Streit um Lerntechnik

06. November 2018 12:49; Akt: 06.11.2018 12:49 Print

Verstehen Sie, was Lorena (7) schreibt?

von A. Peterhans - Nidwalden ist der erste Kanton, der das «lautgerechte Schreiben» ab der zweiten Primarklasse aus dem Unterricht streicht. Gegner warnen vor zu frühem Drängen.

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Über «lautgerechtes Schreiben» kann man geteilter Meinung sein. Erstklässlerin Lorena (7) hat für uns einen Teil der Pro-ARgumente «übersetzt». Sie lernt seit diesem Sommer lesen und schreiben. Verstehen Sie, was Lorena schreibt? Viele Schüler lernen so schreiben, wie sie hören. Die Nidwaldner Primarschüler dürfen das seit kurzem nicht mehr. Schon ab dem zweiten Schuljahr sollen Lehrer auf die korrekte Schreibweise pochen. Nidwalden ist der erste Kanton, der die umstrittene Methode «Schreiben nach Gehör» früher abschafft als es der Lehrplan 21 vorsieht. Darin ist festgehalten, dass Lehrer erst ab dem dritten Schuljahr eine korrekte Schreibweise durchsetzen sollen. Der Streit um die Rechtschreibung erreichte auch die Bundesebene. Parlamentarier und Bildungspolitiker sagen, das Schreibniveau nach der obligatorischen Schulzeit sei zu tief. «Viele Studenten an der Universität haben ein tiefes Rechtschreibniveau. Ein pauschales Urteil, dass alle schon ab der zweiten Klasse korrekt schreiben müssen, ist aber ein Fehler. Mit frühem Insistieren nimmt man aber den Kindern die Freude am Schreiben», sagt der SP-Nationalrat und ehemalige Lehrer Matthias Aebischer. «Als junger Bub habe ich selbst bis in die neunte Klasse viele Fehler gemacht. Ich habe dafür schöne und kreative Texte geschrieben», sagt Aebischer. Habe sein Freund seine Postkarten als Kind korrigiert, sei er demotiviert gewesen und habe keine Lust mehr verspürt, eine zu schreiben, so Aebischer. «Andere lesen viel und haben die Rechtschreibung schnell im Griff – so etwa meine drei Töchter». Ziel wäre keine pauschale Lösung, sondern auf die Fähigkeiten der Schüler einzeln einzugehen, sagt er. Der Nidwaldner SVP-Regierungsrat Res Schmid sieht das anders. «Kinder sind motiviert, möglichst schnell richtig schreiben und lesen zu lernen. Wenn ein starker Schüler zuerst drei Jahre lang falsch schreibt, wird er nicht gefördert. Auch schwächere Kinder haben so länger Zeit, die richtigen Schreibregeln zu verinnerlichen», sagt er. «Eltern, Lehrbetriebe und Professorinnen beklagen sich, dass die junge Generation nicht mehr richtig schreiben kann. Eltern hatten insbesondere Mühe mit der Weisung der Lehrer, die offensichtlichen Schreibfehler der Kinder nicht korrigieren zu dürfen. Das konnte ich als zweifacher Vater nachvollziehen», sagt Schmid.

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Viele Schüler lernen so schreiben, wie sie hören. Die Nidwaldner Primarschüler dürfen das seit kurzem nicht mehr. Schon ab dem zweiten Schuljahr sollen Lehrer auf die korrekte Schreibweise pochen. Nidwalden ist der erste Kanton, der die umstrittene Methode «Schreiben nach Gehör» (siehe Box) früher abschafft, als es der Lehrplan 21 vorsieht. Darin ist festgehalten, dass Lehrer erst ab dem dritten Schuljahr eine korrekte Schreibweise durchsetzen sollten.

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Ob die Methode «Schreiben nach Gehör» sinnvoll ist oder zu mieser Rechtschreibung führt, ist umstritten – ein Befürworter und ein Gegner legen ihre Argumente dar.

Pro: Ehemaliger Lehrer und SP-Nationalrat Matthias Aebischer

Den ersten Teil seiner Aussagen hat Erstklässlerin Lorena (7) nach Gehör aufgeschrieben.

«vile schtudenten an der universitet haben ein tives rechtschraibnivo. Ein pauschales urtail das ale schon ap der zvaiten klasse korekt schraiben müsen, ist aber ein veler. mit frühem insistiren nimt man den kindern die froide am schraiben.»

Als junger Bub habe ich selbst bis in die neunte Klasse viele Fehler gemacht. Ich habe dafür schöne und kreative Texte geschrieben. Hat mein Freund meine Postkarten korrigiert, war ich demotiviert und hatte keine Lust mehr, eine zu schreiben. Andere lesen viel und haben die Rechtschreibung schnell im Griff – so etwa meine drei Töchter.

Ziel wäre, auf die Fähigkeiten der Schüler einzeln einzugehen, wie es der Lehrplan 21 vorsieht – gleichzeitig die Fantasie und die Rechtschreibung zu fördern. Die Lehrer sind gefragt. Der Mut zur Kreativität einiger Primarschüler, würde durch den Rotstift kaputtgemacht werden.

Kontra: SVP-Regierungsrat und Bildungsdirektor Res Schmid

Eltern, Lehrbetriebe und Professorinnen beklagen sich, dass die junge Generation nicht mehr richtig schreiben kann. Eltern hatten insbesondere Mühe mit der Weisung der Lehrer, die offensichtlichen Schreibfehler der Kinder nicht korrigieren zu dürfen. Das konnte ich als zweifacher Vater nachvollziehen.

Kinder sind motiviert, möglichst schnell richtig schreiben und lesen zu lernen. Wenn ein starker Schüler zuerst drei Jahre lang falsch schreibt, wird er nicht gefördert. Auch schwächere Kinder haben so länger Zeit, die richtigen Schreibregeln zu verinnerlichen. Kinder sind lernfähig und werden damit nicht unter Druck gesetzt.

Die Absprache mit Experten hat gezeigt, dass es Sinn macht und Schüler motiviert, wenn sie für die ersten Monate so schreiben dürfen, wie sie hören. Je nach Entwicklungsstand sind die Lehrer aber dazu angehalten, schon nach wenigen Wochen Orthographieregeln durchzusetzen. Das Echo ist positiv. Ich nehme an, dass der Druck in allen Kantonen besteht und viele jetzt nachziehen werden.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Dani am 06.11.2018 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Blödsinn

    Kein Wunder können die Leute nicht mehr richtig schreiben wenn sie in der Schule zuerst nach Gehör schreiben "lernen". Man schaue sich nur mal in Foren oder Chatplattformen und so um. Haarsträubend was man da so lesen muss. So einen Quatsch gab's zu meiner Zeit noch nicht.

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  • kk8000 am 06.11.2018 13:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kreativ = frei von Fehlern

    Und ich will, dass die kreative Buchhaltung gefördert wird.

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  • Beat am 06.11.2018 14:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schule

    Dass wir Alten überhaupt lesen und schreiben gelernt haben ist schon sehr bemerkenswert. Seit 20 Jahren findet man alle 2-3 Jahren eine neue Methode raus, und wir haben immer mehr Menschen die nicht richtig lesen und schreiben können. Versteht das einer.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Anna_81 am 07.11.2018 15:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Warum immer nur Jammern?

    Meine Grossmutter, heute üner 90 Jahre alt, war Primarlehrerin, 1. und 2. Klasse. Auch sie hatte damals nicht alle Rechtschreibefehler der Schülerinnen und Schüler korrigiert. Das ist nichts Neues, dass man nicht von Beginn JEDEN Fehler korrigiert! Wenn Ihr alle alles Besser wisst und könnt, dann werdet Lehrer oder Lehrerin oder geht in die Politik! Ja, ich selbst habe die Lehrerbildung genossen, arbeite aber im Sektor meines ersterlernten Berufes. Die CHer können nur noch motzen und jammern, nehmt es selbst in die Hand und machts besser. Und erfreut euch ab dem Schönen in der Welt!

  • CreActiveX am 07.11.2018 12:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Häh?

    Schreiben nach Gehör??? Ich bin auch erst 35, aber davon habe ich noch nie gehört zu meiner Schulzeit... Sehe den Sinn überhaupt nicht zuerst etwas falsch zu lernen nur damit man es dann wieder korrigieren muss. Ist doch sinnloser Aufwand und viel mühsamer zu lernen?

  • Stefan am 07.11.2018 12:36 Report Diesen Beitrag melden

    Schüler noch Kinder sein lassen

    Lehrplan geht also auf den Schüler einzeln ein ? Punkt 1 ist, dass in der Schweiz der Druck auf die Schüler ungleich höher ist als in anderen Ländern. Fängt schon bei der Benotung an. Von Note 4-6 ist man genügend, 1-4 ungenügend. In Deutschland ist z.B. 1-4 genügend, und 4-6 ungenügend. Heisst, dass in Deutschland "40%" korrekt sein muss für ein genügend, während es in der Schweiz "60%" benötigt. Oder nehmt mal euer Kind für 1 Woche aus dem Unterricht. Unmöglich. Nicht so in anderen Ländern. Unsere Schwägerin aus Neuseeland konnte das problemlos. Bei uns unmöglich. Alles übergeregelt...

  • Ricci Klein am 07.11.2018 12:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schreiben nach Gehör

    Ich bin entsetzt. Da ich (noch) keine Kinder habe, wusste ich auch nicht, dass zwischen meiner Schulzeit und der aktuellen das Konzept: Schreiben nach Gehör, eingeführt wurde. Was für ein Studierter hat sich das wieder einfallen lassen. Absolut richtig gehandelt, das gehört schleunigst abgeschafft und begraben.

  • Penumbra Noctis am 07.11.2018 11:38 Report Diesen Beitrag melden

    Und Rechnen nach Gefuehl

    Wer "Schreiben nach Gehoer" lehrt, sollte den Kindern auch "Rechnen nach Gefuehl" lehren. Da wird man dann schon sehen, wie es herauskommt.