Studie

01. Januar 2016 05:14; Akt: 07.01.2016 10:19 Print

Sind ausgeschlafene Schüler gar nicht besser?

In Bern soll der Unterricht für Oberstufen-Schüler bald später beginnen. Eine neue Studie vermutet aber, dass ausgeschlafene Jugendliche in der Schule nicht besser sind.

storybild

Laut einer neuen Studie führt kurzfristiger Schlafmangel nicht zu schlechteren Schulleistungen. (Bild: Photographer: George Dolgikh)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Oberstufenschüler der Stadt Bern dürfen vielleicht bald länger schlafen als die meisten Schweizer Jugendlichen. Gemäss dem städtischen Schulamt ist ein späterer Unterrichtsbeginn in allen stadtbernischen Oberstufen möglich. Willigt die Volksschulkonferenz Ende Januar ein, soll die erste Morgenlektion statt um 7.30 Uhr bald um 8 oder 8.30 Uhr beginnen.

Verfechter des späteren Schulbeginns berufen sich auf Studien, die zeigen, dass Jugendliche dadurch fitter sind und bessere Noten schreiben: Da sie wegen eines veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus abends kaum müde seien, müssten sie morgens länger schlafen können, so die Argumentation.

Medizinisch umstritten

Nun widersprechen deutsche Forscher dem jedoch: «Schlafmangel beeinträchtigt die schulischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen kaum», schreibt die deutsche Ärztezeitung. Für das Experiment wurden 16-jährige Gymnasiasten in fünf Gruppen eingeteilt: Die einen durften pro Nacht bis zu neun Stunden schlafen, die anderen schliefen über vier Nächte hinweg jeweils acht, sieben, sechs und fünf Stunden. Danach führten die Forscher verschiedene Gedächtnistests durch, wobei sich «zwischen den einzelnen Gruppen keine nennenswerten Unterschiede zeigten».

Eine mögliche Erklärung dafür sei, dass die Tiefschlaf-Phase bei allen Probanden ungefähr gleich lange gedauert habe – egal, ob sie viel oder wenig geschlafen hätten. «Das mag die fehlenden Effekte auf das Gedächtnis erklären.» Jugendliche schliefen wegen ihres veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus unter der Woche im Schnitt eine halbe Stunde weniger lang als empfohlen. Dieser kurzfristige Schlafmangel dürfte aber kaum Auswirkungen auf die schulischen Leistungen haben, lautet das Fazit der Studie.

«Schulleistung hängt nicht nur vom Gedächtnis ab»

Der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl sieht die Argumente für einen späteren Schulbeginn durch die Studie allerdings nicht entkräftet. «Für die Schulsituation hat dies keine Relevanz»: Bei einem Test strenge man sich an und schliesslich wisse man, dass der Mensch in Ausnahmesituationen ungeahnte Kräfte entwickeln könne. Die Schule aber dauere einen ganzen Tag lang: «Hätte man die Jugendlichen über zwei, drei Tage stundenlang getestet, wäre man auf andere Resultate gekommen.» Schulische Leistung könne ausserdem nicht auf das Gedächtnis reduziert werden: «Zig andere Faktoren spielen mit rein, etwa die Selbstdisziplin, die Gefühlslage oder die Fähigkeit, Gedanken zu kontrollieren.»

Auch die Erklärung, dass allein die Tiefschlafphase entscheidend sei, überzeugt ihn nicht: «Diese Schlussfolgerung hiesse ja, dass wir alle nur noch so lange schlafen müssten, wie der Tiefschlaf dauert.» Das sei aber offensichtlich nicht der Fall. Guggenbühl plädiert deshalb dafür, dass der Unterricht für alle Schweizer Jugendlichen erst um neun Uhr beginnen soll, wie es im angelsächsischen Raum gang und gäbe sei: «Vorher sind sie wegen ihres veränderten Schlaf-Wach-Rhythmus gar nicht aufnahmefähig.»

(rah)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rolf am 01.01.2016 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bringt nichts

    Und wenn die Schüler wissen dass sie später in die Schule müssen, wird einfach später (schlafengegangen)

    einklappen einklappen
  • Tessar34 am 01.01.2016 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nachts schlafen

    Wie wäre es, wenn die Kinder Abends früher zu Bett gehen würden. In unserem Quartier gröhlen die bis Mitternacht herum. Nachbasrs Sohn ist bis 0200 am gamen.

    einklappen einklappen
  • Anneli am 01.01.2016 05:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Eulen und Lerchen

    Ich denke, es gibt ganz einfach verschiedene Menschen. Ich war schon immer eine Lerche: Früh am Morgen bin ich 10 mal produktiver als gegen Abend. Und noch was: Meine Kinder hatten immer zu wenig Schlaf während der Woche, weshalb sie übers WE jeweils Nachholbedarf hatten. Trotzdem waren sie alle gute Schüler.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Boas am 02.01.2016 23:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leistung

    Natürlich konnten die Probanden die gleichen Ergebnisse vorweisen, weil sie für kurze Zeit alle die gleiche Leistung abrufen konnten. Der Schlafmangel wirkt sich dann später nach einem langen, anstregenden Schultag in Form von Kopfweh oder Ähnlichem aus. Ich bin selber noch Schüler und ich weiss, wie toll es wäre auch nur eine halbe Stunde länger Zeit am morgen zu haben, weil man dann viel entspannter, konzentrierter und vorbereiteter in den Schultag starten kann.

  • David am 02.01.2016 23:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch Leistung

    Schlafmangel mag zwar die schulischen Leistungen nicht beeinflussen, ist aber verantwortlich für diverse andere gesundheitliche Beschwerden. Dieser Artikel zeigt, dass man heute nur noch auf Leistungen aus ist. Man interessiert sich nicht für die Gesundheit der Jugendlichen.Und nur zum sagen: Früher zu Bett gehen wäre ja fein, aber: 1.Hat man genug Hausaufgaben um bis 8Uhr dran zu sein und 2.Will man nach diesen Aufgaben auch noch ein bisschen Freizeit. Ich nehme an, dass sich die meisten nicht freuen würden, am Morgen für die Schule aufzustehen und am Aben nach den Aufgaben schlafen zu gehen.

  • Toni Müller am 02.01.2016 23:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Möglichkeit Auszuschlafen

    Wie soll man ausschlafen wenn die Schüler um 6 auf den Weg zur Schule müssen?

  • Thomas am 02.01.2016 23:17 Report Diesen Beitrag melden

    Ja ja

    Wenn erwachsene Studienersteller und Wissenschaftler vergessen haben wie es war jung zu sein und erklären wollen wie Jugendliche ticken....DAS kann nur daneben gehen. ;-) Ich hatte zwar meine Schulzeit nicht hier in der Schweiz muss aber sagen, dass mir Schule von 8.00-14-30 UND Samstags 8.00 bis 12.00 ohne lange Mittagspause nicht wirklich geschadet hat und ich einen schönen Nachmittag geniessen konnte. Manchmal könnt man meinen, dass "meine" Generation echt einen an der Waffel hat. :)

  • anonymouskitten am 02.01.2016 23:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anders herum

    Ich fände es anders herum sinnvoller. Unterrichtsbeginn bereits um 6:30 oder 06:00. Bedeutet, die Kids sind früher von der Schule zuhause, haben mehr vom Nachmittag und sind abends eher müde und fallen ins Bett. Sehr viel sinnvoller als alles nach hinten zu verschieben, das macht es nämlich immer noch schlimmer. Irgendwann dauert die Schule von 14:00-21:00 und dann um Mitternacht direkt in den Ausgang..?