01. Februar 2008 20:09; Akt: 02.02.2008 07:40 Print

Sex ohne Kondom: Es hagelt Kritik

Sex ohne Kondom für Aidskranke? Kein Problem für HIV-Infizierte in Therapie, sagt die Schweizer Kommission für Aidsfragen. Die Einschätzung stösst auf Skepsis im In- und Ausland - es werde das falsche Signal ausgesandt, monieren Kritiker.

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Aus Sicht der EU-Kommission sollten die Studien, auf welche sich die schweizerische Kommission stützt, «unsere Aufmerksamkeit nicht von unseren Initiativen, der Förderung von 'safe sex', ablenken». Dies sagte die Sprecherin von EU-Gesundheitskommissar Markos Kyprianou.

Die Kommission unterstrich, dass sich die Information ja nur an eine Gruppe von Personen richte, die gewisse Voraussetzungen erfüllen: Im Blut dürfen seit mindestens sechs Monaten keine Viren nachgewiesen worden sein. Die antiretrovirale Therapie muss konsequent eingehalten und regelmässig kontrolliert werden.

Und die HIV-infizierte Person darf nicht Trägerin einer anderen sexuell übertragbaren Infektion sein. Unter diesen Bedingungen sei in Partnerschaften, bei welchen ein Partner HIV-positiv ist, Sex ohne Präservativ denkbar, lautet die schweizerische Einschätzung.

Nicht falsche Botschaft verbreiten

Die EU-Kommission mache nicht spezifische Empfehlungen für spezielle Gruppen, fügte die Sprecherin an. Jedoch müsse man vorsichtig sein.

Man dürfe nicht die falsche Botschaft mit solchen Studien verbreiten, zum Beispiel, dass Aids eine weniger bedeutsame Krankheit geworden sei. «Wir sollten weiterhin die Bedeutung von 'safe sex' für die Prävention von HIV/Aids betonen», ergänzte sie.

Auch aus Frankreich kommt Kritik. Der nationale Aidsrat (Conseil national du sida, CNS) distanzierte sich von der Einschätzung der schweizerischen Kommission. Die Daten, auf die sich letztere stütze, seien zu wenig gesichert, wurde der CNS von der französischen Nachrichtenagentur AFP zitiert.

Voreilige Einschätzung

Die zugrunde liegenden Studien - aus Spanien, Brasilien und Uganda - seien mit zu kleinen Stichproben durchgeführt worden, um das Risiko mit genügender Sicherheit ausschliessen zu können. Es sei deshalb voreilig, solche Einschätzungen abzugeben.

Es gebe keine 100-prozentige Sicherheit, hiess es am Freitag bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die WHO werde jedenfalls ihre eigenen Empfehlungen nicht ändern, sagte Sprecherin Fadela Chaïb. Die Verwendung von Kondomen biete immer noch den besten Schutz vor der Ausbreitung von Aids.

Der Geschäftsführer der Zürcher Aids-Hilfe, Reto Jeger, hält diese Art von Aufklärung für «fatal», wie er in einem Interview mit der Gratiszeitung «News» vom Freitag sagte. «Man hätte diese Entdeckung besser nicht breit publiziert.»

Die Gefahr sei gross, dass nun falsche Schlüsse gezogen würden und sich die Leute nicht mehr schützten. «Die Meldung erweckt den Eindruck, Aids sei heilbar. Das ist falsch», sagte Jeger. In der Schweiz infizierten sich nach wie vor täglich zwei Personen mit dem HI-Virus.

EKAF begegnet Kritik

Der Präsident der Eidg. Kommission für Aidsfragen (EKAF), Pietro Vernazza, sagte, man sei an die Öffentlichkeit gegangen, weil man nur so das Umfeld der Betroffenen, aber auch die Ärzteschaft und die Rechtsprechung erreichen könne.

Zur Kritik aus Frankreich sagte er, die EKAF möchte den festen Partnern die Entscheidung überlassen, wie sie mit dem Restrisiko umgehen wollten. Wichtig sei, dass man über Risiken ehrlich kommuniziere, das helfe auch der Prävention. Das EKAF-Papier bestätige im Übrigen die EU-Kommission: «Die Präventionsbotschaft bleibt völlig unverändert.»

(sda)