In Luzern untergetaucht

23. Oktober 2019 04:53; Akt: 23.10.2019 04:53 Print

So täuschte Mörder Zoran P. die Schweizer Behörden

Zoran P. flüchtete in Bosnien aus dem Gefängnis – und baute sich in der Schweiz unbehelligt eine Familie auf. Nachbarn sind schockiert.

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Zoran P. soll drei Menschen, darunter ein Kind, ermordet haben und an weiteren Morden als Komplize beteiligt gewesen sein. 1995 wurde er in Bosnien-Herzegowina zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Doch P. konnte fliehen und lebte unter dem Namen seines Bruders über 20 Jahre lang unbehelligt in der Schweiz. Er heiratete, bekam Kinder und ist mittlerweile Grossvater. Nachdem ihn bosnische Polizisten letztes Jahr in einer Gemeinde im Kanton Luzern aufgespürt hatten, wurde er am Montag nach Bosnien-Herzegowina ausgeliefert (20 Minuten berichtete).

Sein Anwalt Dejan Bogdanovic hat ihn dort im Gefängnis besucht: «Es geht ihm den Umständen entsprechend gut, er ist ruhig und stabil.» Sein Mandant wolle eine Wiederaufnahme des Verfahrens: «Er will wieder vor Gericht.» Ob sich P. als unschuldig sehe? Dazu könne er noch nichts sagen, sagt sein Anwalt: «Er will vor Gericht die Wahrheit erzählen.»

«Ich wusste nichts von Identität»

Eine Nachbarin kennt P. Er sei zurückhaltend gewesen, sagt sie. Im Haus sei er aber nie negativ aufgefallen. «Er hat den Kontakt nicht gesucht», so die Frau, «uns hatte er sich als Dalibor vorgestellt.» Von seiner wahren Identität habe sie nichts gewusst, bis P. vor einigen Monaten festgenommen worden sei. «Seine Frau beteuerte, dass er nicht schuldig ist.»

Dieser gehe es «sehr schlecht», so die Nachbarin weiter. Sie habe wohl selbst jahrelang nicht gewusst, welches Geheimnis ihr Mann mit sich trage. «Nach 20 Jahren Ehe ist das natürlich ein Schock.»

Zu Geständnis genötigt?

In einer Eingabe ans Bundesstrafgericht hatte P. Mitte Jahr argumentiert, das Urteil aus dem Jahr 1995 sei politisch motiviert. Er sei nicht an der Tat beteiligt gewesen und zu einem falschen Geständnis genötigt worden. Die Polizei habe ihn damals misshandelt und zusammengeschlagen.

Aus den übersetzten Gerichtsakten von 1995 geht hervor, was P. getan haben soll. Demnach soll ein Kollege von ihm Mitte Oktober 1993 erfahren haben, dass sich in einem Hotel in der Stadt Bijeljina eine muslimische Familie befinde, die nach Serbien flüchten wolle. Damals tobte der Bosnien-Krieg. Viele Angehörige der Bosniaken, eine grösstenteils muslimische Ethnie auf dem Balkan, flüchteten aus Furcht vor Verfolgung und ethnischen Säuberungen vor den Truppen der bosnischen Serben.

Ein Kind erschossen

Ein Kollege habe P. und einem anderen Mann in jenem Oktober vorgeschlagen, die Familie nach Serbien zu fahren oder sie zu töten. Die drei hätten die Familie mit einem Lastwagen zum Grenzfluss Drina gefahren. Auf dem Weg dorthin hätten sie beschlossen, sie zu töten. Beim Fluss angekommen, sollen sie der Familie Bargeld abgenommen haben. Ein Kollege habe zwei Frauen und ein Kind mit einem halbautomatischen Gewehr getötet, während P. die anderen drei Personen festgehalten habe. Danach soll P. die drei verbliebenen Opfer – einen Mann, eine Frau und ein Kind – erschossen haben. Die sechs Leichen soll das Trio in den Fluss geworfen und das Geld unter sich aufgeteilt haben.

Im Januar 1994 soll P. gegen Geld von einem Bekannten den Auftrag angenommen haben, ein muslimisches Ehepaar aus seiner Wohnung zu vertreiben, damit der Bekannte diese bewohnen könne. Zusammen mit zwei Männern fuhr P. demnach als Militärpolizist verkleidet zur Wohnung des Ehepaars. Die drei Männer hätten das Paar aufgefordert, für ein Gespräch mitzukommen. Das Paar habe ihnen geglaubt. Das Trio habe das Paar daraufhin zum Flussufer gefahren und ihm Bargeld, einen Ring und den Wohnungsschlüssel abgenommen. Die beiden Komplizen von P. hätten das Paar danach erschossen, das erbeutete Geld habe das Trio unter sich aufgeteilt.

Heirat statt Asyl

Nach seiner Verurteilung zu eine Gefängnisstrafe von 12 Jahren und 10 Monaten im Oktober 1995 konnte Zoran P. nach kurzer Zeit aus dem Gefängnis in Bosnien fliehen und untertauchen. Doch wie konnte er mit einer falschen Identität in die Schweiz reisen, jahrzehntelang unbehelligt hier leben, heiraten und Sozialhilfe beziehen, ohne dass es den Behörden auffiel?

Zoran P. reiste 1995 mit falschen Personalien in die Schweiz ein und stellte ein Asylgesuch. Er wurde dem Kanton Luzern zugewiesen. Er erhielt den Status der vorläufigen Aufnahme, der drei Jahre später aber entzogen werden sollte, wie 20 Minuten weiss. Kurz darauf heiratete P. eine Schweizerin und zog sein Asylgesuch zurück, wie Alexander Lieb, Leiter des Luzerner Amts für Migration, bestätigt. In der Folge erhielt P. automatisch eine B-Bewilligung.

Mit der Heirat nahm P. den Nachnamen seiner Frau an. 2004 legte er den Luzerner Behörden erstmals einen Pass aus seinem Heimatland vor. Dass seine falsche Identität nicht aufflog, erklärt Lieb damit, dass Dokumente generell nur geprüft würden, wenn man einen Hinweis auf eine Fälschung habe oder wenn man aufgrund eigener Feststellungen oder wegen Hinweisen Zweifel habe. «Fälschungen oder falsche Dokumente sind nur schwer zu erkennen, insbesondere wenn allenfalls die beiden Personen sich als Brüder noch sehr ähnlich sind», so Lieb.

(ehs/jab/nob)