Tierschutz

23. April 2019 09:38; Akt: 23.04.2019 09:38 Print

So tricksen Bauern beim Auslauf ihrer Kühe

Ist das Vieh länger draussen, erhält der Bauer mehr Subventionen. Doch Kontrolleure überführen regelmässig Landwirte, die sich nicht an die Spielregeln halten.

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Gemäss Tierschutzgesetz muss Rindvieh, das angebunden im Stall gehalten wird, pro Jahr 90 Tage draussen sein, davon 30 Tage im Winter. Viele Bauern verpflichten sich im Rahmen des Tierwohlprogramms «Raus» zusätzlich dazu, das Vieh regelmässig draussen grasen zu lassen. Jetzt zeigen Zahlen, dass es Bauern mit dem Auslauf nicht so genau nehmen, wenn es darum geht, Subventionen abzugreifen. Im Kanton St. Gallen etwa wurden nach Kontrollen 55 von 2913 Betrieben die Tierwohlbeiträge gekürzt. In schweren Fällen hat die Trickserei juristische Konsequenzen: Laut dem Bundesamt für Veterinärwesen leiteten die Kantone 2017 36 Strafverfahren ein, weil Rindvieh zu wenig oder gar keinen Auslauf bekam. Tierrechtlerin Edith Zellweger spricht von Missständen: «Bauern hintergehen die Auslauf-Bestimmungen absichtlich.» Sie liessen ihre Tiere viel zu wenig und nur ganz kurz an die frische Luft. Ihr Vorwurf: «Bauern sind faul und wollen jeden Handstreich subventioniert haben.» Franz Blöchlinger, Tierschutzbeauftragter des Kantons St. Gallen, sagt: «Dass Tiere nur wenige Minuten oder Sekunden herausgelassen werden, sind Einzelfälle. Wir haben vielmehr damit zu kämpfen, dass das Vieh besonders im Winter gar nicht oder ungenügend rausgelassen wird.» Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, kann sich aber vorstellen, dass Bauern meist unbewusst gegen die Vorgaben verstossen: «Den Bauern drohen massive Abzüge, weshalb sie sich keinen Fehler erlauben können.» Bei all dieser Bürokratie könne es aber vorkommen, dass Kreuze vergessen gehen.

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Gemäss Gesetz müssen Rinder, die angebunden im Stall gehalten werden, pro Jahr 90 Tage draussen sein, davon 30 Tage im Winter. Darüber hinaus machen viele Bauern beim Tierwohlprogramm «Raus» mit, das regelmässigen Auslauf im Freien vorschreibt. Sie erhalten so 190 Franken pro Kuh und Jahr zusätzlich (siehe Box).

Jetzt zeigt eine exklusive Auswertung des Bundesamts für Landwirtschaft, dass es Bauern mit dem Auslauf nicht immer genau nehmen. So wurden schweizweit 2017 insgesamt 35'885 Kontrollen durchgeführt. In 699 Fällen hatten sie wegen Verstössen gegen die Auslaufvorgaben Kürzungen von Direktzahlungen zur Folge. Bei Bauernbetrieben, die am Tierwohlprogramm «Raus» teilnehmen, wurden 328 Beitragskürzungen verhängt.

Nur für Sekunden auf der Weide?

In schweren Fällen hat diese Trickserei juristische Konsequenzen: Laut dem Bundesamt für Veterinärwesen leiteten die Kantone 2017 genau 36 Strafverfahren ein, weil Rindvieh zu wenig oder gar kein Auslauf bekam.

Tierschützerin Edith Zellweger spricht von Missständen: «Bauern hintergehen die Auslaufbestimmungen absichtlich.» Sie liessen ihre Tiere viel zu wenig und nur ganz kurz an die frische Luft. Zudem will Zellweger gesehen haben, dass ganz listige Bauern ihre Tiere nur für einige Sekunden auf die Weide liessen, damit Kontrolleure Klauenspuren vorfänden. «In der Tierschutzverordnung steht zwar, wie viele Tage pro Jahr die Rinder draussen sein müssen. Allerdings steht nirgends, wie lange der Auslauf dauern muss.» Ihr Vorwurf: «Bauern sind keine Tierfreunde, und sie wollen jeden Handstreich subventioniert haben.»

Franz Blöchlinger, Tierschutzbeauftragter des Kantons St. Gallen, sagt: «Dass Tiere nur wenige Minuten oder Sekunden herausgelassen werden, sind Einzelfälle. Vielmehr haben wir damit zu kämpfen, dass das Vieh besonders im Winter gar nicht oder ungenügend rausgelassen wird.» Dass die «Raus»-Bestimmungen nicht überall eingehalten werden, stört Blöchlinger: «So bekommt der Bauer Geld für eine Leistung, die er nicht erbracht hat.»

«Es gibt notorische Auslaufsünder»

Laut Blöchlinger ist es «eine Knacknuss», zu prüfen, ob die Bauern den vorgeschriebenen Auslauf einhalten. Sie seien deshalb stark auf Hinweise aus der Bevölkerung angewiesen, würden aber auch unangemeldete Kontrollen durchführen. «Wir haben auch ein paar langjährige Tierhalter, notorische Auslaufsünder, denen wir immer wieder auf den Füssen herumtrampeln müssen.»

Jeder Bauer sei dazu verpflichtet, ein Auslauf-Journal zu führen, wo er innert drei Tagen ankreuzt, an welchen Tagen das Vieh aus dem Stall gelassen wurde, so Blöchlinger. «Wir überprüfen dann, ob die Kreuze mit den Klauenspuren auf der Wiese übereinstimmen.» Bei Zweifeln würden sie vom Bauern den Auslauf vor Ort verlangen und beobachten, wie sich die Tiere verhalten.

Fehlverhalten hat Konsequenzen

«Finden die Kühe nicht den Ausgang zum Stall, springen sie, wie von einer Wespe gestochen, mit erhobenen Schwänzen auf der Wiese herum, schlagen sie stark aus, durchbrechen sie Umzäunungen, oder kehren sie nach ein paar Sekunden von allein wieder zurück in den ‹sicheren› Stall, sind das Anzeichen, dass die Kühe zu wenig draussen sind.»

Wird ein Bauer im Winter überführt, werden ihm die Tierwohlbeiträge um 100 bis 200 Franken pro Kuh gekürzt. Hansjakob Zwingli, Leiter Direktzahlungen im Kanton St. Gallen, sagt weiter: «Dadurch verlieren manche Bauern mehrere Tausend Franken an Direktzahlungen.»

«Bauern haben viel um die Ohren»

Markus Ritter, Präsident des Bauernverbands, erwartet, dass Bauern ihre Verpflichtungen einhalten: «Entscheidet sich ein Bauer für das Tierwohl-Programm, muss er auch die Bestimmungen einhalten. Jegliches Fehlverhalten kann ich nicht gutheissen, weshalb verhältnismässige Sanktionierungen gerechtfertigt sind.»

Ritter kann sich aber vorstellen, dass Bauern meist unbewusst gegen die Vorgaben verstossen: «Den Bauern drohen massive Abzüge, weshalb sie sich keinen Fehler erlauben können.» Bei all dieser Bürokratie könne es aber vorkommen, dass Kreuze vergessen gehen. «Bauern haben viel um die Ohren. Ausserdem kann ihnen auch das Wetter mit eisbedeckten Ausläufen im Winter einen Strich durch die Rechnung machen.»

(mm)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hr Schmidt am 23.04.2019 10:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tiere im Zentrum

    Ich leite selbst einen landwirtschaftlichen Betrieb. Bei uns stehen die Tiere im Mittelpunkt und der Betrieb dreht sich um die Tiere. Das wäre eigentlich die Aufgabe des Landwirts. Bedauerlicherweise gibt es aber viele Kollegen, bei denen das Geld im Mittelpunkt steht (wie beim Rest der Bevölkerung auch) und der Hofbetrieb dreht sich um die Einnahmen. Solche Bauern sollten sich ernsthaft einen Berufswechsel überlegen!

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  • Keit Wirklich am 23.04.2019 09:51 Report Diesen Beitrag melden

    Liebe Frau Zellweger

    dass Bauern faul sind und sich jeden Handstreich subventioneieren lassen wollen mangelt jeglicher Grundlage. Ich kenne kaum einen faulen Bauern. Allerdings kenne ich viele faule Tierschützer, die sich von einer Stiftung und von Spendenzahlern finanzieren lassen...

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  • Bio-Bäuerin am 23.04.2019 10:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wegen den schwarzen Schafen werden gleich alle ver

    Bitte nicht alle Bauern in den gleichen Topf werfen! Der grösste Teil der Landwirte hält die Vorgaben ein, achtet und liebt seine Tiere. In jeder Branche gibt es schwarze Schafe, welche auch bestraft werden müssen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • PaeDI2 am 24.04.2019 19:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    too long

    Ich wünsche jedem der schlecht über unsere Schweizer Bauern redet, er/sie soll doch einmal ein Jahr auf einem Betrieb arbeiten und dann alles was ach so schlecht ausgeführt wird verbessern... klar gibt es schwarze Schafe, aber die gibt's in jeder Branche. Das Thema Landwirtschaft hat sich in unseren Medien wie's scheint zur schnellen Quotenquelle etabliert. Muss sagen das ich jetzt nicht genau weiss wo jetzt gerade Subventionen gesprochen werden...aber so allgemein ist es schon eine ernüternde Vorstellung am Morgen aufzustehen und zu wissen das man ohne Subventionen nie auf schwarze Zahlen kommen würde. Würde mich mal intressieren was ein Bauer im Schnitt mit Subventionen für ein Stundenlohn hat...reich wird man damit sicherlich auch nicht...

  • Steuer Zahler am 24.04.2019 19:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Dass die Bauern

    es heissen ist ja wohl klar. Hier oder bei den Subventionen für "biodiversität",will heissen Wiesen die es auch sind - und nicht 6 bis 7 mal pro Jahr gemäht werden. Aber eben, die Kumpane im Parlament helfen fleissig mt.

  • Daniel am 24.04.2019 18:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bauern

    Alle die jetzt über Bauern negativ schreiben.... wenn alle Bauern in der Schweiz mal zusammen halten würden und nur einen Monat nichts an Grossverteiler verkaufen würden, sondern nur noch an Freunde und Bekannte, würden viele Merken, dass man Geld nicht Essen kann. Und ich bin kein Bauer.

    • Maler50 am 24.04.2019 18:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Daniel

      Darum dürfen jetzt die Bauern Geld erschleichen?

    • Felix am 24.04.2019 19:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Daniel

      Hei, die Produkte sind schon bezahlt mit den Steuern via Subventionen. Sie bekommen also 2x Geld für das teuer Verkauf vom Produkt, egal welche, ob Brennholz, Milch oder Apfel. Nicht zu vergessen die renovierten Bauernhöfe um im teurer Wohnung zu verwandeln Habe ich was vergessen?

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  • H.BIERI am 24.04.2019 16:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Auslauf der Kühe

    Ich lese in den Kommentaren Geld Geld und nochmal,es geht nur ums Geld. Erst wenn wir mal hungern müssen, werden wir merken, dass wir Geld nicht Essen können. Auch ihr Nichtbauern wird das Geld nichts mehr nützen.

    • Maler50 am 24.04.2019 19:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @H.BIERI

      Wer Geld vom Staat erhaltet muss nun einmal dessen Bedingungen erfüllen.Ob jetzt Bauer oder als Arbeitsloser, Punkt!

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  • Dumby am 24.04.2019 16:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pro Buur

    Immer wieder gegen die Bauern! Die machen einen guten Job und haben für so Tricksereien sicher kaum Zeit.

    • Maler50 am 24.04.2019 18:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dumby

      Dann sollten Sie den Artikel nochmals lesen.

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