragt werden.Nicht nur, dass besonders in importiertem Fleisch viele unerwünschte Medikamente (z.B.Antibiotika u.a.)vorhanden sind.Klar, wird dem Konsumenten gesagt, dass das alles "vernachlässigbare Mengen"seien;nur kommt's auch da wieder auf die Menge die konsumiert wird an.Weiteres Problem stellt, wie man längstens weiss, das Umweltbelastende Problem dar.Dazu gehören die Ausscheidungen der Tiere in Massenhaltung.

  • René am 17.09.2019 19:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Test

    Wäre noch spannend zu sehen, wieviele noch Fleisch essen würden, wenn sie das Tier selbst aufziehen, pflegen, füttern und dann töten, ausweiden, schlachten und dann kochen müssten. Ich vermutlich nicht!

  • Susi N am 17.09.2019 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bitte schneller

    Das find ich mal eine Klasse Initiative. NUR!!! Warum braucht das 25 Jahre? Das sollte schon in 5-10 Jahren möglich sein. Alles andere ist doch ein Witz.