Pläne der EU

04. Februar 2020 11:36; Akt: 04.02.2020 11:55 Print

Schweizer Studios zittern wegen Farbtattoo-Verbot

Eine Agentur der EU will Pigmente verbieten, die für Farbtattoos benötigt werden. Zieht die Schweiz nach, sehen Tätowierer ihr Gewerbe in Gefahr.

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Was auf der Haut schädlich ist, kann auch in der Haut nicht unbedenklich sein. So argumentieren die Experten der Europäischen Chemikalienagentur, die rund 4000 Stoffe verbieten lassen wollen, darunter die wichtigen Tattoo-Pigmente Green 7 und Blue 15. Die Antragsteller argumentieren, dass einige der Stoffe für die Verwendung auf der Haut oder in den Haaren bereits beschränkt oder verboten seien. Um ein Verbot der zwei Pigmente Blue 15 und Green 7 zu verhindern, hat Tätowierer Jörn Elsenbruch eine Petition gestartet. Er befürchtet, dass Tätowierer auch bei einem Verbot nicht auf die Pigmente verzichten würden. Vielmehr würden sie sie kurzerhand aus dem Ausland importieren, was noch problematischer sein könnte, da Zusammensetzung und Herkunft der farbgebenden Substanzen dann oft nicht klar sei. Ob der Antrag der EU-Behörde angenommen wird, ist offen. Fest steht aber, dass Tattoo-Tinte nicht für immer dort bleibt, wo sie der Tätowierer in die Haut einbringt. Vielmehr lösen sich kleinste Partikel aus den Kunstwerken heraus und wandern durch den gesamten Organismus. Sie reichern sich schliesslich vornehmlich im Lymphsystem an – und zwar in anderer Form, als sie in die Haut gesetzt werden: als Nanopartikel. Das könnte aus Sicht von Forschern problematisch sein, denn mit der Grösse der Partikel verändern sich auch ihre chemisch-physikalischen Eigenschaften. In welcher Form, ist noch unklar. Doch auch ohne die Partikelwanderung hat der permanente Körperschmuck Schattenseiten. Das besagt zumindest eine US-Studie: Die Tattoo-Tinte reduziert die Schweissabsonderung und verändert die Zusammensetzung des Drüsensekrets. In der Untersuchung brachten die Forscher ... ... zehn Männer zum Schwitzen, nahmen Schweissproben und verglichen diese. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass die Probanden ein Tattoo am Oberkörper haben. Zudem musste die tätowierte Stelle ein nicht tätowiertes Pendant auf der anderen Körperseite haben – der besseren Vergleichbarkeit wegen. Die Forscher gehen davon aus, dass Tätowierungen die Beschaffenheit der Haut dauerhaft verändern und die Farbe die Schweissdrüsen blockiert. Dies sei möglich, weil die Tattoo-Tinte in dieselben Hautschichten injiziert wird, in denen auch die Schweissdrüsen sitzen. Ergebnis: Die tätowierten Stellen sonderten rund 50 Prozent weniger Schweiss ab als die nicht tätowierten. Zudem enthielt ihr Schweiss fast doppelt so viel Natrium. Das ist gesundheitlich nicht unproblematisch. Schliesslich dient das Schwitzen dazu, den Körper bei körperlicher Anstrengung oder hohen Temperaturen herunterzukühlen.

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Die Schweizer Tätowierer sind in Aufruhr. Grund ist, dass die Europäische Chemikalienagentur (Echa) rund 4000 Inhaltsstoffe verbieten will, die in Permanent Make-up und Tattootinte vorkommen. Alle stehen unter Verdacht, krebserregend, erbgutverändernd, hautreizend oder augenschädigend zu sein. Darunter auch das Pigment Blue 15, das als Grundstoff vieler Tattoofarben dient. Nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren, in welcher nach unproblematischen Alternativen geforscht werden soll, würde das Pigment EU-weit verboten.

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Luc Grossenbacher, Präsident des Verbands der Schweizer Berufstätowierer, sieht die Zukunft seiner Zunft in Gefahr: «Wird Blue 15 auch in der Schweiz verboten, können wir künftig sozusagen keine farbigen Tattoos mehr stechen, weil das Farbspektrum dadurch extrem eingeschränkt würde. Alternativen zu dieser Farbe gibt es bislang keine.» Das hätte Folgen für die Studios: «Obwohl Black-&-Grey-Tattoos derzeit im Trend sind, werden nach wie vor rund die Hälfte aller Tattoos in Farbe gestochen. Fällt diese Einnahmequelle weg, bedroht das die Existenz diverser Tattookünstler.»

«Wären alle längst tot»

Dass das Pigment, welches die EU-Kommission verbieten will, gesundheitsschädigend sein soll, glaubt Grossenbacher nicht: «Viele ältere Tätowierer wie ich tragen seit 40 Jahren Farbstoffe unter der Haut, die mittlerweile verboten sind. Wären sie gesundheitsschädigend, wären wir alle längst tot.» Der Verbandspräsident und Inhaber des Studios Lacky’s Tattoo Shop in Grenchen ist überzeugt: «Tattoos haben nur dann eine gesundheitsschädigende Wirkung, wenn unsauber gearbeitet wird oder wenn Leute sich die Tattoos wieder weglasern lassen.»

Denn dabei würden die Farbpigmente zerstört und in kleinere Nanopartikel gespalten, die dann über das Lymphsystem im Körper abgebaut werden. «Erst beim Lasern entstehen krebserregende Stoffe. Wer seine Tattoos bei einem seriösen Anbieter stechen lässt und sie danach auch behält, setzt sich keiner Gefahr aus», sagt Grossenbacher.

Er und seine Verbandsmitglieder unterstützen deshalb die Petition der Deutschen Organisierten Tätowierer (DOT), der sich gegen das Verbot der EU wehrt. Der DOT ist der älteste Berufsverband deutscher Tätowierer. Seit dem 15. Januar hat der Verband für eine Onlinepetition bereits mehr als 127'000 Unterschriften gesammelt. Sollte ein Verbot auch in der Schweiz kommen, kündigt Verbandspräsident Grossenbacher Widerstand an.

«Hersteller sollen haften»

Eine andere Gesetzesänderung sei aber durchaus im Sinne der professionellen Tätowierer: «Wir fordern seit Jahren, dass die Hersteller von Tattoofarben strenger kontrolliert und für die Inhaltsstoffe ihrer Farben haftbar gemacht werden», sagt Grossenbacher, der seit 1980 tätowiert.

Ebenfalls unglücklich über die aktuelle Situation ist Marco Frömcke, der seit 2013 in Liestal den Onlineshop Tattoo Needs betreibt. Er vertreibt alles rund um das Tätowieren – darunter auch Tattoofarben von diversen Anbietern. Seit er seinen Shop eröffnet habe, sei die Nachfrage nach Tattoobedarf regelrecht explodiert.

«Verbote sind der falsche Weg»

Über die geplanten Verbote in der EU macht Frömcke sich noch nicht allzu viele Sorgen: «Erst muss die EU dem Vorschlag der Kommission folgen, dann werden wir sehen, ob die Schweiz mitzieht.» Verbote sind für Frömcke grundsätzlich nicht der richtige Weg: «Wichtiger wäre, dass die Hersteller besser kontrolliert werden und die Tätowierer ihren Job seriös machen.»

In der Schweiz ist das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) zuständig. Eine Sprecherin sagt auf Anfrage: «Zuerst muss die EU entscheiden, ob das Verbot verabschiedet wird. Eine Übernahme des Verbots für die Schweiz werden wir prüfen, sobald dieser Entscheid gefällt wurde.» Laut Mitteilung der Chemikalienagentur soll das Verbot noch im Februar mit den EU-Mitgliedsstaaten diskutiert werden.

(dgr)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Steven am 04.02.2020 12:40 Report Diesen Beitrag melden

    Tja tja

    Komisch, sobald die EU neue Verbote einführt ist die Schweiz meist an vorderster Front dabei, aber sobald mal was gelockert wird oder im Sinne der Konsumenten gemacht wird, wie Roaming-Gebühren Abschaffung, da wird dann (von den Politikern/& Lobbyisten) nicht einfach die neuen EU Gesetze übernommen und die eigene Schweizer Gesetze beibehalten,.. warum wohl? Tja ...

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  • Airberlin500 am 04.02.2020 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    Brüssel?

    Wir sind nicht! in der EU!

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  • Röbi am 04.02.2020 11:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zeigt mal Mut

    Wieso müssen wir machen, was die EU will? Wir sind ja noch selbständig, sonst machen wir uns selbständig

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Nic Megert am 05.02.2020 22:07 Report Diesen Beitrag melden

    Nie in die EU

    Grundsätzlich ist das Leben sehr gefährlich. Es endet ausnahmslos mit dem Tod. Ob mit oder ohne Farbe auf der Haut. Die Pomes Frittes hat die unsägliche EU auch schon zensiert. Die dürfen seit 2 Jahren nur noch ganz kurz fritiert werden weil goldene Fritten ungesund seien. Mein Opa hat seit seinem 16. Lebensjahr 2 Päckli Zigis geraucht und goldene Fritten gegessen und trozdem wurde er 95 Jahre alt. Er war kein Tag im Altenheim und bis am Ende absolut klar im Kopf.

  • Vasall am 05.02.2020 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    Einmalig

    Die EU ist die einzige Grossmacht, die ihre eigene Gesetzgebung auch auf souveräne Drittstaaten auslegt. Sowas ist einmalig. Nicht einmal China nimmt sich so etwas raus.

  • das Klientel am 05.02.2020 16:58 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach nicht

    beim Stechen zittern, danke!

  • pika am 05.02.2020 16:49 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist denn nicht Krebserregend?

    Zum Glück wird meines bald fertig! Ich finde Alkohol und Töffahren auch ungesund - aber das interessiert niemanden!

  • Mary Jane am 05.02.2020 16:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lasst den Mensch tun was er tun will

    Tattoos sind wie Zigaretten, Alkohol, Cannabis etc. Der Mensch selber kann entscheiden ob er die "Gefahr" eingeht ein Tattoo zu stechen oder nicht! Schlimmer finde ich es hingegen bei den ganzen Düngermitteln etc. bei denen dem Menschen keine Wahl gegeben wird ob er sich nun vergiften will oder nicht! Auch Bio ist nicht viel besser! Da sollte die EU lieber mal anfangen zu verbieten!

    • nur keinen anderen schädigen am 05.02.2020 17:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Mary Jane

      Zigaretten muss schädigen passiv ..... genauso schlimm wie der Dünger

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