Oberst führt Nato-Truppe

12. Dezember 2011 23:19; Akt: 13.12.2011 11:20 Print

Schweizer sorgt für Premiere im Kosovo

von Roland Schäfli, sda - Erstmals seit der Gründung der Eidgenossenschaft kommandiert ein Schweizer eine bewaffnete Einheit der NATO. Oberst Conrad soll für Frieden im Kosovo sorgen.

Oberst Conrad gibt einen Einblick in seine Tätigkeit im Kosovo. (Quelle: Keystone)
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Erstmals seit Beginn des KFOR-Einsatzes im Kosovo fahren Schweizer vom als sicher geltenden Süden in den «heissen» Norden. Erstmals sind die Swisscoy-Soldaten in grösseren Verbänden der NATO eingesetzt. Und ebenso ist es das erste Mal überhaupt, dass ein Schweizer bewaffnete Truppen der NATO führt: der Zürcher Oberst Adolf Conrad.

Bevor er aus dem Dienstwagen steigt, lädt er einen Munitionsclip in die verdeckt getragene Pistole. Dann marschiert Oberst Adolf Conrad schnurstracks auf die Strassensperre (Roadblock) zu: ein Schutthaufen auf der nördlichen Seite der Austerlitz-Brücke. Hier, im «Pièce de Résistance» der geteilten Stadt Mitrovica, haben sich die Serben symbolisch eingegraben.

Mit gesundem Menschenverstand

Dem deutschen Kommandanten wurde bei Zupce in den Arm geschossen, doch Conrad verzichtet bewusst auf Helm und Splitterschutzweste. Als wärs ein Sonntagsspaziergang plaudert er mitten auf der Brücke mit einer Polizeistreife.

Dass eine militärische Lösung bei der Aufhebung der Sperren an der Grenze zwischen Kosovo und Serbien nicht zielführend ist, das haben die jüngsten Ereignisse gezeigt. Der Norden ist gesperrt für die KFOR. Jetzt sollen es die Schweizer richten.

«Schweizer Milizsoldaten sind besser als US-Profis»

Die Swisscoy-Soldaten sind aufgrund ihrer guten Verhältnisse zu Einheimischen und ihrer Kenntnis der Schleichwege die einzigen, die die Nordgrenze noch passieren können. Conrad zweifelt darum nicht an der Erfüllung seines Auftrags, der Verhinderung einer Eskalation: «Unser Milizsoldat ist für diese Situation besser beschaffen als ein US-Berufssoldat.»

Per 1. Januar übernimmt die Schweiz von Frankreich das Kommando über die «Liaison and Monitoring Teams» (LMT) im Norden. Man könnte diese Soldaten uniformierte Diplomaten nennen. Der Tessiner Stefano Malpangorri, im Zivilleben Jurist, führt in Mitrovica ein LMT-Trupp. Jüngst haben ihn Einheimische gerufen, als ein Massengrab in einer früheren serbischen Fabrik entdeckt wurde. Man vertraute dem Schweizer, dass er die richtigen Amtsstellen informiert.

Die Augen und Ohren der KFOR

Die LMT sind jetzt die Augen und Ohren der KFOR, die ihre Bewegungsfreiheit eingebüsst hat. Es sind die Schweizer, die den Puls der Bevölkerung fühlen, die Eskalation voraussagen sollen. Ihre Rapporte beeinflussen, welche Mittel die NATO-Truppen einsetzen. Conrad nennt seine Männer «die Rauchmelder der KFOR». Und merkt an, dass die Teams zu dünn besetzt sind. Die Rekrutierung in der Schweiz läuft schleppend, und dass die NATO-Verbündeten die Gesamtzahl von 5500 Soldaten sukzessive halbieren, spüren die Schweizer an allen Ecken und Enden.

Mitrovicas Bürgermeister, ein Hardliner der serbischen Sache, verweigert das Gespräch mit der KFOR und ist in diesem politischen Katz-und-Maus-Spiel eine zentrale Figur. Conrad versucht fast täglich, mit ihm zu sprechen, ebenso wie mit den zwei weiteren serbischen Bürgermeistern, die als Wortführer im Zollstreit auftreten.

Sie rufen ihre Landsleute zum offenen Widerstand gegen die KFOR auf und befehligen die militanten Demonstranten. Um kosovarische Zölle zu umgehen, pflügen sie Strassen durch die Wälder, «Bypass» nennt das das Militär. Den politischen Führern steht offenbar unbegrenzt Material zur Verfügung, um diese Pisten anzulegen.

Winter als Verbündeter

In seinen Verhandlungen hat Oberst Conrad nun einen neuen Verbündeten: den Winter. Der Schnee wird Bypässe bald unpassierbar machen und die Bürgermeister an den Verhandlungstisch zwingen, hofft er. Eine erste Vereinbarung konnte Conrad abschliessen, es hat die Situation beruhigt. Die serbische Presse preist den Schweizer Oberst als Friedensstifter. Man kann allerdings davon ausgehen, dass die Ruhe der letzten Tage auch dem Bestreben Serbiens geschuldet war, als EU-Beitrittskandidat aufgenommen zu werden. Offenbar hat der Konflikt die EU nun bewogen, das Anliegen zurückzustellen. Das dürfte die Verhandlungen vor Ort nicht erleichtern.

«Vom Norden hängt alles ab», erklärt Adolf Conrad, dessen Aufgabe schon eher jene eines Parlamentariers ist, der noch dazu ein geschickter Psychologe sein muss. So hat er den Auftrag «KFOR is removing Roadblocks» kurzerhand in «KFOR is supporting Opening of Roads» unbenannt. Diese Auseinandersetzung findet auch in den Köpfen der Kontrahenten statt. Conrads Auftrag hat eine nicht zu unterschätzende politische Fallhöhe. Eine Planung von Massnahmen ist schwierig, denn «ich weiss nicht, was morgen ist», sagt der Offizier, der in zahlreichen Krisengebieten aktiv war und fünf UNO-Missionen absolvierte.

Die Schweizer Armee hat Mühe genügend Personal für die Kfor-Truppe zu rekrutieren:

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(Video: Keystone)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Benjamin Kay am 13.12.2011 12:02 Report Diesen Beitrag melden

    feige Neutralität

    Ich finde es feige hinter dem Deckblatt der Neutralität sich zu verstecken. Indem man nichts macht hilft man indirekt dem Stärkeren. Und der Stärkere ist nicht immer der Gute. Es ist eine sehr noble Aufgabe den Frieden in Kosovo zu sichern und es ist unsere Pflicht als anständige Schweizer Bürger einen solchen Einsatz zu unterstützen und den Schweizer Jungs dort nicht in den Rücken zu fallen.

  • Maurus H. am 13.12.2011 15:58 Report Diesen Beitrag melden

    für einmal sinnvoller Einsatz der Armee

    Es ist unglaublich wie viele Leute den Artikel "lesen", aber dann doch hier Beiträge schreiben, von wegen dem Ende der Schweizer Neutralität usw. Ich bin auch kein Armeefreund, aber das was die Swisscoy im Kosovo macht, bringt es definitiv. Im Gegensatz zu vielen Aktionen der Armee hier in der Schweiz ist das Engagement im Kosovo durchaus sinnvoll und deshalb lohnt sich auch das Geld. Eben durch die Schweizer Neutralität sind die Schweizer dort unten ein verlässlicher Verhandlungspartner zwischen den Fronten!

  • Stefan am 13.12.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Finde ich gut!

    Eine super Sache dass wir unsere Jungs da haben zur Friedensförderung. Ihnen gebührt ein grosses Dankeschön!! Nehmt euch ein wenig zurück mit euren ach so tollen besserwisserischen Kommentaren über Geldverschwendung ect. Unsere Jungs leisten einen grossen Dienst zur beruhigung der Situation und das ist gut so!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • mathis girelod am 13.12.2011 16:38 Report Diesen Beitrag melden

    na klar doch

    «Unser Milizsoldat ist für diese Situation besser beschaffen als ein US-Berufssoldat.» na klar Schweizer haben auch Irak erobert

    • Stefan am 14.12.2011 00:51 Report Diesen Beitrag melden

      Wenn man keine Ahnung hat...

      Der Schweizer Milizsoldat ist darum besser geeignet, da er ein Zivilist in Uniform ist! Ein Berufssoldat, der jahrelang von einer Kaserne und Krisengebiet in das andere verschoben wird, geht mit der Bevölkerung anders um als ein Milizler, der für 6 Monate eine Uniform trägt! Im Kosovo braucht es keine Möchtegern-Rambos, die so verstört und traumatisiert sind, dass sie in jeder Situation hoffnungslos überreagieren. Es braucht Soldaten die offen, überlegt und anständig mit der Bevölkerung umgehen. Ein Vergleich mit dem Irak ist wie ein Vergleich von Äpfel und Birnen.

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  • MR XXX am 13.12.2011 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Hoffnungslos

    Das Problem von Kosovo wird nie gelöst... da schon 1389 auf dem Amselfeld um Kosovo gekämpft wurde. Das Land ist für beide Nationalitäten wichtig. Einerseits beginnt die Geschichte von Serbien dort und andererseits Leben dort über 80% Kosovo Albaner. Ihr denkt würklich das die amerikaner wegen den Leuten dort sind, Falsch gedacht. Bester Beweis Iraq Krieg, wie viel Erdölquellen und Lager haben die Amerikaner in Brand gesteckt und ausgeraubt. Die Amerikaner sind nur an der Lage und den Schätzen des Landes interessiert.

  • Maurus H. am 13.12.2011 15:58 Report Diesen Beitrag melden

    für einmal sinnvoller Einsatz der Armee

    Es ist unglaublich wie viele Leute den Artikel "lesen", aber dann doch hier Beiträge schreiben, von wegen dem Ende der Schweizer Neutralität usw. Ich bin auch kein Armeefreund, aber das was die Swisscoy im Kosovo macht, bringt es definitiv. Im Gegensatz zu vielen Aktionen der Armee hier in der Schweiz ist das Engagement im Kosovo durchaus sinnvoll und deshalb lohnt sich auch das Geld. Eben durch die Schweizer Neutralität sind die Schweizer dort unten ein verlässlicher Verhandlungspartner zwischen den Fronten!

  • Dominik am 13.12.2011 14:06 Report Diesen Beitrag melden

    Neutralität?..blabla

    Das Böse gewinnt Raum durch die Feigheit der Guten Und die Neutralität ist eine Frucht der Feigheit. Die Diplomatische Grundhaltung der Swisscoy im Kosovo ist Lobenswert. Ganz klar, durch solch einen Einsatz steigt auch das internationale Ansehen der Schweiz im Ausland. Alles Gute weiterhin!

  • Kapitän Iglu am 13.12.2011 13:53 Report Diesen Beitrag melden

    An alle, die es nicht verstanden haben!

    Der Swisscoy im Kosovo wird NIE an Kampfhandlungen teilnehmen! Das ist bestandteil des Vertrages, dass die Schweiz keine "Kampfhandlungen" durchführt, das heisst aber nicht, dass sie sich nicht verteidigen dürfen im Notfall! Wenns sein muss, dann schiessen auch die Schweizer scharf! Unser Auftrag; Sicherheit schaffen für die Bevölkerung dort unten. Wir dürfen durchaus stolz sein!