Suizid

02. September 2010 11:09; Akt: 02.09.2010 16:48 Print

Schweizer wollen aktive Sterbehilfe

Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt: Die Schweizer wollen selbst über ihr Lebensende entscheiden. Sie befürworten gar mehr, als das Gesetz heute erlaubt.

Studie zeigt: Die Schweizer Bevölkerung will selbst über ihr Lebensende entscheiden. (Video: Keystone)
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Ist es richtig, dass ein Arzt einer todkranken Frau eine tödliches Medikament spritzt? Ja, sagt die Mehrheit von rund 1500 für eine repräsentative Studie der Universität Zürich befragten Schweizern. Das Kriminologische Institut hat erstmals in der Schweiz im Mai 2010 eine repräsentative Stichprobe der Schweizer Bevölkerung zu konkreten Fällen von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe befragt. Bei den Fragen ging es um sechs Fälle von Menschen, die an einer tödlichen Krankheit im Endstadium leiden. Die Teilnehmer mussten eine rechtliche und moralische Bewertung auf einer Skala von eins bis zehn vornehmen. Die Resultate der Studie stellte der Leiter Christian Schwarzenberger am Donnerstagmorgen den Medien vor.

Umfrage
Welche Form von Sterbehilfe befürworten Sie?
30 %
44 %
17 %
9 %
Insgesamt 706 Teilnehmer

Die Ergebnisse sind erstaunlich im Zusammenhang mit der möglichen Revision des Strafgesetzbuches, wie sie der Bundesrat vorgeschlagen hat: In der einen Variante sah die Regierung ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe (siehe Infobox) vor, in einer zweiten Variante eine restriktive Regelung der Suizidbeihilfe. Die Mehrheit der Schweizer befürworten laut Studie hingegen die Möglichkeit von Sterbehilfe und Suizidbeihilfe.

Eine Mehrheit würde sogar die heute verbotene «direkte aktive Sterbehilfe» erlauben, wie sie mit der Verabreichung einer tödlichen Spritze gegeben wäre. «Diese Einstellungen korrespondieren mit einer positiven Sicht auf das selbstbestimmte Sterben und einer schwach ausgeprägten Religiosität», wird Studienleiter Schwarzenegger in einer Mitteilung zitiert. Nur eine Minderheit der Schweizer Bevölkerung erachte «fast alle Formen von Sterbehilfe als moralisch falsch und befürwortet rechtliche Verbotslösungen». Teilweise gingen die Meinungen auseinander: So finden etwa die Suizidbeihilfe bei einem Alzheimerpatienten über 28 Prozent «völlig richtig», 22 Prozent hingegen bewerten sie als «völlig falsch».

Einigkeit der Angehörigen entscheidend

Am stärksten befürwortet wird laut der Untersuchung die Sterbehilfe, wenn sich alle Angehörigen einig sind, dass der Patient in seinem Zustand nicht weiterzuleben habe. «Sind sie sich nicht darüber einig, ist die Befürwortung am geringsten», schreibt die Universität Zürich. Die Bevölkerung sei der Meinung, dass Ärzte nicht eigenmächtig handeln dürfen.

Die Selbstbestimmung spielt eine zentrale Rolle, wie die Studie zeigt. So stimmen rund 35 Prozent der befragten Schweizer der Aussage «völlig zu», dass jeder erwachsene Mensch selber entscheiden dürfen soll, wann er sein Leben beenden soll. Auf einer Skala von 1 (Stimme absolut nicht zu) bis 10 (Stimme voll und ganz zu) erreicht diese Aussage einen Mittelwert von 6,43 und damit eine mehrheitliche Zustimmung. Laut der Studie haben deshalb vor allem ältere Personen vorgesorgt und in einer Patientenverfügung geregelt, wie es ihnen ergehen soll, wenn sie schwerkrank werden und nicht mehr selbst darüber entscheiden können. Während in der Altersgruppe zwischen 31 und 50 Jahren nur 10 Prozent eine Verfügung haben, sind es im Alter von 51 und 70 Jahren bereits 18 Prozent der Befragten. In der Altersgruppe über 70 Jahren verfügen 35 Prozent über eine Patientenverfügung.

Schweizer wollen keine Sterbehilfe durch Organisationen

Trotz der Befürwortung der Sterbehilfe durch die Mehrheit und der Ansicht, dass «Suizidhilfe-Organisationen ein würdevolles Sterben im Beisein der Angehörigen ermöglichen», könnten sich nur 36 Prozent der 1500 befragten Schweizer vorstellen, selbst auf eine solche Organisation zurückzugreifen. Für 41 Prozent kommt dies «auf keinen Fall» oder «eher nicht» in Frage. Die Mehrheit der Befragten (52,5 Prozent) würde es allerdings nicht stören, wenn eine Sterbehilfe-Organisation in ihrer Nachbarschaft tätig wäre. Gleichzeitig wollen 86 Prozent der Befragten, dass primär Ärzte oder speziell ausgebildetes Pflegepersonal bei der Selbsttötung mitwirkt, wie es in der Studie heisst. Nur 43 Prozent sind dagegen der Meinung, dass Suizidhilfe auch Mitarbeiter von Sterbehilfe-Organisationen durchführen sollten.

Die Suizidhilfe wird allerdings nur für schwerkranke Personen mehrheitlich befürwortet. Mehr Ablehnung zeigt sich laut der Studie für die Sterbehilfe für betagte Menschen ohne körperliche Leiden, «die aus Lebensmüdigkeit Suizid begehen wollen». Die Mehrheit der Befragten würde die Sterbehilfe für diese Menschen verbieten, genauso wie die Suizidbeihilfe für Menschen mit schweren psychischen Krankheiten nicht auf breite Zustimmung stösst, wie es heisst.

Schweizer gegen Sterbetourismus

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung lehnen Sterbetourismus ab, wie aus der Studie des Kriminologischen Instituts der Uni Zürich weiter hervorgeht. Ein Drittel hingegen ist «eher» oder «voll» dafür, dass im Ausland wohnhafte Personen in die Schweiz kommen dürfen, um sich mit Hilfe einer Sterbehilfe-Organisation das Leben zu nehmen.

Sterbehilfe in der Nachbarschaft wird aber von einer knappen Mehrheit, nämlich 52,5 Prozent der Befragten, nicht abgelehnt.

Sterbetourismus hatte in den vergangenen Jahren immer wieder zu Kritik geführt. So ist im Kanton Zürich eine Initiative der EVP gegen Sterbetourismus hängig. Auch verlangt eine im Zürcher Kantonsrat überwiesene Motion, dass Sterbehilfeorganisationen die Kosten für die Abklärungen von Freitodbegleitungen von Personen aus dem Ausland selber bezahlen sollen.

Anlass für die Kritik war die jahrelange Odyssee der Sterbehilfeorganisation Dignitas. Sie begleitet jährlich rund 200 Menschen in den Tod, die meisten aus dem Ausland. Jahrelang suchte sie nach Räumlichkeiten für ihre Freitodbegleitungen.

(amc)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Julia am 02.09.2010 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Geschenk

    Das Leben bekommen wir durch die Geburt von der Mutter (nicht einmal Gott genannt) geschenkt bekommen. Ein Geschenk soll man schätzen und nicht vernichten. Ich bin eine Hebamme und Krankenschwester ich weiss von was ich spreche.Habe im Spital und Altersheime und Spitex gearbeitet und Arbeite noch.Wie schnell jemand getötet wird wenn Geld im Spiel ist oder jemand Arbeit gibt,die lieben Verwandten. Gemeinde oder Heimverantwortliche können dann auch dafür sei um Geld zusparen. Soviel freiwillig entscheiden kann dann gar niemand mehr,andere machen das schneller.Die¨Menschen habends weit gebracht!

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  • KAZ am 02.09.2010 12:10 Report Diesen Beitrag melden

    Leben und Sterben gleiche Rechte

    Sterben und Leben sollte nicht getrennt werden, beide sind ein individuelles Recht. Also recht auf das Leben und Leben schützen heisst auch recht auf das Sterben und Sterben schützen. Sterben ist nicht negativ genau so wenig wie Leben. Jeder sollte selber entscheiden dürfen wie weiter!

  • Walter am 02.09.2010 11:47 Report Diesen Beitrag melden

    Bedenklich

    dass darüber überhaupt diskutiert werden muss. Das Leben ist lebensgefährlich und endet so oder so tödlich. Und das ist gut so. Warum glaubt der Mensch, dass er sich unter allen Umständen ans Leben klammern muss? Und warum will er es seinen Mitmenschen vorschreiben? Die Natur zeigt es vor: Nur wer stark genug ist, der überlebt. Warum muss alles in gut und schlecht bewertet werden? Lasst diejenigen die es wollen und auch diejenigen die es nicht für sich wollen. Und falls ich nicht mehr in der Lage sein sollte für mich zu sprechen - bitte akzeptiert meinen schriftlich festgehaltenen Willen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Bartli am 19.06.2017 20:33 Report Diesen Beitrag melden

    Diese Entwicklung ist nicht unbedenklich

    Es wundert mich nicht, dass viele selber bestimmen wollen, denn es hat sich in letzten 20 Jahren eine dem Alter abgeneigte Gesellschaft entwickelt. Kostenfaktoren spielen eine erhebliche Rolle für Euthanasie, und ich denke erst zu Letzt sind es die ernsten Fälle, Menschen die vor lauter Leiden nicht mehr mögen und können. Zudem kommt die Angst in Heimen zu vergammeln, die Angst auch vor Alzheimer, welche sich extrem entwickelt hat. Ursachen für mich noch immer nicht klar. Parallel dazu entstand der Körperwahn und Jugend zählt alles im neofeudalen Kapitalismus.

  • Ädu Brügger am 02.09.2010 20:56 Report Diesen Beitrag melden

    Legal Töten

    Das ist praktisch in Zeiten von knappen Pensionskassen (Von Bankern verzockt) und steigenden Krankenkassen da muss man vorbereiten damit man die nicht mehr rentierenden Menschen legal beseitigen kann so wie man es heute schon mit Behinderten im Leibe der Mütter tut.Schweinegeselschaft so was sind keine Menschen sondern von Geld getriebene Maschinen PFUIII

  • Santiago Wald am 02.09.2010 18:36 Report Diesen Beitrag melden

    Sterbehilfe

    angenehmes Sterben sollte genau so ein Menschenrecht sein, wie das Recht auf ein anständiges Leben. Die aktive Sterbehilfe sollte über 12 Monate durch Sitzungen begleitet werden, wer dann immer noch gehen will, dem sei der angenehme Tod wohlgegönnt. Ich möchte keinen qualvollen Tod erleiden müssen, ich möchte nicht über Jahren leiden müssen und ich möchte gehen, wenn ich gehen will, dabei muss ich nicht mal krank sein. Irgendwann ist man vielleicht einfach Müde des Lebens, dann möchte ich mich auf den Tod vorbereiten lassen und irgendwann einschlafen. So simple sehe ich das..

    • Bartli am 19.06.2017 20:51 Report Diesen Beitrag melden

      Die Frage ist; was kommt noch!

      @Santiago Wald. Mit dem hat man begonnen und das ist durchaus human. Was jedoch heute vorgeht, ist bereits einen Schritt mehr. Aber das ist meine persönliche Ansicht. Wer genug liest, der weiss ja wie die Alten geschätzt werden. Nein ich sehe da durchaus noch andere Kräfte mitspielen. Die Alten sehen sich selbst nicht mehr als lebenswert an und das kommt nicht um sonst. Bis anhin entscheidet man noch selbst, angeblich aber auch nicht mehr immer! Das Ganze lässt sich doch noch erweitern oder?

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  • Hannes Guggenbühl am 02.09.2010 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Leben und Rechte

    Leben und Sterben hat mit Selbstverantwortung zu tun. Wenn wir unserer Natürlichkeit begriffen haben wissen wir auch, dass wir in unserer Natürlichkeit dann sterben wenn wir bereit dazu sind. Dazu braucht es keine staatliche Regelung. Es kann nicht sein, dass wir andere Menschen oder den Staat dazu verpflichten uns vorsätzlich zu töten, auf welchem Wunsch und aus welcher Laune heraus auch immer. Ich begleite sterbende Menschen. Ich habe bis jetzt noch niemanden im Sterbeprozess erlebt, der den Wunsch geäussert hat seinem Leben ein schnelles Ende zu setzen.

  • alphornbläser am 02.09.2010 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Palliativpflege

    Ich denke, Palliativpflege ist die "zeitgemässe" Lösung, die ich (heute) auch für mich wünschen würde. Sowohl mit der Spitzenmedizin wie auch mit der Sterbehilfe greift der Mensch in den natürlichen Ablauf ein: BEIDES ist fragwürdig!

    • Peschä am 02.09.2010 21:13 Report Diesen Beitrag melden

      Palliativpflege

      ist in etwa ein Fremdwort dafür, dass der Patient solange mit Schmerzmitteln zugedröhnt wird, bis er tot ist. So gross ist da der Unterschied zur Sterbehilfe nun auch nicht. Jeder soll selber Entscheiden können, wie er im Falle einer schweren Erkrankung sterben will.

    • Bartli am 19.06.2017 21:03 Report Diesen Beitrag melden

      Ein unangenehme Warheit

      Es fängt ja schon damit an, dass man lebensmüde oder demente Heimbewohner mit noch einigermassen Vitalen zusammenpfercht. Dass dann somit jede Lebensfreude erlischt ist klar. Alle verschwinden nach dem Abendessen in ihre vier Wände. Das wissen so ziemlich alle, welche ihre Eltern in einem Heim besuchen. Tja, wer will das?

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