Übergriffe in Deutschland

08. Januar 2016 18:51; Akt: 08.01.2016 18:51 Print

Selbstverteidigungs-Studios werden überrannt

Die Folgen der massenhaften sexuellen Belästigungen in Deutschland sind auch in der Schweiz spürbar. Anbieter von Selbstverteidigungs-Kursen bemerken teils eine enorme Nachfrage.

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Hunderte Männer haben sich in deutschen Städten in der Silvesternacht an Übergriffen auf Frauen beteiligt. Bisher sind allein in Köln über 100 Anzeigen von Frauen eingegangen, die teils Horrorerlebnisse schildern. Und auch in Zürich ist es beim «Silvesterzauber» zu sexuellen Belästigungen gekommen, wie nun bekannt wurde. Rund ein Dutzend Anzeigen hat die Stadtpolizei bis Donnerstag bereits aufgenommen.

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Das bleibt nicht ohne Folgen: Anbieter von Selbstverteidigungskursen haben deutlich mehr Anfragen. «Nach den Ereignissen in Hamburg und Köln scheinen viele Frauen ein grosses Bedürfnis zu haben, sich Selbstverteidigungskenntnisse anzueignen», sagt Tian Wanner, Gründer vom Zürcher Functional Fighting. «In den letzten Tagen hatten wir rund ein Dutzend Anfragen von Frauen, die bei uns einen Kurs machen wollen. Auch unsere Trainierenden wurden im Bekanntenkreis angefragt, was man machen soll und wo es einen Kurs gibt.»

«Wer selbstsicher ist, wird weniger angegriffen»

Wanner und sein Team haben sich entschieden, gratis einen zweitägigen Basiskurs anzubieten. Er richtet sich an Leute, die sich Ausdauertraining nicht gewohnt sind. «Es geht uns auch darum, nicht auf Panik zu machen, sondern Interessierten zu zeigen, wie man sich einfach und effizient schützen kann.» Dazu zählt etwa, wachsam zu sein. «Wer mit Stöpseln in den Ohren und dem Blick auf dem Telefon herumspaziert, wird nicht bemerken, wenn etwas nicht stimmt.»

Auch Mislim Imeroski von Krav Maga Ostschweiz hat seit Neujahr rund 10 Neueinsteiger in seinen Kursen. Dies sei etwas mehr als sonst. «Selbstverteidigungskurse sind immer sehr gefragt», sagt Imeroski. Der Anstieg sei jedoch spürbar. Der Schutz vor Übergriffen beginnt laut dem Kampfsportler bereits im Kopf. «Durch das kontinuierliche Üben von verschiedenen Selbstverteidigungstechniken baut man automatisch mehr Selbstvertrauen und Selbstsicherheit auf. Und wer souverän auftritt, verschafft sich mehr Respekt beim Gegenüber. Deshalb ist Selbstverteidigung – etwa Krav Maga – sehr subjektiv.»

Kann auch zu Paranoia führen

Davon ist auch Peter Neumaier, Trainer bei Defensiv.ch, überzeugt. In seinen Kursen lernten die Teilnehmer, ein Gefahrenradar zu entwickeln. Denn: «Vermeidung ist noch immer die beste Verteidigung.» Wichtig sei, Risiken bereits aus Distanz zu erkennen und entsprechend zu reagieren. «Während eines Übergriffs ist es vergleichsweise schwierig, sich zu schützen, vor allem wenn die Aggressoren in der Überzahl und physisch überlegen sind.» Es gebe keinen Zaubertrick, sagt Neumaier. «Ein sinnvolles und möglichst realistisches Training wird heute leider immer wichtiger.»

Umso gefragter sind auch seine Selbstverteidigungskurse in Basel. «Die Nachfrage hat zugenommen», sagt er. «Deswegen wird nächsten Mittwoch ein kostenloses Info-Training nur für Frauen angeboten.» Manche hätten bei der Anmeldung erklärt, dass sie wegen der Übergriffe in Deutschland den Kurs besuchen möchten. Andere kündigten an, ihre Töchter beim nächsten Mal mitzunehmen. Die derzeitige Entwicklung der Ereignisse sei spürbar. Trotzdem warnt Neumaier: «Es kann auch in Paranoia ausschlagen.» Es habe keinen Sinn, wenn man nur noch zu Hause sitze und – falls man dann doch einmal das Haus verlasse – immer und überall Gefahr wittere. «Eine goldene Mitte ist deshalb der richtige Weg. Das Selbstverteidigungstraining soll die Sicherheit erhöhen und dafür sorgen, dass sich Frauen in einem zunehmend gefährlichen Umfeld weiterhin frei bewegen können.»

(vro)