Horrorfahrt

09. August 2019 19:39; Akt: 10.08.2019 02:04 Print

Pöstler erzählt, wie er vom Zug mitgeschleift wurde

von B. Zanni - Simon Gerber wurde 2012 von einer Zugtür eingeklemmt. Mit viel Glück überlebte er die drei Kilometer lange Horrorfahrt.

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Ein Kundenbegleiter verlor in der Nacht auf Sonntag am Bahnhof Baden sein Leben, weil er bei der Abfertigung eines Interregio von der Tür eingeklemmt wurde. Das tragische Unglück weckt bei Simon Gerber eigene Erinnerungen: Vor gut sieben Jahren schwebte er eingeklemmt in der Tür eines Interregio zwischen Leben und Tod.

«Als ich am Donnerstag vom tödlichen Unglück des Zugbegleiters las, hatte ich gleich ein Déjà-vu», sagt Gerber. Am 24. Januar, zwei Tage vor seinem letzten Arbeitstag als Bahnpöstler, wollte er am Bahnhof Baar ZG rasch ein Paket aus dem Zug fischen. Die Türen schnappten automatisch zu und öffneten sich auch nicht wieder, als Gerber unermüdlich auf den Türöffner drückte.

«Ich versuchte, mir die Hand abzureissen»

Der Interregio begann zu rollen. «Ich schrie nur noch um Hilfe.» Aber der Zug sei immer schneller geworden. «Mein linkes Handgelenk war in der Tür eingeklemmt. In der Panik versuchte ich, mir die Hand abzureissen.» Doch sein Arm klemmte zu stark zwischen den Türen. «Der Zug fuhr und ich hing wie ein wehendes Fähnchen daran.» Der Schmerz sei sekundär gewesen. «Die Panik gibt dem Körper einen solch grossen Adrenalinstoss, dass ich den Schmerz fast nicht mehr spürte.»

Gerber redete sich zu, noch rund 2,56 Kilometer in dieser Position durchzuhalten – danach sollte der Zug im Bahnhof Zug einfahren. Dafür reichte ihm die Kraft aber nicht mehr. «Plötzlich konnte ich mein rechtes Bein nicht mehr anspannen – es hing herunter.» In der Folge raspelten Bahnschotter, Holzschwellen und kleine Eisentäfelchen das Fleisch seines Fusses weg. «Ich hatte Ferien in Schweden geplant und dachte: ‹Scheisse, jetzt kannst du nicht nach Schweden.›»

Der Fuss musste Gerber amputiert werden

Zwei Minuten und 50 Sekunden dauerte die rund drei Kilometer lange Horrorfahrt. Endlich angekommen am Bahnhof Zug, drückte Gerber den Türöffner und sackte gleich zu Boden. Sofort leisteten Gleisarbeiter erste Hilfe. Danach wurde Gerber als Notfall ins Spital eingeliefert. Wenig später amputierten die Ärzte seinen rechten Fuss.

«Ich hatte grosses Glück. Überlebt habe ich wahrscheinlich nur dank des grösseren Abstands zum Gleis», sagt der heute 55-Jährige. Im Gegensatz zu den Türen für die Passagiere befänden sich diejenigen des Gepäckwagens auf einer Höhe von rund 1,50 Metern. «So schaffte ich es, nicht direkt auf den Gleisen mitgeschleift zu werden.»

Er kämpfte sich zurück ins Leben

Nach dem Unfall verbrachte Gerber drei Wochen im Spital. In der Rehaklinik lernte er, ohne rechten Fuss zu gehen. Dort sei er psychisch und physisch bestens unterstützt worden. «Wenn die Ärzte einen Fleischklumpen auspacken, denkt man ja zuerst, nie wieder gehen zu können. »

Heute arbeitet Gerber als Buschauffeur bei den Verkehrsbetrieben Luzern. «Man sieht mir nicht an, dass mein rechter Fuss fehlt. Dank eines Spezialschuhs kann ich wieder ohne Probleme gehen und als Chauffeur arbeiten.» Panische Angst vor den automatischen Türen im Bus habe er nicht. «Ich hatte die Ausbildung kurz vor meinem Unfall abgeschlossen und wusste damals schon, dass die Tür ein sensibles Thema ist.» Er habe als Bahnpöstler Pech gehabt, dass der Einklemmschutz versagt habe.

«Ich fühle mit der Familie mit»

«Ich fühle mit der Familie des verunglückten Zugbegleiters mit. Es macht mich tief betroffen, dass er den Unfall nicht überlebt hat», sagt Gerber.

Sein Unfall hatte kein juristisches Nachspiel. Die Untersuchung ergab, dass dieser auf einen technischen Defekt am Gepäcktor und auf ein Fehlverhalten von Gerber zurückzuführen war. Gerber hätte den Warnton der Türschliessung beachten und das Gepäcktor von der dem Perron zugewandten statt abgewandten Seite bedienen sollen.