Schweiz

28. Mai 2018 05:49; Akt: 01.06.2018 06:35 Print

Sind Frauen die besseren und mutigeren Politiker?

von Qendresa Llugiqi - Gemäss Doris Leuthard wurden mit einer Frauenmehrheit im Bundesrat mutigere Entscheidungen getroffen. Politiker diskutieren, ob Frauen besser politisieren können.

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«Mit der Frauenmehrheit im Bundesrat haben wir mutigere Entscheide gefällt als vorher und nachher», so Doris Leuthard zur «NZZ am Sonntag». Allgemein habe sie die Erfahrung gemacht, dass sich «Frauen in Exekutivämtern weniger in ein parteipolitisches Korsett stecken lassen als Männer». Leuthard: «Sie sind in der Regel vorab der Sache verpflichtet und gut vorbereitet.» Ähnlich sieht es Juso-Präsidentin Tamara Funiciello: «Ein Grossteil der Politikerinnen, sind ganz klar besser als ihre männlichen Kollegen. Das heisst nicht dass Frauen grundsätzlich besser sind als Männer, aber Frauen müssen mehr leisten um die gleichen Ämter zu erreichen.» SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler relativiert: «Frauen politisieren und arbeiten meiner Meinung nach in der Gemeindepolitik oder in der Legislative vielfach anders als die Männer. Viele Frauen sind selbstkritischer und nehmen sich Zeit, um Geschäfte gut vorzubereiten. Auch haben sie das Gefühl, keine Fehler machen zu dürfen. Deshalb macht es eher den Anschein, dass sie nicht gerade entscheidungsfreudig sind.» Grundsätzlich seien Frauen nicht die besseren Politiker, sagt auch Politologe Adrian Vatter von der Universität Bern. «Jedoch politisieren sie anders als Männer, wobei sie von anderen Lebenserfahrungen profitieren können. Beispielsweise nehmen Frauen viel aus ihrer Doppelrolle von Familie und Beruf mit. Auch sind sie oft konsensorientierter und kompromissbereiter als Männer. In einem stark polarisierten Konkordanzsystem ist das durchaus wichtig.» Der grünliberale Basler-Grossrat David Wüest-Rudin findet es nicht richtig, wenn man grundsätzlich behauptet, dass Frauen in einem Sachgebiet besser als Männer seien oder umgekehrt: «Es ist nicht mehr zeitgemäss, was Frau Leuthard da behauptet. Obwohl es natürlich Unterschiede gibt zwischen Mann und Frau», so der Politikwissenschaftler und Soziologe.

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Die Landesregierung war laut Bundesrätin Doris Leuthard mit einer Frauenmehrheit mutiger als in von Männern dominierter Zusammensetzung. «Mit der Frauenmehrheit im Bundesrat haben wir mutigere Entscheide gefällt als vorher und nachher», so die Politikerin zur «NZZ am Sonntag». Allgemein habe sie die Erfahrung gemacht, dass sich «Frauen in Exekutivämtern weniger in ein parteipolitisches Korsett stecken lassen als Männer». Leuthard: «Sie sind in der Regel vorab der Sache verpflichtet und gut vorbereitet.»

Ähnlich sieht es Juso-Präsidentin Tamara Funiciello: «Ein Grossteil der Politikerinnen sind ganz klar besser als ihre männlichen Kollegen. Das heisst nicht, dass Frauen grundsätzlich besser sind als Männer, aber Frauen müssen mehr leisten, um die gleichen Ämter zu erreichen.» Ihnen bleibe nichts anderes übrig: «Frauen die mittelmässig sind – so wie einige Männer in der Politik – haben gar keine Chance.»

Viele «hervorragende Frauen» würden nie die Aufmerksamkeit
und Anerkennung erhalten, die sie eigentlich verdienten: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Frauen für den Erfolg der Sache sich selber zurücknehmen. Ihnen ist es wichtiger, dass die Sache durchkommt, für die sie einstehen, als dass sie am Schluss gut dastehen.» So würden Frauen bei Kampagnen oft im Hintergrund hart arbeiten, die Lorbeeren würden aber oftmals Männer ernten.

«Als inkompetent bezeichnet zu werden, ist das Schlimmste, was einer Frau passieren kann»

Dass manche Frauen die besseren Politikerinnen seien, würde sich an ihrem politischen Erfolg zeigen: «Sommaruga bringt ihre wichtigen Reformen durch, so auch Leuthard. Ueli Maurer scheitert doch öfters. Beispielsweise bei der Unternehmenssteuerreform 3 und beim Gripen-Debakel.»

Funiciello gibt Leuthard auch in dem Punkt Recht, dass Frauen gut vorbereitet seien: «Ich habe grosse Politikerinnen, wie Simonetta Sommaruga, Barbara Egger-Jenzer und Ursula Wyss gesehen. Sie bringen kompetent und sauber Inhalte und haben ihre Sache fest im Griff.»

Der Grund für diese «hochwertige Arbeit der Politikerinnen» liege auch in der Wahrnehmung von Frauen: «Das Schlimmste, was einer Frau passieren kann, ist, dass sie als inkompetent bezeichnet wird. Davon wird sie sich nie mehr erholen können. Denn Frauen werden anhand ihrer Performance beurteilt, Männer hingegen an ihrem vermuteten Potenzial.»

«Viele Frauen sind selbstkritisch»

SVP-Nationalrätin Andrea Geissbühler relativiert: «Frauen politisieren und arbeiten meiner Meinung nach in der Gemeindepolitik oder in der Legislative vielfach anders als die Männer. Viele Frauen sind selbstkritischer und nehmen sich Zeit, um Geschäfte gut vorzubereiten. Auch haben sie das Gefühl, keine Fehler machen zu dürfen. Deshalb macht es eher den Anschein, dass sie nicht gerade entscheidungsfreudig sind.»

Doch bei Bundesrätinnen sieht Geissbühler keine Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen. «Um dieses Amt überhaupt antreten zu können, braucht es ein grosses Selbstbewusstsein.» Es sei reine Spekulation, dass Bundesrätinnen mutiger entscheiden würden als Bundesräte. Geissbühler: «Die Qualifikation muss hier zuvorderst stehen, das heisst, es können einige Jahre die Frauen oder Männer in der Mehrzahl sein.»

«Frauen sind konsensorientierter und kompromissbereiter»

Grundsätzlich seien Frauen nicht die besseren Politiker, sagt auch Politologe Adrian Vatter von der Universität Bern. «Jedoch politisieren sie anders als Männer, wobei sie von anderen Lebenserfahrungen profitieren können. Beispielsweise nehmen Frauen viel aus ihrer Doppelrolle von Familie und Beruf mit. Auch sind sie oft konsensorientierter und kompromissbereiter als Männer. In einem stark polarisierten Konkordanzsystem ist das durchaus wichtig.» Auch Vatter bezeichnet die Jahre 2010 / 2011 als eine «aussergewöhnliche Zeit, in der wichtige Entscheidungen wie der Atomausstieg schnell» gefallen seien.

Der grünliberale Basler-Grossrat David Wüest-Rudin findet es nicht richtig, wenn man grundsätzlich behauptet, dass Frauen in einem Sachgebiet besser als Männer seien oder umgekehrt: «Es ist nicht mehr zeitgemäss, was Frau Leuthard da behauptet. Obwohl es natürlich Unterschiede gibt zwischen Mann und Frau», so der Politikwissenschaftler und Soziologe.

«Gerade jüngere Frauen sind machtpolitischer»

Gemäss seiner Erfahrung sei ein Unterschied, dass sich Frauen eher überlegen, ob sie in die Politik gehen wollen. Wüest-Rudin: «Wenn sich Frauen aber politisch engagieren, sind sie sicherer, dass sie das wollen und können.» Anders die Männer: «Sie trauen sich die Aufgabe eher zu und zweifeln weniger an sich.»

Eventuell sei es bisher so gewesen, dass Männer eher machtpolitisch dachten, so Wüest-Rudin. Eine Veränderung mache sich jedoch bemerkbar: «Gerade jüngere Frauen überlegen sich heute eher, in welcher Partei und wie sie eine gute Position erhalten. Sie handeln durchaus auch machtpolitisch.»