Romandie

08. April 2010 07:22; Akt: 08.04.2010 11:33 Print

Schwiizerdütsch? Non merci

Jenseits des Röstigrabens tobt zurzeit eine heftige Diskussion darüber, ob der zunehmende Gebrauch des Deutschschweizer Dialekts zum Untergang der Eidgenossenschaft führen wird.

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Nationalrat Antonio Hodgers kann dem Schweizerdeutsch wenig abgewinnen. (Bild: Keystone)

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Die Dialekt-Debatte ausgelöst hat ein Gastbeitrag des Genfer Nationalrates Antonio Hodgers (Grüne), publiziert Ende März in der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» und in der «NZZ am Sonntag». Der 34-jährige Nationalrat kritisiert in seinem Artikel das Erstarken des Schweizerdeutschen. Hintergrund der Kritik ist sein Umzug in die Deutschschweiz. Seit Anfang 2010 lebt Hodgers für ein Jahr in Bern, mit dem Ziel, die Deutschschweiz besser kennen zu lernen.

«Hält dieser Trend an, steuern wir auf ein ernsthaftes Problem mit der nationalen Kohäsion zu. Ein Blick nach Belgien genügt, um zu sehen, was es heisst, wenn sich zwei Sprachgemeinschaften nicht mehr verstehen», schreibt Hodgers. Er fordert deshalb seine Deutschschweizer Landsleute dazu auf, vermehrt Standardsprache zu sprechen.

Nationalrat Dominique de Buman (CVP/FR), Präsident der Helvetia Latina, einer Institution, die sich für eine verhältnismässige Vertretung der lateinischen Schweiz beim Bund einsetzt, kennt die Schwierigkeiten der Romands mit dem Schweizerdeutsch. «Das Problem ist so alt wie die Schweiz.»

Schlagabtausch in Westschweizer Zeitungen

Hodgers Kritik hat seine Wirkung nicht verfehlt: In der Romandie wird seitdem heftig über die Deutschschweizer Mundart diskutiert. In der «Tribune de Genève» rät ein Leser Hodgers, Schweizerdeutsch zu lernen.

Und die Frau eines Westschweizers unterstützt Hodgers in seiner Wahrnehmung. Sie erlebe immer wieder, «mit welcher Hartnäckigkeit mit meinem Mann Schweizerdeutsch gesprochen wird», schreibt sie in der NZZ.

Auch José Ribeaud, Ex-Chefredaktor der Freiburger Tageszeitung «La Liberté», warnt vor der Mundart. In keinem Falle sollten die Deutschschweizer Kompatrioten auf ihren Dialekt verzichten, schreibt er in der Zeitung «Le Temps».

Doch wenn der Dialekt ein Mittel der Diskriminierung und des Ausschlusses werde und wenn er andere Nationalsprachen verdränge, «dann ist es Zeit, dass die Lateiner ihre deutschen Nachbarn zur Räson bringen».

Wohl einmalig ist der offene Brief des liberalen Ex-Nationalrats Charles Poncet (GE) an Hodgers, publiziert in der letzten Ausgabe des Wochenmagazins «L'Hebdo». Darin bricht er für die Mundart eine Lanze: «Wo zum Tüüfel hesch Du die Schnapsidee här, dass me d'Lüt bi däne me goht go wohne, sig's au nur vorübergehend, sott zwinge ihri Sproch z'ändere?»

Assimilierendes Französisch

Das geringe Verständnis der Romands für die Mundart lässt sich erklären. Im Gegensatz zu den Tessinern und den Deutschschweizern würden sie selbst kaum mehr Dialekt sprechen, sagt Iwar Werlen, Professor am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Bern.

Zudem habe die französische Sprache eine weitaus stärkere assimilierende Kraft, erklärt er. «Während im öffentlichen Raum in der Westschweiz fast nur französisch gesprochen wird, hört man in der Deutschschweiz viel öfter einen Sprachenmix.»

Dies zeigten auch die Auswertungen der letzten Volkszählung, so Werlen. «Secondos, die in der Romandie geboren sind, haben viel häufiger die Landessprache als ihre Hauptsprache angekreuzt als Secondos aus der Deutschschweiz.»

Unbeliebtes Hochdeutsch

Doch das Problem der Romands ist auch ein Problem der Deutschschweizer: Es liegt in ihrem schizophrenen Verhältnis zur hochdeutschen Sprache. «Ein 'echtes' Hochdeutsch wird oft als arrogant empfunden», sagt Werlen und erinnert an alt Bundesrat Kurt Furgler.

Absichtlich spreche man daher ein weniger geschliffenes Hochdeutsch, das aber gegenüber den Deutschen etwas holprig klinge. «Unsere Sprache erscheint uns dann als minderwertig. Und deshalb sprechen viele nicht gerne Hochdeutsch.»

(sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • bruno von arx am 08.04.2010 10:48 Report Diesen Beitrag melden

    einfach generell

    wir ändern alle auf english und fast alle verständigungsproblem sind gelöst! die kinder lernen nur noch eine sprache und können sich international verständigen.

  • Peter Müller am 08.04.2010 15:53 Report Diesen Beitrag melden

    Ich spreche mit Romands

    gerne Französisch, je nachdem, was am angenehmsten für beide ist, aber natürlich auch Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch. Ich frage mich, wo Herr Hodgers seine schlechten Erfahrungen gemacht hat.

  • Jamc am 08.04.2010 09:21 Report Diesen Beitrag melden

    Englisch als 2. Sprache ?

    Wenn Englisch vor Franz./Deutsch in den Schulen bevorzugt wird, hilft nicht sonderlich im eigenen Land sich zu verständigen...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daniel Hofmann am 01.05.2012 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Schwiizerdütsch

    Es kommt einem beinahe so vor, als wenn die Deutschschweiz sich abgrenzen will! Wir reden Schwiitzerdütsch und sind daher auch Schweizer. Würden Wir Hochdeutsch reden, so wären Wir keine Schweizer. Es ist somit nicht nur ein Problem mit dem Deutschen, sondern ein Schweiz Internes Problem und der Deutsche muss seinen Kopf immer wieder für diesen internen Konflikt aufgrund seines Hochdeutsches hinhalten.

  • Timo am 09.04.2010 14:43 Report Diesen Beitrag melden

    Wir haben ja schliesslich nicht für...

    nichts seit der 3./4. Primarstufe Französischunterricht in der Deutschschweiz. Trotzdem muss ich gestehen, dass mir diese Sprache absolut nicht liegt, falls es mal dazu kommt, dass ich französisch Spreche, werde ich meist ausgelacht und so hab ich erst recht kein Bock mehr darauf. Ihr lieben Romands, werdet mal einwenig toleranter, was Fehler in der Sprache angeht und hört auf Leute nieder zu machen, nur weil sie eurer Meinung nach nicht perfekt Sprechen, dann raffe ich mich auch wieder auf franz zu sprechen.

  • Role am 09.04.2010 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Einzigartige Sprachkultur

    Sehr geehrter Herr Hodgers, sich integrierende in der Schweiz lebende Deutsche verstehen unser Schweizerdeutsch nach relativ kurzer Zeit. Wenn Sie das Hochdeutsche verstehen, dann wird Ihnen das sicher auch gelingen, Sie müssen es selber ja nicht reden. Gehen Sie nach Biel, ein Deutsch-Schweizer wird Ihr Französisch verstehen, er wird Ihnen u.U auf Berndeutsch antworten. So funktioniert unsere einzigartige Sprachkultur und wir sollten stolz darauf sein. Ich wünsche Ihnen, dass Sie als Nationalrat auch noch Ihr Thema finden!

  • Pesche D. am 09.04.2010 11:49 Report Diesen Beitrag melden

    Integration!

    Wenn ich beruflich in der Romandie bin, bemühe ich mich immer, französisch zu sprechen, auch wenn mein franz alles andere als perfekt ist. Das gebietet mir mein respekt vor dem anderssprachigen Miteidgenossen. Das sollte auch umgekehrt eine Selbstverständlichkeit sein.

  • paolo am 09.04.2010 11:41 Report Diesen Beitrag melden

    Warum wir im tessin...

    Nichts gegen Dialekt, aber ich verstehe nicht warum wir im Tessin die deutsche sprache in der schule schon ab 12 jahre lernen müssen (Bücher aus der BRD), nach Deutschland fahren um unser Deutsch zu verbessern und dann mit den deutschen schweizer Englisch reden muß. Peinlich. Die deutsche schweizer sollen besser ihre eigene Sprache zu beherrschen, und zwar Deutsch. Der deutsche schweizer dialekt ist keine weltsprache, nur ein alemannischer dialekt. Kein Wunder wenn die deutsche kommen in die Schweiz und bessere arbeitschanchen kriegen als die schweizer!