Mehr Eigenverantwortung

21. März 2011 17:53; Akt: 21.03.2011 18:12 Print

Schweizer sind schlechte Lawinenhelfer

Hierzulande dauert die Rettung nach einem Lawinenabgang vergleichsweise länger als in Kanada. Das mindert die Überlebenschancen deutlich.

So schnell ist es passiert: Verbier, 14. März 2006, nahe der markierten Piste, Lawinenwarnstufe 3 (erhebliche Gefahr). (Video: Youtube)
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In Kanada sterben Menschen laut einer Studie in einer Lawine nach kürzerer Zeit als in der Schweiz. Das ist die Grunderkenntnis einer neuen Studie. Trotzdem sind die Chancen, das Unglück zu überleben, in beiden Ländern gleich hoch. Denn in der Schweiz dauert es länger, bis Verschüttete aus der Lawine befreit werden. Forscher aus Kanada, Italien und der Schweiz untersuchten rund 1250 Lawinenunglücke aus den Jahren 1980 bis 2005, in denen Verunglückte von den Schneemassen vollständig begraben wurden. Rund 300 Unglücke waren in Kanada passiert, 950 in der Schweiz, wie die Forscher im Fachmagazin «Canadian Medical Association Journal» schreiben.

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Die Studie, an der auch das Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung beteiligt war, fand bei den kanadischen Opfern ein deutlich rascheres Absinken der Überlebenskurve. In der Schweiz überlebten zum Beispiel rund 80 Prozent jener Menschen, die 15 Minuten unter dem Schnee begraben lagen - in Kanada waren es nur 40 Prozent. Nach 30 Minuten lag die Überlebensrate in der Schweiz noch bei etwa einem Drittel, in Kanada unter zehn Prozent. Die Studie zeige drei Gründe für diese unterschiedlichen Überlebenschancen, sagte Hauptautor Pascal Hägeli, ein Schweizer, der an der Simon Fraser University im kanadischen Burnaby forscht.

Zuviel Bäume, zu schwerer Schnee

Der erste Grund ist, dass in Kanada sehr viel mehr in bewaldeten Gebieten Ski gefahren wird als in der Schweiz. Das führt laut Haegeli wohl dazu, dass mehr Lawinenopfer beim Sturz Verletzungen erleiden und daran schon nach kurzer Verschüttungsdauer sterben. In Kanada liegt die Zahl der Verletzungstoten bei Lawinenunglücken laut Hägeli bei etwa 25 Prozent. Für die Schweiz liegen zwar keine genauen Daten vor - doch eine Studie in Österreich kam nur auf etwa 6 Prozent. Die Verhältnisse in der Schweiz seien wohl mit jenen in Österreich vergleichbar, sagte Haegeli.

Der zweite Grund für den Überlebensunterschied ist, dass es in Kanada aufgrund der Meernähe Regionen mit schwererem Schnee gibt als in der Schweiz. Hier tritt der Erstickungstod rascher ein. «In den Küstenregionen sterben die Menschen sehr, sehr schnell, sie werden sozusagen von weissem Zement erdrückt», sagte Jeff Boyd, ein Mitglied des Forschungsteams, gegenüber der «Vancouver Sun». Der dritte Grund sind die längeren Distanzen in Kanada: Rettungsteams treffen später ein, und der Transport zum nächsten Spital dauert länger.

Kanadier wissen einander zu helfen

Trotzdem überleben laut der Studie in Kanada etwa gleich viele Verschüttete ein Lawinenunglück wie in der Schweiz. Insgesamt liegt die Überlebensrate in beiden Ländern bei etwa 46 Prozent. Der Grund dafür: In Kanada dauert es im Schnitt deutlich weniger lang als hierzulande, bis ein Verschütteter aus den Schneemassen befreit ist. Die Verschüttungsdauer habe zwar in der Schweiz während der Studiendauer deutlich abgenommen, sagte Hägeli: Sie lag in den 1980er-Jahren bei 43 Minuten, in den 1990er-Jahren bei 35 Minuten und ab dem Jahr 2000 noch bei etwa 30 Minuten. Doch in Kanada war sie über die ganze Studiendauer bei 18 Minuten - deutlich kürzer.

Über die Gründe dafür könne er nur spekulieren, da er keine Daten dazu habe, sagte Haegeli. Er glaube aber, dass der Unterschied vor allem auf das grössere Eigenverantwortungsbewusstsein in Kanada zurückzuführen sei. Es sei dort absolut klar, dass man beim Skitourenfahren auf sich selbst gestellt sei. Entsprechend hohen Stellenwert in der Ausbildung geniesse die Kameradenrettung und sie werde auch regelmässig geübt, sagte der Forscher. Möglicherweise verlasse man sich in der Schweiz etwas mehr auf die organisierte Bergrettung.

«Wir sind es gewohnt, in abgelegenen Regionen skizufahren und absolvieren deshalb eine Lawinenausbildung. Wir wollen nicht warten, bis Hilfe von aussen kommt», sagte Boyd. «Die Menschen hier wissen, dass ihre Freunde oft ihre einzige Chance sind, eine Lawine zu überleben», ergänzte Hägeli.

(kri/sda)