Vor Zürcher LGBTQ-Club

01. Januar 2020 17:43; Akt: 02.01.2020 14:45 Print

Schwules Paar in der Silvesternacht verprügelt

In Zürich wurde erneut ein schwules Pärchen spitalreif geschlagen. Die Opfer erzählen, wie sie die Attacke erlebt haben.

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J. S.* (24) und sein schwuler Freund (19) wollten in der Silvesternacht in den Ausgang, um das neue Jahr so richtig zu feiern. Um etwa 2.00 Uhr nahmen die beiden im Freien einen Drink in der Nähe des Gay-Clubs «Heaven» im Zürcher Niederdorf.

Laut J. S. kam es dort zu einem homophob motivierten Angriff. «Plötzlich kamen vier Typen auf uns zu. Sie fragten uns, ob wir schwul seien», sagt S. zu 20 Minuten. Er habe das bejaht, woraufhin sie ihm das Getränk unvermittelt ins Gesicht geschüttet hätten. Dann sei alles sehr schnell gegangen: «Sie schlugen auf mich und meinen Freund ein. Als wir auf dem Boden lagen, traten sie auf uns ein.» Es sei ihnen gelungen, wegzurennen – trotz der Schmerzen. Die Angreifer hätten sie verfolgt und weiter zugeschlagen. «Schliesslich liessen sie von uns ab und griffen weitere Schwule an», so S.

Niemand half

Sie hätten dann die Polizei alarmiert und seien mit dem Krankenwagen in den Notfall des Unispitals gekommen. «Ich befürchtete, dass meine Nase gebrochen sei, weil ich stark geblutet habe. Das ist zum Glück nicht der Fall.» Seine Lippe sei aber geschwollen und er habe wegen der Tritte starke Nackenschmerzen. Sein Freund habe eine Platzwunde unter dem Auge erlitten und habe Rückenschmerzen.

«Wir haben uns den Beginn des neuen Jahres anders vorgestellt», sagt S. Sie seien bis etwa um 6.30 Uhr auf dem Notfall gewesen. Anzeige haben die beiden laut dem 24-Jährigen noch direkt nach dem Angriff erstattet. «Heute waren wir noch auf dem Polizeiposten und haben eine lange Aussage gemacht.»

S. schätzt, dass die Angreifer um die 20 Jahre alt waren. Sie hätten Deutsch mit ausländischem Akzent geredet. Von den umstehenden Leuten habe niemand eingegriffen: «Sie hatten wohl Angst, weil ich schon blutüberströmt war.»

«Können nicht mehr in den Ausgang, ohne Angst zu haben»

Bereits Mitte September war am gleichen Ort zwei Schwule von fünf Männern verprügelt worden. Auch nach der Gay-Pride in Zürich im vergangenen Juni kam es zu einer Attacke auf ein homosexuelles Paar. Dies sei in der Szene ein grosses Thema, sagt S. «Es ist krass. Wir können nicht mehr in den Ausgang gehen, ohne Angst haben zu müssen, angegriffen zu werden.» Er und sein Freund würden zwar regelmässig angepöbelt und angespuckt, wenn sie zusammen unterwegs seien. Eine solch brutale Attacke habe er aber noch nie erlebt.

Die Stadtpolizei Zürich bestätigt, dass sie am 1. Januar kurz nach zwei Uhr zum Zähringerplatz gerufen worden sei. Zwei Männer seien bei einer tätlichen Auseinandersetzung verletzt worden. Unmittelbar danach sei einem Mann, mutmasslich durch dieselbe Gruppierung, auf dem Zähringerplatz die Tasche gestohlen worden, nachdem er tätlich Angegriffen worden war. Die Täter konnten flüchten. «Ermittlungen in diesem Fall laufen zurzeit durch Detektive der Stadtpolizei Zürich», sagt Sprecher Michael Walker.

«Ich frage mich, wie es weitergeht»

Der Club Heaven hat durch 20 Minuten vom Vorfall erfahren. «Wir sind stark betroffen, dass in der Nähe unseres Clubs zwei Homosexuelle so brutal verprügelt wurden», sagt Geschäftsführer Marco Uhlig. Die Gäste im Heaven würden sich trotzdem noch sicher fühlen. «Bisher sind es zum Glück Einzelfälle. Aber ich frage mich, wie es weitergeht.»

Laut Uhlig sei es schwierig, auf den Vorfall zu reagieren. «Es ist nicht die Aufgabe des Clubs, für die Sicherheit im öffentlichen Raum zu sorgen. Wir haben bereits ein erhöhtes Sicherheitsdispositiv und können keine Armee hinstellen», so Uhlig. Der Ball liege bei Polizei und Politik. «Ich hoffe, dass die Polizei nun häufiger im Quartier patrouilliert.»

* Name der Redaktion bekannt

(daw/tam)