Heikle Dokumente

19. Februar 2018 05:47; Akt: 19.02.2018 07:53 Print

So einfach kommt man an Daten der Schweizer Armee

von Qendresa Llugiqi - Ein Journalist bringt einen Armeeangehörigen dazu, ihm vertrauliche Dokumente auf eine Fake-Adresse zu schicken. Die Armee spricht von strafbarer Amtsanmassung.

Hier führt Izzy-Redaktor Cedric Schild die Schweizer Armee hinters Licht. (Quelle: Izzy / Zusammenschnitt Tamedia)
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Izzy-Redaktor Cedric Schild will für einen Beitrag wissen, wie einfach man die Schweizer Armee kommandieren kann. Für das richtige Feeling steigt er in Armeekleider und bastelt sich das Gradabzeichen eines Majors. Dann ruft er aus einem Radiostudio auf einen Waffenplatz an, wo er sich als «Major Schild» ausgibt.

Sehen Sie hier das ganze Video:

«Ein Mann fickt das ganze System»

Im Armeejargon und militärischem Tonfall meldet er sich an und fordert den Wachtplan an, um angeblich Angleichungen zu machen. Nach einem kurzen Hin und Her wird ihm dieser an seine Fake-Email-Adresse major.schild.admin@mail.ch geliefert. Dann verlangt er von seinem Gegenüber, sich bei ihm militärisch abzumelden, was dieser denn auch tut. Das Video endet mit den Worten: «Das ist mein Militär. Schnell, speditiv und dienstleistungsorientiert. Vor allem, wenn es darum geht, interne Dokumente in der Weltgeschichte herum zu schicken.»

Das Video wurde vor rund einer Woche auf Facebook und Instagram gepostet. Es wurde über eine Million Mal aufgerufen, über 3'000 Mal geteilt und über 11'000 Mal kommentiert: «Ein Mann fickt das ganze System», schreibt ein User. Oder «So läuft das also mit sicherheitsrelevanten Dokumenten?» und «Die Schweizer Armee muss keiner hacken. Die geben selbst alles raus.» Ein anderer schreibt: «Hier noch ein Beweis, dass man das Militär rauchen kann.»

«Heikel für die Sicherheit der Einheit»

Bei der Schweizer Armee hat man Kenntnis von dem Video, wie Sprecher Daniel Reist auf Anfrage bestätigt. Zu diesem Vorfall sei es durch eine «gewisse Naivität der Armee-Angehörigen gekommen». Laut Reist sind die gesendeten Dokumente für die Sicherheit des Landes nicht massgebend. Doch: «Für die Sicherheit der betroffenen Einheit sind sie heikel.»

Wann der Vorfall stattgefunden hat und welche Einheit betroffen ist, sei der Schweizer Armee nicht bekannt. Man gehe aber davon aus, dass es sich um eine Einheit in einem Wiederholungskurs handelt, der längst vorbei ist. Nach diesem Vorfall hat die Armee reagiert: «Die Angehörigen der Armee werden gezielt auf solche Situationen sensibilisiert», so Reist.

Gefängnis wegen «klarer Amtsanmassung»?

Für Redaktor Schild könnte die Aktion rechtliche Folgen haben: «Der Redaktor hat sich aus unserer Sicht einer klaren Amtsanmassung schuldig gemacht», erklärt Reist. Eine Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe sind in diesem Fall möglich. Die Armee behält sich rechtliche Schritte vor.

SP-Nationalrätin Priska Seiler Graf dagegen rät der Armee den Ball flach zu halten: «Ich denke, es ist zielführender, die Energien in bessere Ausbildung der Armeeangehörigen zu investieren als in Anklagen.» Offenbar seien nicht alle Angehörigen der Armee genügend geschult im Umgang mit internen Daten. Dabei sei es in jedem Betrieb nötig, dass alle Mitarbeiter wüssten, wem sie welche Daten geben dürften, so die Sicherheitspolitikerin.

«Verheerende Folgen bei einem Diebstahl»

Werner Salzmann, SVP-Nationalrat und Präsident der nationalrätlichen Sicherheitskommission, spricht von einem «schwerwiegenden Fehler»: «So etwas darf nicht passieren. Durch die Herausgabe der Daten wurde die Einheit klar gefährdet.» Im Wachtplan seien auch die Ronden (Kontrollgänge, Anm. d. Red.) enthalten, die in unregelmässigen Abständen erfolgen. So wisse man dann wer wann und wo kontrolliert. «Damit öffnet man Tür und Tor für einen möglichen Diebstahl oder einen Anschlag.»

Dennoch nimmt er die Schweizer Armee in Schutz: «Der Wachtdienst wird in der Armee eigentlich gut und mit Priorität ausgebildet. Nur wegen eines Einzelfalls sollte man jetzt nicht verallgemeinern und behaupten, die Armee sei zu wenig gut ausgebildet.» Den Fehler sieht Salzmann hier mutmasslich bei der im Einsatz stehenden Wache. «Ich weiss nicht, ob es an der Unkenntnis des Wachtbefehls, an der internen Kontrolle und Kommunikation oder einfach an der Aufmerksamkeit der Armeeangehörigen lag, doch eigentlich hätten diese gleich den Kommandanten informieren sollen. Dann wäre herausgekommen, dass diese Anfrage nicht echt sein kann, somit die Auskunft verweigert werden und der Vorfall entsprechend gemeldet werden muss.»

Auch sollte man laut Salzmann Izzy-Redaktor Cedric Schild zur Rechenschaft ziehen. «Er hat einen militärischen Grad und – wie im Video ersichtlich – auch die militärische Uniform missbraucht.»

«Obrigkeitshörigkeit hindert Soldaten, Dinge zu hinterfragen»

Izzy-Chef Bernhard Brechbühl kontert: «Wir würden nie vorsätzlich gegen Gesetzesbestimmungen verstossen und haben mit dem satirischen Experiment zu keinem Zeitpunkt eine rechtswidrige Absicht verfolgt.» Die satirische Videoumsetzung habe zum Ziel, «die hierarchiegläubige Kultur in der Armee» aufs Korn zu nehmen: «Obrigkeitshörigkeit hindert Soldaten offenbar daran, Dinge zu hinterfragen. Vielleicht sollte die Armee etwas an ihrer Ausbildung ändern und Soldaten zu kritischem Denken ermutigen.» In einer Zeit, in der man selbst für die Sperrung seiner Kreditkarte mehrere Sicherheitsfragen beantworten müsse, sei die von Izzy aufgedeckte Sicherheitslücke bei der Armee erschreckend.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wolge am 19.02.2018 06:06 Report Diesen Beitrag melden

    Die meisten fallen drauf rein

    Dies hat wohl weniger mit der Armee und viel mehr mit der Naivität des Menschen zu tun. Egal ob in der Armee, bei der Arbeit oder zu Hause. Überall fallen Leute auf solche Tricks resp. Social Engineering rein.

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  • Alexander Keller am 19.02.2018 06:02 Report Diesen Beitrag melden

    Das Grundproblem

    Durch das es keine Berufsarmee ist, schert sich keiner um ein bisschen Professionalität. Weil als Angehöriger ist man schon nach ein paar Wochen Dienst wieder draussen. Nach mir die Sintflut.

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  • Mere am 19.02.2018 06:14 Report Diesen Beitrag melden

    Naja

    Also ich finde es nicht schlecht, was sie gemacht haben. So konnte eine Lücke aufgedeckt werden. Und es ist ja auch so, dass man nicht etwas im geringsten hinterfragen darf, was auch nicht schaden würde... Aber dieser Verein ist eh veraltet. (Was nicht heisst, dass ich dagegen bin)

Die neusten Leser-Kommentare

  • Soldat am 19.02.2018 10:12 Report Diesen Beitrag melden

    Amtsanmassung = Gericht

    So hoffe aber sehr, dass man diesen "Herren" für seine Amtsanmassung vor Gericht bringt!

  • NICO am 19.02.2018 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Von wegen Datenschutz

    Das geht nicht nur bei der Armee. Das kann man mit xbeliebigen Firmen machen. Soviel zu Datenschutz in der Schweiz

  • Gefreiter am 19.02.2018 10:07 Report Diesen Beitrag melden

    Das war zu 100% klar

    Mit Uniform und entsprechendem Abzeichen (obwohl wohl auch nicht zwingend notwendig) wäre er noch viel weiter gekommen. Den wer traut sich schon - gerade in der RS die Handlungen eines Mayors zu hinterfragen. PS: Sicher strafbar hat er sich gemacht, indem er das Gespräch ohne Einwilligung aufgenommen hat. Daher bin ich auch nicht so sicher, ob diese Aktion wirklich echt ist.

  • Sgt.b am 19.02.2018 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das

    Einen Rekrut verunsichern der vermutlich seinen ersten Wachdienst absolviert hat nichts mit der militärischen Sicherheit zu tun, zudem ist gefragt wie legitim es ist in einer Kaserne anzurufen und sich als Offizier auszugeben um an Informatinoen zu kommen.

  • Oma am 19.02.2018 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Etwas zu Ende denken

    Naja. Der Mensch hat die Digitalisierung vorangetrieben und nicht berücksichtigt, dass er darin hängen bleibt. Die Zeit ist nicht mehr fern, da wird er von seinem eigenen Werk überrollt. Das ist wie mit den Kriegsmaterialien. Der Mensch hat's erfunden, der Mensch wird damit getötet. Der Mensch wird immer wieder scheitern, weil er nicht in der Lage ist, etwas zu Ende zu denken. Er vernünftig cheetah sich somit selbst.