Roadtrip in den USA

14. Februar 2020 12:46; Akt: 14.02.2020 14:01 Print

Schweizer nach Unfall auf 2 Millionen Dollar verklagt

2015 war ein Thurgauer zwei Monate lang an einer Sprachschule in den USA und machte anschliessend einen Roadtrip. Dabei kam es zu einem Unfall, der ihn nun teuer zu stehen kommen könnte.

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Der Sprachaufenthalt in den USA dürfte für Benjamin O.* in schlechter Erinnerung bleiben. Alles hatte harmlos begonnen, wie der «Beobachter» schreibt. 2015 besuchte der damals 22-Jährige zwei Monate lang eine Sprachschule in San Francisco, anschliessend startete er mit drei weiteren Schweizern einen Roadtrip. Kurz darauf wollte O. sein Studium an der ETH Zürich beginnen.

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Doch auf dem Roadtrip lief etwas schief: Schon auf der ersten Etappe kam es zu einem Unfall. An einer unübersichtlichen und stark befahrenen Kreuzung übersah O., der hinter dem Steuer sass, eine rote Ampel. Der Thurgauer lenkte den Wagen langsam auf die Kreuzung zu, als ein anderes Fahrzeug von der Seite angerauscht kam und mit dem Auto der Schweizer kollidierte.

Lenkerin stand unter Schock

«Ich weiss nur noch, dass wir plötzlich quer auf der Kreuzung standen», erzählt der Thurgauer dem «Beobachter». «Zuerst fragte ich meine Kollegen, ob es allen gut gehe. Dann fuhr ich zur Seite.» Das andere Fahrzeug habe ebenfalls am Rand gestanden, ob die Lenkerin es selbst nach dem Unfall dahin fuhr, weiss er nicht.

Niemand wurde beim Unfall ernsthaft verletzt. Die Lenkerin habe ein paar Prellungen durch den Airbag erlitten, sonst habe sie gesund gewirkt, erzählt O. Trotzdem habe er sich bei ihr entschuldigen wollen. Sie habe jedoch unter Schock gestanden.

Die Gruppe setzte ihren Roadtrip schliesslich mit einem neuen Mietauto fort. Anderthalb Jahre später dann der Schock: Der Thurgauer erfuhr, dass er auf eine Million Dollar Schadenersatz verklagt worden war. Dabei war er sich sicher gewesen, dass durch die Versicherung über die Autovermietung sämtliche Schäden abgedeckt waren. Diese stellte ihm schliesslich eine Anwältin zur Verfügung. «Erst da fühlte ich mich nicht mehr komplett verloren», sagt O.

O. unterschrieb Geständnis

Der Fall zog sich monatelang hin. Die Klägerin erklärte, sie habe durch den Unfall Rückenprobleme bekommen und sich operieren lassen müssen. Die Versicherung focht diese Behauptung an und bot der Klägerin 250'000 Dollar an – sie lehnte ab. Dann gab die Anwältin auch noch das Mandat ab. Der zweite Anwalt riet O., ein Geständnis zu unterschreiben, in dem er erklärte, dass er bei Rot über die Kreuzung gefahren sei. Das machte die Situation jedoch noch schlimmer.

Denn nun verlangte die Klägerin plötzlich zwei Millionen Dollar. Für den Thurgauer «komplett übertrieben». Alles sah danach aus, dass es zum Prozess kommt.

«Ich bin ihr nicht böse»

Dann die Wende: Ein von der Versicherung engagierter Privatdetektiv filmte die Geschädigte dabei, wie sie problemlos Schachteln trug – ein Widerspruch zu ihren Angaben über ihre Gesundheit. «Ich wusste, dass wir jetzt etwas in der Hand haben, mit dem wir verhandeln können», sagt O.

Doch die Klägerin ging nicht leer aus: Die Anwälte einigten sich im Februar 2019 auf eine Zahlung von 650'000 Dollar. Da die Versicherung Schäden bis zu einer Million abdeckt, drohten dem Studenten keine finanziellen Konsequenzen. «Mir fiel ein riesiger Stein vom Herzen.»

Persönlich konnte O. nie mit der Klägerin sprechen, obwohl er sich gern entschuldigt hätte. Ein schlechtes Bild von den Amerikanern hat der Fall bei ihm aber nicht hinterlassen. Er erinnere sich gern an die Offenheit und Freundlichkeit der Leute. Und: «Ich bin der Klägerin nicht böse.» Er glaubt, der ganze Ablauf des Falls sei «Teil der amerikanischen Kultur». «Ich bin froh, dass es vorbei ist. Und ich hoffe, dass es ihr gut geht.»

(vro)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Parp am 14.02.2020 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Nix sagen

    Abgesehen vom klassischen Amerikamove des Millionenerpressens: Niemals irgendwo irgendwas zugeben. Was die Polizei nicht erwiesen hat, kann sie auch nicht anwenden. Auch nicht von der Good Cop/Bad Cop Routine einschüchtern lassen. Ich kenns auch aus der Schweiz .. nett sein usw bringt euch da rein gar nichts, es wird alles gegen euch verwertet. Glaubt ja ned, dass da irgendwer irgendwie milder sein wird mit euch, nur weil ihr irgendwas zugebt.

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  • Stef Le Chef am 14.02.2020 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke

    Sorry aber wenn die mich abzocken wollte würde ich sie verklagen wegen Falschaussage und versuchtem Versicherungsbetrug.

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  • Anonym am 14.02.2020 12:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ein Grund nicht dort in die Ferien zu gehen

    Einfach unglaublich dieses Amerika, was für eine Frechheit!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Martin L. am 15.02.2020 16:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    In USA normal

    Amerikanisches Rechtssystem. Das normale Vorgehen in den USA nach einem Verkehrsunfall.

  • June am 15.02.2020 09:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Reiseziel anpassen

    Wir haben sehr mit dem Gedanken gespielt, einen Roadtrip in den USA zu machen. Nitcht, dass ich vorhätte, einen Unfall zu verursachen, aber solche Geschichten schrecken einen dann doch ab. Hatte in der CH einmal eine Frontalkollision, bei der der andere 100% Schuld war. Ich hatte danach ca. ein Jahr lang Alpträume und hässliche Kopfschmerzen (Schleudertauma). Das alles war zum Glück nach einigen Therapien wieder gut und die Versicherung des Unfallverursachers hat alles übernommen. Aber 1/2 Million oder mehr verlangen, das finde ich moralisch echt daneben.

  • Sven O am 15.02.2020 09:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden
    Giphy Giphy
  • AuslandsReiser am 14.02.2020 22:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Andere Länder andere Preis

    Nun jeder weis das in den USA klagen nicht mit ein paar Doller verhandelt werden, also nicht besonderes für einen Verkehrsunfall. Nur gut das niemand dabei umgekommen ist, was in der CH mit 10 000.- Sfr Genugtuung vom Gericht abgehandelt wird, wird in den USA erheblich teuerer.

  • Peter Studer am 14.02.2020 21:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kultur?

    "Teil der amerikanischen Kultur" No further comments. Oder: What do you think of American culture? - That would be a great idea!