«Nichts zu verbergen»

03. Juni 2019 11:41; Akt: 03.06.2019 13:42 Print

Schweizer tracken den Partner per GPS

Als Beweis für den Seitensprung oder weil man «nichts zu verbergen hat»: Die GPS-Überwachung ist verbreitet. Dies sei nicht sinnvoll, sagt eine Paarberaterin.

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Die App Find My iPhone ist zur GPS-Ortung bei Paaren beliebt. Einige tauschen die Zugangsdaten aus, um den Standort des Partners zu ermitteln. «Ich kontrolliere gelegentlich meinen Freund, um zu schauen, wo er ist und was er treibt», sagt etwa die 24-jährige Aurora. Für Patricia (35) spielt die Vertrauensfrage eine wichtige Rolle: «Ich wurde nur verarscht und belogen. Ich traue niemandem mehr, ohne dass er sich das über lange Zeit verdient hat.» Und für Tom ist klar: «Ich habe sowieso nichts zu verheimlichen.» Neben Apps sind auch physische Tracker beliebt, um den Partner zu überwachen, bestätigt Guido Honegger von der Firma Tracker.ch. «Die Verkäufe von kleinen Trackern, die in die Handtasche gelegt oder ans Auto geheftet werden, ist in den letzten Jahren rasant gestiegen.» Letztes Jahr habe er geschätzt 1500 solcher Mini-Tracker verkauft. «Beziehungen sind nicht mehr in Stein gemeisselt. Bei Paaren kann durch die digitalen Optionen und die leichte Verfügbarkeit, jemand Neues kennenzulernen, die Angst aufkommen, das Gegenüber könnte einen ‹noch besseren Partner› finden», sagt Belinda Daniele, Paarberaterin im BeratungsRaum 7. Dies habe zur Folge, dass Paare schneller misstrauisch und eifersüchtig würden. «Manche Partner wollen ihren Partner dann durch Überwachung im Griff haben», sagt Daniele. Für Jugendkulturforscher Philipp Ikrath ist die Preisgabe des GPS-Standorts des Partners ein Phänomen des Zeitgeistes: «Transparenz gilt ja heute als etwas absolut Erstrebenswertes. Wer Geheimnisse hat, ist verdächtig, wer alles von sich preisgibt, hat hingegen scheinbar nichts zu verbergen», sagte er zum deutschen Magazin «Ze.tt».

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Anja Graf (42) ist Unternehmerin in der Immobilienbranche und seit einigen Wochen Jurymitglied in der TV-Show «Die Höhle der Löwen Schweiz». Seit rund zwei Jahren ist die vierfache Mutter mit dem Rumänen Alex Enache (25) verlobt. Wie sie in der Sendung «Lifestyle» von TeleZüri zugibt, ist sie eifersüchtig – und oft auf Reisen. Daher habe sie einen Location-Tracker auf seinem Smartphone installiert, damit sie stets sehen könne, wo er sich befinde. «Er weiss das, und es ist für ihn okay», sagt Graf.

Auch einige 20-Minuten-Leser wissen zu jeder Zeit, wo sich ihr Partner befindet. «Ich kontrolliere gelegentlich meinen Freund, um zu schauen, wo er ist und was er treibt», sagt etwa die 24-jährige Aurora. Und auch Sandra (33) verfolgt ihren Freund via Tracking-App. «Hauptsächlich deshalb, weil ich mir so Anrufe und Whatsapps wie ‹wann bist du zu Hause?› oder ‹wo bist du?› sparen kann.»

«Ich traue niemandem»

Für Patricia (35) spielt die Vertrauensfrage eine wichtige Rolle: «Ich wurde nur verarscht und belogen. Ich traue niemandem mehr, ohne dass er sich das über lange Zeit verdient hat.» Und für Tom ist klar: «Ich habe sowieso nichts zu verheimlichen.»

Einige Paare erlauben sich gegenseitig, auf Tracking-Apps zuzugreifen. Joey (26) und seine Freundin (24) benutzen etwa die Funktion Find my iPhone. «Die Erlaubnis entstand durch Vertrauen. Es ist uns einfach nicht angenehm, falls mal wirklich ein Ernstfall eintrifft.» Andere hingegen orten den Partner ohne dessen Wissen. Michèle etwa installierte eine Ortungs-App ohne das Wissen ihres Freundes auf dessen Handy, «nicht um ihn zu kontrollieren, sondern um sicher zu sehen, wo er war».

Auch physische Tracker sind beliebt

Neben Apps sind auch physische Tracker beliebt, um den Partner zu überwachen, bestätigt Guido Honegger von der Firma Tracker.ch. «Die Verkäufe von kleinen Trackern, die in die Handtasche gelegt oder ans Auto geheftet werden, ist in den letzten Jahren rasant gestiegen.» Letztes Jahr habe er geschätzt 1500 solcher Mini-Tracker verkauft.

Die Kunden machten meist auch keinen Hehl aus der Absicht ihres Kaufes, sagt Honegger. In vielen Fällen wisse der Partner nichts vom Einsatz des Trackers. «Es geht oft darum, Beweise für den Seitensprung zu sammeln.» Mehr als auf den Datenschutz hinweisen könne man da leider nicht, sagt Honegger. Aufgrund dieser Bedenken hat Honegger auch schon daran gedacht, jene Tracker, die sich gezielt für die Überwachung des Partners eignen, aus dem Sortiment zu nehmen.

Eifersucht ist grösser als früher

Doch warum überwachen sich Paare und warum geben sie sogar teils freiwillig ihren Standort preis? «Beziehungen sind nicht mehr in Stein gemeisselt. Bei Paaren kann durch die digitalen Optionen und die leichte Verfügbarkeit, jemand Neues kennenzulernen, die Angst aufkommen, das Gegenüber könnte einen ‹noch besseren Partner› finden», sagt Belinda Daniele, Paarberaterin im BeratungsRaum 7. Dies könne zur Folge haben, dass Paare schneller misstrauisch würden. Besonders betreffe es Menschen mit wenig Bindungssicherheit. «Manche Partner wollen ihren Partner dann wegen ihrer Angst durch Überwachung und Kontrolle im Griff haben.»

Für Jugendkulturforscher Philipp Ikrath ist die Preisgabe des GPS-Standorts des Partners ein Phänomen des Zeitgeistes: «Transparenz gilt ja heute als etwas absolut Erstrebenswertes. Wer Geheimnisse hat, ist verdächtig, wer alles von sich preisgibt, hat hingegen scheinbar nichts zu verbergen», sagte er zum deutschen Magazin «Ze.tt».

Kontrolle ist nicht gleich Liebe

Aber auch in gegenseitigem Einvernehmen benutzte Tracker sind laut Daniele keine sinnvolle Lösung, um am Vertrauen zu arbeiten. «Sie verhindern eine echte Auseinandersetzung, sowohl innerhalb der Beziehung als auch mit sich selbst im Umgang mit Ängsten, Eifersucht oder Selbstwert», hält sie fest. Zudem sei es auch gut, wenn jeder seinen eigenen Raum habe und nicht über jede Minute Rechenschaft ablegen müsse. «In einer Beziehung braucht es sowohl Erregung als auch Vertrauen. Wenn man weiss, dass der Partner auch noch seine eigene Zeit und seinen Raum hat, bleibt er auch für den anderen spannend. Das macht einen Teil der Attraktivität aus.»

Daniele rät von Trackern ab. «Das Gegenteil von Liebe ist Kontrolle.» Wer seinem Partner nicht vertraue, solle das Misstrauen offenlegen und mit dem Partner besprechen. «Vielleicht muss das Paar an der Kommunikation arbeiten und sich besser absprechen. Möglich ist auch, dass jemand mehr Anerkennung, Nähe, Komplimente oder Wertschätzung braucht, um Vertrauen aufbauen zu können.»

(dk/bz/pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • toni m. am 03.06.2019 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    ohne vertrauen keine beziehung

    würde bei mir das sein, würde ich mich sofort trennen!

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  • Carlo S. am 03.06.2019 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    So was von armselig!

    Das ist etwas vom armseligsten das es gibt. Null Vertrauen, diejenigen die das nötig haben sollten am besten nie einen Partner haben.

  • Andrea am 03.06.2019 11:54 Report Diesen Beitrag melden

    Typisch Frauen

    Auf solche Ideen kommen nur Frauen, komischerweise sind diese statistisch gesehen aber öfter untreu, lassen sich aber nicht so leicht erwischen

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Die neusten Leser-Kommentare

  • free willi am 04.06.2019 16:24 Report Diesen Beitrag melden

    vertrauen & freiheit

    den partner zu tracken käme mir überhaupt nicht in den sinn und selber liesse ich es nicht zu. die vorstellung dies zu tun ist mir nicht recht und ich denke es verändert vieles. es ist doch schön abends einander zu erzählen was man gemacht hat und sich noch vertrauen zu können ohne genau zu wissen was der andere wo tut. wer sich gerne einengen lässt oder wer auf überwachung steht statt auf freiheit und vertrauen soll sich ruhig tracken lassen. dass dies ein gewinn ist für die beziehung wage ich zu bezweifeln

  • Geossmutter am 03.06.2019 23:36 Report Diesen Beitrag melden

    Freiheit

    Wo kein Vertrauen, da keine Beziehung meiner Meinung. Zum Glück sind mein Mann weder vom Handy noch von uns gegenseitig abgängig ;) und geniessen miteinander und jeder für sich unsere Freiheit.

  • Kuno Lebermatteb am 03.06.2019 23:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kommt darauf für was man es braucht

    Mir ist es lieber zwei die so ihren Alltag planen tracken sich anstatt dann im Zug diese unsäglichen Telefongespräche anhören zu müssen: Ja Schatz, bin im Zug und in 1 Minute am Bahnhof. Dann nehme ich den Bus und bin in 11 Minuten zuhause.

    • Urs F. am 04.06.2019 13:13 Report Diesen Beitrag melden

      Ja Schatz, bin im Zug und in 1 Minute am Bahnhof

      ist eben auch Ueberwachung ...... ohne dass es die meisten Leute realisieren. Der Partner MUSS sich melden, sobald er mit dem Zug ankommt. Wieso dürfte klar sein :-)

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  • Nugattime am 03.06.2019 23:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tracking

    Eifersucht ist eine Leidenschaft die mit Eifer sucht und Leiden schafft

  • Ki am 03.06.2019 22:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Safety last

    Aber immer jammern wegen privat sphäre spionage und co dann so eine tracking app sicher ist jene total sicher vor dritten.