Tiefe Löhne

10. September 2018 05:42; Akt: 10.09.2018 05:42 Print

So viel verdienen Schweizer Bauern

von A. Peterhans - Trotz Direktzahlungen von 2,8 Milliarden Franken pro Jahr geben viele Bauern auf. Die Schweizer Landwirtschaft in Zahlen.

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Das Volk muss entscheiden, wie die Landwirtschaft gefördert werden soll. Am 23. September kommen mit der Fair-Food-Initiative und der Initiative für Ernährungssouveränität gleich zwei Vorlagen vors Volk. Vollzeit-Landwirte verdienten 2015 durchschnittlich 44'600 Franken, wie eine neue Statistik von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, belegt. Gemäss Verteilungsmonitor des Forschungsinstituts BAK Basel lag das Durchschnittseinkommen des Schweizers im Jahr 2014 mit knapp 58'000 Franken deutlich höher. Der Schweizerische Bauernverband (SBV) hat für die «Initiative für Ernährungssouveränität» Stimmfreigabe beschlossen. Sandra Helfenstein, Co-Leiterin Kommunikation des Schweizer Bauernverbands (SBV) bestätigt: «Auf vielen Bauernhöfen ist die wirtschaftliche Lage nicht gut und der Stundenlohn für die investierte Arbeit schlecht.» Vielen Bauernhöfen geht es wirtschaftlich schlecht und der Stundenlohn ist tief: «Das liegt vor allem an tiefen, nicht kostendeckenden Rohstoffpreisen. Ganz besonders schlecht stehen Bauern mit Milchwirtschaft da», schreibt der SBV. Stärkere Vorschriften bezüglich ökologischer Performanz und Tierwohl forderten mehr Qualität von den Betrieben,sagt Ulrike Minkner, Landwirtin und Vize-Präsidentin von Uniterre. Minkner fordert zusammen mit den Initianten bessere Rahmenbedingungen vom Bund: «Wir wollen nicht, dass der Bund Preise festlegt. Er soll aber die Branche verpflichten können, über Preise oder Menge von landwirtschaftlichen Produkten zu verhandeln.» Zudem solle der Bund lokale und kleine Branchen fördern. FDP-Nationalrat Müller meint: Stattdessen solle die Nachfrage der Konsumenten das Angebot der Landwirtschaft steuern: «Um die Bauern wirklich zu schützen, muss die Bevölkerung bereit sein, gerechte Preise auf dem Markt zu zahlen.» Die Herausforderungen werden schon mit dem neuen Verfassungsartikel über Ernährungssicherheit angegangen.» Eine neue Initiative führe zu einer noch grösseren staatlichen «Regulierungsmaschinerie». Der Konsument werde heute schon von der Politik übersteuert, sagt Müller. Auch Christian Schönbächler, Präsident der Junglandwirte, lehnt die «Initiative für Ernährungssouveränität» ab. Er schaut positiv in die Zukunft: «Es gibt viele Herausforderungen und der politische Druck ist gross, aber Betriebe, die erfolgreich sind, gibts auch bei uns.» FDP-Nationalrat und Landwirt Walter Müller spricht sich gegen die Initiative «Ernährungssouveränität» aus: «Er besteht kein unmittelbarer Handlungsbedarf in der Agrarpolitik.

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«Sehr viele Bauern laufen am Limit. Und die Milch kostet so wenig wie seit Jahren nicht mehr», sagt Ulrike Minkner. Sie ist Vize-Präsidentin der Bauerngewerkschaft Uniterre, die mit der Initiative für Ernährungssouveränität die Landwirtschaftspolitik umpflügen will. Sie beklagt eine Deregulierung der Märkte auf Kosten der Bauern, die trotz steigender Preise immer weniger Geld für ihre Produkte bekämen. Davon profitieren würden Zwischenhändler und Verarbeiter.

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Tiefere Löhne

Ein Vollzeit-Bauer arbeitete 2017 wöchentlich 67 Stunden. Er verdiente aber deutlich weniger als in anderen Branchen. Gemäss Zahlen von Agroscope, dem Kompetenzzentrum des Bundes für landwirtschaftliche Forschung, verdienten Vollzeit-Landwirte 2015 durchschnittlich 44'600 Franken. Demgegenüber lag das Durchschnittseinkommen des Schweizers laut dem Verteilungsmonitor des Forschungsinstituts BAK Basel bei 58'000 Franken. Die monatlichen Bruttolöhne in der Landwirtschaft bewegen sich bei 3600 Franken bei einem Vollzeitpensum. Das zeigt die Lohnerhebung von Agristat 2014.

Der Strukturwandel

Viele Bauern haben in den letzten Jahren die Waffen gestreckt: Die Zahl der Betriebe sank von über 90'000 im Jahr 1990 auf 51'000 im Jahr 2017, das sind 45 Prozent weniger. Bei den Beschäftigten gab es im gleichen Zeitraum einen Rückgang von 39 Prozent. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. Vom Rückgang betroffen sind vor allem Kleinstbetriebe. Demgegenüber ist fast jeder siebte Landwirtschaftsbetrieb heute über 30 Hektaren gross. Und die Zahl der biologischen Bauernhöfe steigt weiter an.

Abhängig vom Staat

Wegen des rasanten Strukturwandels hängen die Bauern am Tropf des Staates: Über die Hälfte der bäuerlichen Einkommen stammt aus dem 2014 eingeführten Direktzahlungssystem der Agrarpolitik, wie ein Bericht des Bundesamts für Landwirtschaft zeigt. Laut dem Bundesamt bekamen 2017 1580 Betriebe über 150'000 Franken. Die Zahl der Grossempfänger nimmt jedes Jahr zu. Insgesamt wurden im letzten Jahr knapp über 2.8 Milliarden Franken für Direktzahlungen ausgegeben.

Preise für Rohstoffe niedrig

SBV-Sprecherin Sandra Helfenstein sagt zu den Zahlen: «Auf vielen Bauernhöfen ist die wirtschaftliche Lage nicht gut und der Stundenlohn für die investierte Arbeit schlecht.» Das liege vor allem daran, dass die Preise für vielerlei Rohstoffe tief und nicht kostendeckend seien. Ganz besonders schlecht stünden Bauern mit Milchwirtschaft da, so Helfenstein.

«Für die Bauernfamilien führt dies zu einer frustrierenden Situation, dass sie immer mehr von den Direktzahlungen abhängig sind und immer weniger vom Verkauf ihrer Produkte leben können», schreibt Helfenstein weiter. Das liege nicht zuletzt an der ungleichen Marktmacht, bei der zehntausende von Produkten maximal einer Handvoll Abnehmer gegenüberstünden und am Schluss zwei grosse Detailhändler über 80 Prozent der Ware verkauften.

Die «Initiative für Ernährungssouveränität» verlangt, dass die Bauern wieder «gerechte» Preise für ihre Produkte erhalten. Nicht alle Bauern sehen in mehr staatlichem Einfluss aber die Lösung des Problems: «Der SBV hat Stimmfreigabe beschlossen, weil die Meinungen innerhalb der Landwirtschaft geteilt waren. Wir wollten keinen Kampf innerhalb der Branche entfachen.»

«Regulierungsmaschinerie» überfordere Bauern

Gegen mehr staatliche Eingriffe spricht sich FDP-Nationalrat und Landwirt Walter Müller aus: «Die Herausforderungen der Agrarpolitik werden schon mit dem neuen Verfassungsartikel über Ernährungssicherheit angegangen. Eine neue Initiative führt zu einer noch grösseren staatlichen Regulierungsmaschinerie.»

Nicht nur der Bauer, sondern auch der Konsument werde übersteuert, sagt Müller. Stattdessen müsse die Nachfrage der Konsumenten das Angebot der Landwirtschaft steuern: «Um die Bauern wirklich zu schützen, muss die Bevölkerung bereit sein, gerechte Preise auf dem Markt zu zahlen und nicht den billigeren Produkten nachzurennen.»

Grossverteiler sollen weniger profitieren

Für Uniterre-Bäuerin Ulrike Minkner die falsche Strategie. «In den letzten 30 Jahren sind die Produktionspreise um 30 Prozent gesenkt worden, während die Verkaufspreise um 15 Prozent stiegen. Für jeden Franken, den wir im Supermarkt ausgeben, gehen ungefähr 20 Rappen an die Bauern. 80 Rappen hingegen fliessen in die Kassen der Grossverteiler, an die Verarbeitungsindustrie sowie in den oft überflüssigen Transport und die Werbung.»

Das Ziel der Initianten sei, dass die Bauern höhere Preise für ihre Produkte verlangen können, so Minkner. Deshalb soll der Bund für mehr Transparenz sorgen und verhindern, dass die Grossverarbeiter und Detailhändler ihre Marktmacht zuungunsten der Bauern ausnützen. Zu einem «gerechten» Einkommen sollen auch höhere Zölle auf Lebensmittel führen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ip am 10.09.2018 06:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Milch

    Solange zu viel Milch produziert wird, wird auch der Milchpreis nicht steigen.

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  • Yogy55 am 10.09.2018 06:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    jeder möchte mehr

    Ich verdiene nicht mehr als die Bauern. Arbeite als Frau unregelmässig und schwer, wie soll ich dann die höheren Preise für das Essen bezahlen?

    einklappen einklappen
  • steffen am 10.09.2018 05:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geld

    Es ist wie überall. Den Grossen gibt man und den kleinen nimmt man....

Die neusten Leser-Kommentare

  • Reinhold am 10.09.2018 20:42 Report Diesen Beitrag melden

    Die Schweiz importiert rund 40 Prozent

    Die Schweiz importiert rund 40 Prozent aller Lebensmittel. Sind die Ware im Ausland wirklich besser. Fleisch Gemüse, Obst und Milchprodukte möchten Sie vom Ausland. Deutschland Verbraucher erkennen oft nicht, woher das Fleisch kommt Billig, billiger, am billigsten das ist eure Religion

  • Stine am 10.09.2018 20:34 Report Diesen Beitrag melden

    Produkte ab Hof

    Wenn Bauern ihre Produkte ab Hof beinahe gleich teuer verkaufen wie im Grossmarkt .......warum ?

  • Wäre zufrieden damit am 10.09.2018 20:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gar nicht so schlecht

    ich verlor wegen Krankheit alles kann aber inzwischen wieder arbeiten. Verdiene mit 80% 2540.- und das im 7x24 Std. Schicht Betrieb. Auch bekomme ich nicht noch andere Zusatzleistungen und bin nicht mein eigener Boss. Es gibt noch viel tiefere Saläre. Wie Sonden diese höhere Preise bezahlen. Habe heut schon 0 Fr. für Auto, Ferien, Ausgang, Coiffeur,etc

    • Jay am 10.09.2018 20:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Wäre zufrieden damit

      Aber jedes wochenende frei und ferien

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  • armä Puur am 10.09.2018 19:56 Report Diesen Beitrag melden

    rechnet einfach mal alles mit

    Benzinsteuer-Rückerstattung, eigene Milch, Käserücknahme, Oelabanahme etc. von der Käsi zu Spottpreisen, Eigenes Gemüse, Kartoffeln, Zwetschgen etc. Pro Monate mindestens Fr. 1'000.--, wurde dies auch eingerechnet? Dann Direktverkäufe ab Hof, wohl eher nicht deklariert!!! Wer glaubt denn diesen Zahlen? Dann billige Kredite für Stall, Melkrobotter, Mähdrescher etc. Rechnet mal auch das Vermögen dieser Leute, mit Hof und Land !!!!

  • Fairness Fehlt am 10.09.2018 19:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grossbauern zocken ab

    Leider sind das die Löhne der angestellten Landwirte. Die Besitzer, oft Flachland-Grossbauern sind da finanziell meist besser dran. Sie kassieren die Subventionen und ei mancher hat ein Vermögen im siebenstelligen oder höheren Bereich. Und diese bauen nur nach den Subventionen an. Kleinere Landwirte oder gar Bergbauern sehen davon leider nichts. Aber die Grossbauern haben halt einfach eine zu grosse Lobby in Bern. Schade eigentlich, denn die Landwirte gestalten unsere schweizer Landschaft.