Gereizt und Schlafprobleme

12. November 2019 04:50; Akt: 19.11.2019 13:57 Print

So erkennst du, ob du gestresst bist

von P. Michel - Ein Arzt erklärt, ab wann Stress gesundheitsschädlich wird – und was Firmen tun müssten. Der Arbeitgeberverband seinerseits sieht kein Problem.

Diese Symptome zeigen Gestresste.
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Überstunden, ständige Erreichbarkeit, Termindruck: Fast jeder zweite Angestellte (42,3 Prozent) fühlt sich laut einer Befragung der Berner Fachhochschule und der Gewerkschaft Travailsuisse oft oder sehr häufig gestresst. In den fünf Jahren, seit die Umfrage durchgeführt wird, ist dies der höchste Wert. Auch der Anteil der Arbeitnehmenden, die sehr häufig emotional erschöpft sind, ist von 8,3 Prozent im Jahr 2015 auf 13,2 Prozent in der aktuellen Umfrage gestiegen.

Umfrage
Fühlst du dich im Job häufig gestresst?

Als Gründe für den verbreiteten Stress sehen die Forscher auch die zunehmende Zahl an Überstunden. 50,3 Prozent der Befragten gaben nämlich an, häufig oder oft Überstunden zu leisten. Erstmals erreichte der Wert die 50-Prozent-Marke.

Dann wird Stress gefährlich

Sebastian Haas, Leiter Schwerpunkt Burn-out und Belastungskrisen an der Zürcher Klinik Hohenegg, überraschen die Zahlen nicht. «Stress entsteht dort, wo die Anforderungen an eine Arbeitsaufgabe die Ressourcen übersteigen.» Solche kurzfristigen Stresssituationen seien meist kein Problem, sofern es wieder Entlastungen – Pausen, Wochenende, Feierabend – gebe. «Es kann auch befriedigend sein, eine Aufgabe noch ‹just in time› erledigen zu können.»

Halte der Stress aber über mehr als 72 Stunden an und werde chronisch, könne er weitreichende Folgen haben, so Haas. «Oft macht Stress Angestellte krank, wenn es in einer umkämpften Branche nochmals zu Sparübungen, Fusionen oder Wechsel bei den Vorgesetzten kommt und der Druck steigt», sagt Haas.

Stressbranche Gastronomie

Verbreitet ist ein hoher Stresslevel in der Dienstleistungbranche. Das zeigt auch die Travailsuisse-Studie: Im Bereich Gesundheit schneiden das Gastgewerbe, der Detailhandel oder auch das Gesundheits- und Sozialwesen schlecht ab. Psychiater Haas erklärt, wie Angestellte erkennen, dass der Stress schädliche Ausmasse annimmt (siehe Video oben).

«Der Betroffene ist oft der Letzte, der merkt, dass er vom Stress übermannt wird», sagt Haas. Es sei deshalb wichtig, dass das Umfeld die Frühwarnzeichen erkenne und die Person darauf anspreche. Aber auch die Arbeitgeber stünden in der Pflicht, sagt Haas.

Massnahmen gefordert

Dass ein Vorgesetzter das Gespräch mit einem Mitarbeitenden suche, dessen Verhalten sich verändert habe, sei das Mindeste. «Es braucht analog der Suva-Kampagnen gegen Berufsunfälle Massnahmen für die psychische Gesundheit. Solche Massnahmen sind laut Haas etwa ein Yoga-Angebot für Angestellte, Kompensation für Überstunden, Anti-Stress-Seminare, ein externes psychiatrisches Angebot oder ein Verbot für das Empfangen von E-Mails nach Dienstschluss.

Fredy Greuter, Sprecher des Arbeitgeberverbandes, sieht keinen Handlungsbedarf. Der Verband stützt sich dabei vor allem auf die anerkannten Studien des Bundes. Eine solche kürzlich veröffentlichte Befragung aus dem Staatssekretariat für Wirtschaft zeigt, dass 91,9 Prozent sehr zufrieden oder zufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind. «Daraus schliessen wir, dass Stress kein akutes Problem ist», so Greuter.

Arbeitgeber sehen keinen Handlungsbedarf

Er betont, es sei im ureigenen Interesse der Firmen, der Gesundheit der Angestellten Sorge zu tragen. «Zusätzliche Angebote und Vorschriften braucht es angesichts dieses Befunds aber nicht.» Er spielt den Ball auch den Arbeitnehmenden zu: «Stress kann auch im privaten Umfeld entstehen und ins Unternehmen hereingetragen werden – etwa durch ungesunden, übermässigen digitalen Medienkonsum.»


Stress-Experiment mit Koch Florian

Wie gestresst ist ein Koch im Verlauf des Mittagsservices? Dies wollte 20 Minuten herausfinden und hat Florian, Koch im Tamedia-Personalrestaurant Werdino, gestern zwischen 11 und 13 Uhr mit einer Pulsuhr ausgestattet. Gegen halb 12 Uhr zieht es an der Vegi-Station – auf dem Menü stehen gebackene Bohnenbällchen – bereits an, und der Puls steigt gegen die 140er-Marke, pendelt sich dann aber wieder ein, sobald der Anfangsstress nach der ersten Gästewelle durch ist. Um halb 1 Uhr gibt es einen Einbruch – beim Puls sowie bei den Gästen. «Das ist typisch, die zweite Mittagswelle folgt meist genau um diese Zeit», sagt Florian. Dort schnellt dann der Puls auch kurz wieder auf 150. Um 13 Uhr kann Florian dann Pause machen, der Puls normalisiert sich. «Es war kein allzu stressiger Tag», sagt Florian. «Im À-la-carte-Service wäre der Puls konstant auf 140 gewesen.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • B. Out am 12.11.2019 05:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Meist hausgemacht

    Überstunden stressen mich nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass man meine Arbeit schätzt. Aber in der heutigen Zeit wird dem Arbeitnehmer immer mehr suggeriert, wie ersetzbar er/sie ist und dass man dich dankbar und froh sein muss, dass man diesen Job hat. Auf Dauer geht das an die Substanz, verleidet einem jeglichen Einsatz und lässt einen mit schlechtem Gefühl zur Arbeit gehen. Schlafstörungen und Burnout sind da vorprogrammiert.

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  • Lana am 12.11.2019 05:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Überstunden

    Unfair an den Überstunden ist, dass man dafür nicht bezahlt, resp. Dies angeblich bereits im Lohn enthalten sein soll. Diese Praxis ist Gang und gäbe und hier müsste man wirklich besser hinsehen.

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  • Schweizermacher am 12.11.2019 05:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dauerstress

    Zu Stress gehört nebst Beruf auch das private Umfeld. Ich selbst habe an der Arbeit viel bis immer Stress, aber Zuhause zum Glück gute Bedingungen. Mit dem Schlaf hapert es jedoch, könnte durchaus mehr sein.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Ardit am 13.11.2019 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeiten

    Ja im Arbeit Stresse ich mich selber und das ist nicht gut muss das ändern stress macht nur kaputt mann sollte locker arbeiten aber mann kann nicht locker arbeiten die Arbeitgebern wollen nur schnell dann ist der Stress schon da

  • Daily am 13.11.2019 21:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    RushHour

    Ja ich weiss, dass es Burnout gibt. Ich weiss, dass sehr viele von Ihnen hart arbeiten. Leider, auch wenn sie das nicht hören wollen, wird aber auch viel selbst verschuldet. Da hilf ihnen auch kein Master-Abschluss. Sie sollen arbeiten! Nicht ständig sinnlose WhatsApp Chats beantworten, surfen, ständig Kaffe trinken (ich bekomme das im Office mit). Ein Arbeitstempo wie eine Schnecke. Selber nichts verantworten, ungenau lesen und müssen alles doppelt erledigen. PÜNKTLICH Feierabend machen (siehe Stau Zug - LU) und dann den sterbenden Schwan markieren, weil man nicht fertig geworden ist. Naja.

  • Peace loving am 13.11.2019 14:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mindfulness

    Im 21. Jh. wird in der Schulausbildung vor allem über die Materielle Bedeutung als über die moralische Werte wie liebevolle Güte, Fürsorge für andere Wohlfahrt, Verantwortung etc. gesprochen. Dieses Werte werden heute nur noch in religions Fach gesprochen. Die meisten jüngere Generation von heute interessiert sich nicht für die Religionsthemen. Sie lernen also nicht, wie wichtig menschliche Werte sind. Daher missbrauchen diejenigen, die eine gewisse Macht haben, ihre Macht auf Grund der Unwissenheit. Wir müssen das gesamte Bildungssystem überdenken & M-Werte in die Schulfächer einbeziehen

  • Ella am 13.11.2019 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Wir sind Helden - Songtext

    Ich glaub du träumst, die Träume anderer Leute - Und du versäumst, Traumhafte Räume - Ich glaub du träumst, die Träume anderer Leute - Dass du versäumst, ist mehr, als das wovon du träumst...

    • Rodrigo Gonzalez am 13.11.2019 14:31 Report Diesen Beitrag melden

      Passt

      Oh, wie passend. Dankeschön :)

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  • Jenga am 13.11.2019 07:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Wunder...

    ... ergeben Mitarbeiterbefragungen, dass die meisten alles super finden. Das funktioniert nämlich so: Befragung wird ein erstes mal durchgeführt, meist mit einem negativen Ergebnis. Die Leute sind ehrlich und geben zu, gestresst zu sein oder andere Probleme zu haben bei der Arbeit. Anschliessend folgen Gegenmassnahmen wie "Workshops am Wochenende", "gspüürsch mi Kurse mit Psychologen", usw.. das geht allen so auf die Nerven, dass bei einer erneuten Befragung plötzlich alle super zufrieden mit allem sind.